Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1901)
- Date
- 1901-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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856 Pathe war aber an einer Art Gallenfieber gestorben, ohne ein Testament zurückgelassen zu haben, ein bisher verschollener Bruder, der sich niemals um sie und die ganze Sippschaft gekümmert hatte, war auf der Bildfläche erschienen, sackte den ganzen Nachlaß ein, und dem armen sechsjährigen Kinde blieb von der reichen Pathin nichts übrig, als ein Henkelthaler, den die Verstorbene bei der Taufe dem Kinde um den Hals gehängt hatte. Das Kind wuchs heran. Trotz ihrer Häßlichkeit und Armuth hatte Gundel (Kunigunde), so war der Taufname, die Augen zu dem Sohne des Thürmers erhoben. Stand und Beruf beider Väter waren eng miteinander verbunden. Denn während der Küster in der Kirche hantirte, lugte der Thürmer von seinem hohen Wohnsitze aus weit in's Land hinaus, um mit Hilfe seines Fernrohres eine entstehende Feuersbrunst rechtzeitig zu entdecken. In einem solchen Falle gab der pflichteifrige Wächter das Signal und sein Freund, der Küster, schlug an die Sturmglocke, daß die Feuerwehr sofort in Aktion trat. Die Thätigkeit der beiden Freunde war so enge verknüpft, daß es auch Niemanden auffiel, wenn der Rudi (Rudolph) und die Gundel jeden freien Augenblick benützten, um zusammen zu scherzen, zu spielen oder auch zu raufen. Die Kinder waren mitsammen erzogen und war Rudolph um einige Jahre älter, als Gundel, so war diese wieder um Vieles klüger, als jener, selbst dann, als er schon das städtische Gymnasium besuchte, und sie noch nicht die Volksschule hinter sich hatte. Rudolph hatte die acht Klaffen des Gymnasiums in seiner Vaterschaft schleckt und recht abgeseffen, so daß er die mit Recht so gefürchtete Maturitätsprüfung ablegen konnte. Dann war er in die Hauptstadt gezogen, um dort vor allem Corpsstudent zu werden, Studentenkneipereien mitzumachen, den Fechtboden zu besuchen und schließlich auch philosophische Vorlesungen zu hören, da sein Ehrgeiz darnach ging, in seiner Vaterstadt als Gymnasiallehrer angestellt zu werden. Die uothwendigen Mittel zu dieser Lebensweise sandte ibm sein Vater. Rudolph forderte sie und nahm sie an, ohne darüber nachzudenken, auf welche Weise der alte Thürmer dies Alles aufbringe, obwohl Rudolph doch wußte, daß deffen Einkommen ein sehr bescheidenes sei, und daher deffen Ersparniffe gleich Null sein konnten. Der leichtsinnige junge Mann ahnte trotzdem nicht, daß der größte Theil der ihm aus der Heimath gesandten Mittel aus ganz anderer Quelle flössen, als aus des Turmwächters Tasche.- Gundel war immer ein hochbegabtes und sehr fleißiges Kind gewesen, der Liebling ihrer Eltern und Lehrer, sowie aller wohlwollenden Kinderfreunde ihrer Vaterstadt. Nack jeder Schulprüfung, welche regelmäßig zweimal des Jahres abgehalten wurde, wobei sie gewöhnlich den ersten Preis erhielt, gab ihr der würdige Qrtsdechant noch extra eine große Silbermünze zur Belohnung, und kleinere Geldstücke von anderen Schulfreunden verschmähte das arme Küsterstöchterchen auch nicht, als Belohnung anzunehmen. Ja, als sie bei Gelegenheit der Schulvisitation des Vikarius die Bewill kommnungsansprache gehalten, gab ihr dieser beim Abschiede einen goldenen Dukaten. Sie hütete sich wohl, ein Stück dieser geschenkten Münzen, woran sich so schöne Erinnerungen knüpften, für sich zu verausgaben, und die Eltern waren trotz ihrer drückenden Verhältnisse doch zu gewissenhaft, um ihr einen Theil ihres sorgfältig gehüteten Schatzes abzufordern. Sie sparte, sparte für ihren Jugendfreund, den Rudolph/' Hier machte Frau Rösl eine kleine Pause, während der junge Doktor einige Male schweigend im Zimmer auf und ab schritt. (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags nnd Donnerstags, jchlsal te mindeste«- zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Au-land entsprechend höher. Mm» abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Vrr Vuchhandrl verkehrt durch V. jJF. Klrruackrr, Leipzig, Notzplutzjv. — Inserate 25 Pfennig die »iergespalteu« PetttzeUe »der dere» Raum. Preis der Zeile im Reelamethell 75 Pfennig. — Direkte Francoznsendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr.. für'- AnSlan» iS Mark, an die Expedition franco etufenden. Postzeitungsliste 3702. Telephon $15. Ehre Rüstsaadmug der an die Redaktion eingesandten Manuskripte findet nicht statt, wum bittat deshalb» sich von allen Einsendungen eine Copie zurückzubehalte«. 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