Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1901)
- Date
- 1901-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Erste Aeitage zu Jfs Zg des „Israelit". Literarisches. Um vielfach ausgesprochenen Wünschen nachzukommen, hat der Ausschuß des „Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur" in Deutschland sich entschlossen, das „Gedenkbuch für Samuel David L u z z a t t o" und den letzten Band des ,.J a h r b u ch e s für jüdische Geschichte und Litteratur" pro 1901 allen Rabbinern, Lehrern und Kantoren, die sich direkt unter Einsendung des Betrages an Herrn Maximilian H e y m a n n , Berlin N.W., R o o n st r. 9, wenden, so weit der Vorrat reicht, zu dem ermäßigten Preis von Mk. 1 inclusive Porto zu überlasten. In dem Aufsätze: „Antisemitische Stimmen aus dem klastischen Alterthum" von Rabbiner Dr. Beermann wird von dem römischen Dichter Horaz u. a. eine Auslastung erwähnt über Tricesima sabbata, wobei wobl an den „Neumonds- oder Versöhnungstag" gedacht sei. In der bezüglichen scherzhaften Horazstelle handelte es sich um eine — fingirte — wichtige Besprechung, welche abgelehnt wurde, weil für eine solche der betreffende Tag als Tricesima sabbata (30. Sabbat) ungeeignet sei. Auf diesem muß also im Volksglauben das Odium eines traurigen, nicht glückverheißenden, ominösen Tages gelastet haben, an dem man ungern etwas Wichtiges beginnt. Es ist deßhalb nicht abzusehen, wieso dainit der Neumondstag gemeint sein konnte; und noch weniger kann es der Versöhnungstag sein, von dem der Talmud sagt, daß er — sowie der 15. Av — ein einzigartiger, freudig st er Festtag für Israel war.*) Schon als ich Horatius Flacius für's Gymnasium trieb, hat mich, angeregt durch meinen Profestor, die Frage nach diesem Tricesima sabbata beschäftigt. Es ginge nicht an, zu interpretiren, daß darunter irgend ein Sabbat, der Sabbat als solcher, ein „Ruhetag" zu verstehen sei, an dem man keine — geschäftliche — Besprechung pflegt, und daß eben just der 30. Sabbat im Jahre war. Denn eine solche Datierung der Sabbate ist ausgeschlossen, zumal im Munde eines römischen Dichters. Wohl aber konnte diesem bezw. dem römischen Volke ein b e si i m m t e r Sabbat als ein „kritischer" Tag erinnerlich sein bezw. gelten. *) rrwyai "wy rm>rD 'ivrwb D'iic dus’ vn nd 'Di naro. Als ich die Frage anläßlich des eingangs genannten Artikels im „Israelit" mit einem Bekannten besprach, warf dieser scherzend hin: „Vielleicht war's . . . Schwarz -- rce> — bekanntlich eine volksthümliche Bezeichnung für snn! Warum aber dieser der 30. Sabbat genannt worden? — — Antwort: „Er ist der 30. Sabbat von der Woche des nsca an gerechnet" — 7 Monate! Daß sich in der Vorstellung des Volkes eine Verbindung zwischen diesem Tage, zwischen dem Gedenktage der beginnenden Belagerung Jerusalems und dem der Tempeleinäscherung — zkz ’» — sowie eine Zählung der dazwischen liegenden Sabbate herausgebildet hat, wäre ja wohl nicht unmöglich.*) Vielleicht weiß ein gelehrter Leser des „Israelit," ob einer solchen Datierung des pin ro» im Talmud Erwähnung geschieht! Wenn diese von mir übermittelte Interpretation zutreffend ist, so dürfte dieselbe, die ja an sich zunächst die Horaz-Erklärer angeht, doch auch ein nicht unwichtiges jüdisches Interesse gewinnen. Denn die in Rede stehende Horazstelle **) würde alsdann bekunden, eine wie nachhaltige, ernste Wirkung die Zerstörung des ersten Tempels auch auf die außerjüdische Welt noch im Augustäischen Zeitalter ausgeübt hat, daß sich nämlich diese Wirkung selbst im Volksglauben abspiegelte und dokumentirte, insofern der Sabbat, der dem Gedächtniß jener Zerstörung geweiht ist, die Bedeutung eines dies nesas, eines „Unglückstages" gewonnen oder beibehalten hat. Mit diesen Schlußfolgerungen aus obiger Interpretation möchte die Stelle der Beachtung seitens der jüd. Kulturhistorik nicht unwerth sein. 8. Mai 1900. Ern st Grebe r. Zeitungsnachrichten und Correfpondenze«. Deutschland. Berlin. Die Erziehungsanstalt für jüdische Knaben, die durch Richterspruch der Fürsorgeerziehung uberwiesen werden, ist nunmehr in Ripzin bei Schivel- *) Wenn auch die beiden Ereignisse selbst, an welche diese Gedenktage erinnern, über IO2 Jahre auseinanderliegen. **) Zur Ehrenrettung meines röm. Lieblingsdichters Horaz möchte ich mir übrigens zu bemerken erlauben, daß man die angezogene VerSsrelle (Satire I. 9,69) doch kaum unter „antisemitische Stimmen" rubricieren kann, denn sie war, wie der Herr Vers, des Aufsatzes selbst sagt, „nicht boshaft", ja harmlos gemeint, ähnlich wie eine andere im Aufsätze nicht rilierte — Stelle über die Juden am Schlüsse der 4. Satire. — Siehe G. Krüger'S Commentar zu Horaz' Satiren und Episteln ibid.