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Der Israelit · 1901-05-15 · Heft 38 (15.5.1901) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 38 (15.5.1901)
Date
1901-05-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
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870 sagte sie, „wohne der alte Zigeuner Nico, der wiederholt geäußert, wenn er nur das Geld zu einer Reise nach Rom hätte, er wolle den Herrn Dr. Lazzlo befreien. Nico sei ein ehrlicher Mann, dem die Frau Doktor vertrauen solle." Der Ertrinkende erfaßt selbst den Strohhalm: obgleich wenig Hoffnung in ihrem Herzen lebte, so ging Frau Aranka darauf ein. den Zigeuner Nico zu sich kommen zu lassen. Welche Welt der Empfindungen durchwogte ihr Herz, als ihr der alte Mann mittheilte, wen er zu ihrem Schuhe anrufen wolle! — Ja, wer könnte ihre und des Gatten Angelegenheit besser vertreten als Aladar, der, wie sie schon vor längerer Zeit vernommen, in Rom zu hohen Ehren gelangt war! Doch wo ihn finden? Man wußte ja nicht einmal seinen jetzigen Namen. Als sie diesem Bedenken Ausdruck gab, sagte Nico in seiner treuherzigen Art: „Dafür lassen Sie mich sorgen, Frau Doktor; ich weiß, wo ich den Pater in Rom in der Peterskirche gesehen, habe mir die Kapelle genau gemerkt und müßte nicht der Zigeuner Nico sein, wenn ich sie nicht wieder finden sollte! Kann irgend Jemand unfern Doktor befreien, so ist es der fromme Pater, sein Bruder." Aranka wollte einwenden, daß Aladar sich von der Familie losgesagt und schwerlich zu Gunsten seines Bruders eintreten würde, dock der alte Nico, ihren Gedankengang errathend, sagte: „Ich kenne Aladar's gutes Herz; er selbst wird zum Papste gehen und ihm vorstellen, wer sein Bruder ist, weßhalb man ihn gefangen hält; und dieser wird ihm glauben, wenn er sagt, daß Juden kein Christenblut brauchen, daß alle Beschuldigungen Lug und Trug." „Aber." siel ihm die junge Frau in's Wort, „wird der Papst zu Gunsten eines im fernen Ungarland wohnenden Juden eintreten? Wird Aladar es bewirken können, daß-" „Der Papst duldet kein Unrecht," sprach Nico im Tone der innersten Ueberzeugung; „es gilt nur, bis zu ihm zu gelangen, und das kann der fromme Pater Aladar: vertrauen Sie mir, Frau Doktor, und Noth und Sorge werden ein Ende haben, wenn ich-" „Sie muthen sich zu viel zu, guter Nico," unterbrach Aranka; „der Schwager wird Sie nicht hören, er hat jeden Verkehr mit seiner Familie, mit seinen Landsleuten abgebrochen!" „Den Nico nicht hören," unterbrach der Zigeuner fast unwillig, „wenn ich ihm sage, daß ich die weite Reise gemacht, um ihm das Schicksal seines Bruders an's Herz zu legen? Glauben Sie, daß er seinen Bruder nicht mehr liebt? Daß er ein schlechter Mensch geworden? O, da kenne ich den Aladar besser! Wenn ich, als er noch ein kleines Bürschchen war, mit ihm spielte, ihm meine Fidel lieh oder ihm selbst was vorgeigte, da griff er mit seinen kleinen Patschhändchen nach mir und sagte: „Nico Hab' ich lieb! Nico gut Freund sein!" Das hat der gelehrte Herr sicher nicht vergessen! Und dem Nico wird und muß er Gehör schenken, wenn auch nicht in St. Peter, wo Alles so garfromm und förmlich zugeht, so doch daheim in seiner stillen Klause; da werde ich ihn aufsuchen und ihm erzählen, was es kür böse Menschen daheim gibt und daß sein Bruder durch sie unglücklich geworden! Mehr wird nicht nöthig kein; sollt ich den Aladar Lazzlo nicht kennen, wenn er nicht sofort —" „O, er wird von den Juden nichts wissen wollen," unterbrach Aranka. „Da müßte er ein schlechter Mensch sein," eriuiederte Nico, „und das ist der Aladar nicht! In Rom ist jeder Pater ein Gelehrter; da wird man am Besten wissen, daß solch eine Beschuldigung, wie man sie hier aufbringt, die Juden brauchen Christenblut, unwahr ist!" — „Das wissen die Gebildeten und Vorurtheilslosen auch hier," sagte Frau Aranka, „aber keine Macht der Welt ist im Stande, die stupide Menge davon zu überzeugen!" „Die höchste Macht der Welt," sagte 'Nico, „ist der Papst in Rom. Der muß ein Wort sprechen, liebe Frau Doktor, und das ganze Gezeter wird ein Ende haben; glauben Sie mir, der Nico ist in der ganzen Welt herumgekommen, und ist er auch nur ein armer Zigeuner. er weiß, von wo auf Hilfe zu hoffen ist! Wollen Sie dem Nico vertrauen?" „Ich will," sagte Aranka, ohne zu überlegen. „Wie viel gebraucht Nico für die Reise nach Rom?" Der Zigeuner überlegte, ob da nicht ein gutes Geschäft zu machen wäre, doch seine Ehrlichkeit trug den Sieg davon. „Reise ich zu Fuß," sagte er, „brauch' ich wenig, kaum pro Tag einen Gulden; Hab' ich Fahrgelegenheit, wohl vier, auch fünf Gulden!" „Selbstverständlich wird Rico fahren," sagte Frau Aranka und überlegte in der Eile, wie viel Geld sie wohl entbehren könne, um Rico die Reise so bequem als möglich zu gestalten. Frau Aranka mußte sehen, so viel baares Geld flüssig zu machen, da ihr Vermögen in Papieren anae legt war. „.Kommen Sic morgen friih wieder, Nico," sagte sie, ..ich werde Ihnen einen größeren Geldbetrag einhändigen; dann reisen Sie so schnell und so bequem als möglich; sparen Sie nicht. Für Aladar gebe ich Ihnen einen Brief mit: riisten Sie sich noch heute für die Reise. Jeder Tag, der verloren ist, bedeutet für meinen armen Mann (Fortsetzung folgt.)

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