Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1901)
- Date
- 1901-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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857 WWW Der fremde junge Mann ging geradewegs zu dem Sessel, auf den'- die Blinde saß. „Sie haben mich zu sich rufen lassen, gnädige Frau!." „Das habe ich. und herzlichen Dank, daß Sie gekommen. Elise hat mir ihr Verhältniß zu Ihnen gebeichtet, und da erachte ich, als die mütterliche Freundin des jungen, früh verwaisten Mädchens, es als meine heilige Pflicht, Rücksprache mit Ihnen zu nehmen, und Sie über die Absichten zu befragen, welche Sie mit Elise haben." „O gewiß, nur die ehrlichsten, beste, gnädige Frau! Rur wird es noch eine längere Zeit dauern, ehe ich daran nur denken kann, einen eigenen Herd zu gründen. Ich bin erst vor Kurzem zum Doktor promooirt worden, und muß noch lange bei berühmten Meistern lernen, ehe ich mich für fähig erachte, meine Wissenschaft in den Dienst der Menschheit zu stellen." „Diese Gesinnung ist eine lobenswerthe und erhöht das Vertrauen, das mir Ihre Persönlichkeit einslößt, um ein bedeutendes. Es hat ja keine Eile. Sie sind beide noch jung. Aber vor einer Enttäuschung möchte ich das Kind schützen. — und detzwegen habe ich Sie zu mir bitten lassen. Elise hat mir Sie mit dem Namen Doktor MUllner genannt. Der Name ist wohl der Richtige, nicht wahr?" Rösl konnte wohl die Veränderung nicht sehen, die bei diesen Worten in den Zügen des Doktors vorging, jedoch ihr scharfes Dhr vernahm es, wie derselbe unruhig auf seinem Sessel hin und her rückte, wie seine Stimme die ruhige Klangfarbe verloren hatte. Nur mühsam seine Verlegenheit bekämpfend, antwortete er nach kurzem Zögern mit beklommener Stimme: „Nicht eigentlich, gnädige Frau! Unerquickliche Familienverhältnisse, die ich nur ungern berühre, haben mich veranlaßt, den Namen meiner Mutter zu führen." „Und Ihr Vater hieß Rudolf Hilber, nicht wahr?" „So ist es," antwortete fast tonlos der junge Mann. „Sie kennen ihn persönlich, verehrte Frau?" „Ich habe ihn gekannt, und Sie an Ihrer Aussprache als dessen Sohn vermuthet, trotzdem mich Ihr Name irreaeführt hatte." „So ungern ich auch von diesen traurigen Familienverhältnissen spreche, Ihnen aber, Ihrem durchdringenden Verstände, kann ich nichts verbergen. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern, und vermochte es leider nicht, wie es sonst zu sein pflegt, das Herz meiner Eltern in Liebe und Duldung zu vereinen. Nack einer Reihe unerquicklicher Scenen, welche die Folge eines immer mehr um sich greifenden Zerwürfnisses gewesen, bat mein Vater nächtlicher Weise Weib und Kind verlassen, ohne ihnen irgendwelche Subsistenzmittel zurückgelassen zu haben. Meine arme Mutter mußte den Posten einer Gesellschafterin bei einer reichen Wittwe annehmen, erhielt von derselben die Erlaubniß, mich bei sich zu behalten, und auf diese Weise gewann sie nicht nur die Mittel zu unser Beider Lebensunterhalt, sondern konnte mich in meiner Neigung, Medicin zu studiren, unterstützen. Trotzdem in den gelesensten Blättern des In- und Auslandes, sowie in den größten überseeischen Zeitungen Aufrufe an den Geflohenen gerichtet wurden, worin ihm volle Verzeihung zugesichert wurde, blieb dieser aber verschollen; die Che meiner Eltern wurde auf Anregung meiner in der tiefsten Seele verletzten Mutter gerichtlich gelösi, und ihr die von ihr nachgesuchte Bewilligung ertheilt, daß wir Beide ihren unbefleckten Familiennamen Müllncr führen dürfen. — Jetzt kennen Sie das traurige Geheimniß meines Lebens, das ich bis jetzt vor jedem Fremden gehütet habe. Bitte, gnädige Frau, lassen Sie die Handlungsweise meines Vaters nicht mich büßen, und glauben Sie mir, daß mir sein Benehmen, seine schwere Schuld auf meinem Lebenswege als abschreckendes Beispiel vorfchweben wird. Und nun, Vertrauen gegen Vertrauen'. Was wissen Sie von meinem Vater, in welchem Verhältnisse standen Sie zu ihm?" — „Ich?, in gar keinem. Ich war die vertraute Freundin und Rathgeberin seiner einstmaligen Verlob- :en, von ihm selbst wurde ich jevoch als zu unbedeutend einerseits, als Jüdin andererseits übersehen. Das Gelöbniß, Herr Doktor, das Sie mir vorhin freiwillig geleistet, nehme ich gerne Namens meiner Schutzbefohlenen, der verwaisten Elise Schilling an, und bitte gleichzeitig, mir noch ein Stündchen behufs Anhörung einer Geschichte zu widmen, welche Ihnen beweisen soll, daß es ein doppeltes Verbrechen von Ihnen wäre, wenn Sie das Herz des Ihnen vertrauenden Mädchens brechen würden. Wollen Sie einer alten, blinden Frau diesen Gefallen erweisen?" „Gerne, doch fürchte ick, daß ich da neuerliche Enthüllungen über den Charakter meines Vaters erhalte." „Das kann ich Ihnen freilich nicht ersparen, doch wenn Sie an dem Kinde gut machen, was Ihr Vater an dessen Pflegemutter verbrochen, dann wird Sie diese mir geschenkte Stunde niemals gereuen, selbst wenn sie für den Moment einen unangenehmen Eindruck auf Sie hervorgebrackt hat. Allo hören Sie!" „Ich höre, gnädige Frau." „Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, betitele ich: „Die Geschichte einer Häßlichen." Daß sie dies war. die Heldin meiner wahrhaften Erzählung, das behauvteten nicht nur Alle, die sie kannten, das gestand sie selber zu, und wenn ein Mädchen einmal selber ein solches Z.ugeständniß macht, dann ist es eine nicht hinwegzuleugnende Thatsache. Bei ihrer Taufe hatten die Eltern eine alte, reiche Buse zur Pathin geladen, in der Absicht, dem Kinde eine Anwartschaft an das Erbe der altjüngferlichen Pathin zu eröffnen. Fräulein