Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1901)
- Date
- 1901-05-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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868 unerklärliche (betriebe, das Haß und Bosheit heraufbeschworen, mit hineinziehen! Jetzt erst wurde ihm klar, was Dr. med. Alföld's Worte: „Ich werde Ihnen schon zeigen, was es heißt, einen Kollegen verdrängen," bedeuteten. Dr. Alföld war vom Amte suspendirt worden, weil er an einer Dienerin einen operativen Eingriff vorgnommen, der den Tod des Mädchens zur Folge hatte. Dr. Lazzlo wurde hierüber als Zeuge eidlich vernommen, und muhte der Wahrheit gemäß gegen Dr. Alföld zeugen. Konnte er damals ahnen — der Prozeß hatte sich vor etlichen Monaten abgespielt — wie schreckliche Rache dieser Dr. Alföld nehmen würde. Dr. Bathorn war Alföld's Busenfreund; diese Beiden, im Bunde gegen ihn, schienen es darauf abgesehen zu haben, ihn zu verderben. Da man ihm als Bürger nichts anhaben, seine Thätigkeit als Arzt nicht verdächtigen konnte, dichtete man ihm, dem strenggläubigen Juden, eine That an, die von der fanatisirten, zum religiösen Haß aufgestachelten Masse geglaubt wurde. Dr. Alföld war reich genug, alle Minen springen zu lassen, um eine Horde zu organisiren, die gegen Dr. Lazzlo zeugte. Was thut der in Stumpfsinn befangene, durch Alkoholgenuß unzurechnungsfähig gemachte Bauer nicht für Geld! Bela Hetway, der in Lazzlo's Hause wohnte, wurde zuerst von ihni angeworben. „Für jeden Zeugen, den Du mir bringst," hatte ihm Dr. Alföld gesagt, „erhälst Du 100 Gulden." Und Bela Hetway, ein vollständig verarmter Mensch, der. um sich Schnaps kaufen zu können, jeder Missethat fähig war, ging scharf in's Zeug, warb einen Zeugen nach dem andern, organisirte eine ganze Schaar, die darauf eingeschworen wurde, auszusagen, Dr. Lazzlo habe die Ilona Kusmik beseitigt, weil er, der fromme Jude, am Passahfeste das Blut eines Christenmädchens brauchte. Hetway wußte schon, an welche Thüren er anzutlovfen hatte, um Zeugen zu werben. Da war der Maurer Arpad, ein alter Zechgenosse, der wegen schlechter Arbeit, die er an Lazzlo's Haus ausgeführt, von seinem Meister entlassen wurde und seinen Haß gern beihätigte, indem er wühlte und Stimmung gegen Lazzlo machte. Gegen den Juden waren sie alle einig, vorzugehen, da sie ihn um seine bevorzugte Stellung beneideten. Niemand machte sich ein Gewissen daraus, eine Unwahrheit zu sagen. „Dem Jud," hieß es, „geschieht schon Recht, wenn er tüchtig eingetunkt wird! Lebt wie ein Fürst, ist reich, unabhängig, verdient mehr, als er verbrauchen kann, hat die schönste Frau im Ort!" fünftes Kapitel. Maurer Arpad wohnte mit Nico Hallay, dem alten Zigeuner, wie man ihn gemeinhin nannte, zusammen. Dieser Nico war vor Kurzem von weiten Reisen zurückgekehrt und nicht wenig erstaunt, zu hören, wie Jud und Christ sich in seiner „lieben" Heimath befehdeten. „Das," dachte er, „ist doch draußen in der weiten Welt ganz anders." Mit einer Zigeuner-Kapelle war er bis nach Paris gekommen; da hatten sie flott in den Kaffees der Boulevards gegeigt, viel Geld eingenommen, so daß sie die Fahrt nach Genua wagen konnten; — auch da fand ihre Fidel ein dankbares Publikum! Der Prim-Geiger hatte den Wunsch, die ewige Roma zu sehen. Da man nun einmal im Süden war, kam es den lustigen Wandersleuten auf einige Tagereisen nicht an. Ei, wie ihnen da das Herz aufging, als sie der Musik im Dome zu St. Peter lauschten. Die Kameraden waren noch in Rom geblieben; aber Nico hatte gar bald die Sehnsucht nach seinem Heiniathlande gepackt. Tag für Tag war er gewandert, Wochen, Monate lang, und nun endlich, da er zu Hause war, fand er, daß die Zustände daheim keineswegs so verlockend waren, wie er geträumt. Fast sehnte er sich wieder zurück nach dem sonnigen Süden und den lebensfrohen Menschen. Wenn er da sah, wie sein Jugendfreund Hetvary agitirte, harmlose Leute zum Meineid und falscher Zeugenaussage zu verleiten suchte, war ihm ganz bang um's Herz. „Schlechte Menschen," sagte er sich, „da ist Zigeuner doch besserer Mensch! Singt sein Liedel, zieht froh von Ort zu Ort und läßt den lieben Gott einen guten ‘JJümti sein!" Als er aber gar hörte, gegen wen sich die ganze Agitation richtete, da ward er unwirsch und erklärte dem alten Arvad, bei dem er Quartier genommen, er wolle solch' gotteslästerliches Zeug gar nicht mit anhören, die Lazzlos leien ehrenwerthe Leute, er habe schon den alten Rabbi gekannt und dessen Frau; von Beiden hatte er nur Gutes erfahren und in Rom, in St. Peter, da — er wolle den heiligsten Eid darauf schwören — habe er Pater Aladar Lazzlo im Beichtstuhl gesehen; obgleich er ihn erkannt und ihn angesprochen, war der fromine Pater nicht gewillt, auf den Namen Lazzlo zu hören, trotzdem — er wisse es bestimmt — es sei der Aladar gewesen, den er als Kind auf den Armen getragen. Und nun wolle man den Bruder dieses frommen Mannes beschuldigen, ein Christenmädchen gemordet zu haben? Nein, das sei purer Blödsinn! Und wenn Arpad mit dem Aufwiegler Hetvay gemeinsame Sache mache, dann werde er, der vielgereiste Nico auftreten und sagen, wo er Dr. Lazzlo's Bruder gesehen; von dort werde dem Dr. Eli Hilfe kommen und müßte er selbst noch einmal nach Rom und dem frommen Pater sagen, was seinem Bruder drohe. Man lachte den alten Nico einfach aus, nannte ihn einen Narren, wühlte weiter, warb und bezahlte Zeugen für die demnächst stattfindende Gerichtsverhandlung, aus der es, nach den vertheilten Bestechungsgeldern zu urtheilen, sonnenklar hervorgehen müßte, daß Dr. Lazzlo das bisher verschwundene Mädchen auf die Seite geschafft.