Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1901)
- Date
- 1901-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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853 der Sadduzäer, durch seine Leugnung der mündlichen Lehre den Vornehmen und Reichen seiner Zeit zu Hilfe kam, damit sie im Verkehr mit den Heiden möglichst wenig durch religiöse Pflichten gestört seien, so standen jetzt wieder eine Reihe von Gelehrten auf, die bemüht waren der religiösen Zeilströmung, die dahinging, den jüdischen Namen wohl zu behalten, die jüdischen Pflichten aber unbeachtet lassen zu können, eine religionswissenschaftliche Grundlage zu geben Eine neue sadduzäische Schule entstand, die in der Bekämpfung des Talmud und der mündlichen Lehre ihre Aufgabe sah. Die moderne Wissenschaft des Judenthums wurde unversehens und bei gar Vielen unbemerkt die Handlangerin eines modernen Sadduzäismus. So viel und so oft wurde gegen den Talmud Sturm gelaufen, daß es in diesem Gelehrtenkreise bald zum Axiom wurde, daß die Autorität der talmudischen Schriften bisher weit überschätzt worden sei, und eaß jeder Angriff aus Mischna und Gemara, sowie gegen deren Träger, die Probe wissenscha'tlichen Sinns schon in sich trage. Wer nur in das Kriegsgeschrei gegen die Tradition mit einstimmte, war schon dadurch zum Mann der Wiffenschaft gestempelt und sah dann selbst von seiner erträumten wissenschaftlichen Höhe herab, stolz und verächtlich auf die größten Geister des alten Judenthums. Daß eine solche Geistesrichtung verwirrend betäubend und vergiftend wirken mußte, ist nur allzunatürlich. In der That wurde denn auch Mancher, der für die neu entstehende moderne jüdische Wissenschaft arbeiten wollte, _ obgleich er im Herzen dem wahren Judcnthum felsenfeste Treue bewahrte in einen falschen Gedankenkreis gedrängt, in seiner wissenschaftlichen Forschung gehemmt, und kaum daß er es selbst merkte zu einem Helfershelfer derer, die die Autorität der Thora erschüttern wollten. Nur wer diese Nebenumstände berücksichtigt, wird es sich erklären können, wie ein Rappaport wiederholt in Schriften aus den Jahren 1827, 1842 und 1852 der Behauptung Worte leihen konnte, daß in Babylonien bis zur Rückkehr Rab's von Palästina keine Talmudschulen blühten, daß diese zweite jüdische Heimath bis dahin leer von Thora war, daß wir dort frühestens eine Blüthe der Thora kurz vor Rab bei dem Vater Mar Samuel's und bei dem ebenfalls eingewanderten Levy merken können. Es läßt sich denken, wie willkommen den Feinden der jüdischen Gesetzestreue diese wissenschaftlich durchaus unbegründete, jeder geschichtlichen Wahrheit Hohn sprechende, wie im Schlaf nieder geschriebene Herabsetzung der Wiege des babylonischen Talmuds, unserer Gemara, war. Die Freude darüber zittert noch in Schriften aus "den" letzten Jahrzehnten Nach. So erklärt der famose I. H. Weiß aus Wien im dritten Bande seiner schont öfters von uns genannten Traditionsgeschichle, jedem der es lesen will, daß darum man sich in Babvlonien mit der mündlichen Lehre nicht beschäftigt habe, weil man bis zur Zeit Rab's dorr nur die geschriebene Thora kannte. In Babylonien, so führt er aus, ging es den Juden ja gilt, 'und wenn man nun dort die Tradition nicht kannte, so liege der Grund darin, weil — die Feder sträubt sich es niederzuschreiben — sich die mündliche Lehre erst zur Zeit des zweiten Tempels in Palästina entwickelt habe. Beiläufig gesagt, hat I. H. Weiß im dritten Bande vergessen, daß er im zweiten Bande wiederholt davon gesprochen hat. daß lange vor Rab die talmudische Gelehrsamkeit in Babylonien eine Stätte hoher Blüthe hatte. Doch solcher Widerspruch berührt große Geister nicht, besonders wenn diese Vergeßlichkeit erlaubt au geeigneter Stelle eine neue Verleumdung des Talmud anzubringen. Führwahr es ist ein Vorzug des Dichters, daß er ruhig beim Veriemacheu schlafen darf, ohne mehr fürchten zu müssen, als die Langeweile des Lesers; während Jrrthümer und Fehler eines großen Gelehrten von unberechenbarer Tragweite sind. Sehr peinlich berührt es auch, daß Rappoport in Note i12 seiner Biographie des Verfassers des Aruch sich nicht von der Manie der Zeit- und Zunftgenossen bespeien konnte, bei den Leistungen unserer in reinster Absicht lehrenden Großen, stets von mehr oder minder selbstsüchtigen Motiven zu reden. So läßt er N. Scherira Gaou in seinem berühmten Sendschreiben nur aus Vorliebe für seine Familie, seinen Wohnsitz und 'eine Hochschule, der Familie die Abstammung von David zusprechen, und seiner Heimath Babylonien das hohe Aller der dortigen Thorakenntniß zuerkenncn. Dies s Leitmotiv eines vielgenannten jüdischen Geschichtsschreibers in Schriften Rappaports zu finden, ist sehr bedauerlich. Doch der wiederholte Angriff Rappaports gegen R. Scherira Gaon's Schilde-ung der uralten Blüthe des Thoraftudiums in Babylon hat ein Gutes gezeitigt. Es wird dies nämlichsür Herrn Halevy dieVeranlassung mit starker Hand den Vorhang hiuwegzuziehen, der das rege Geistesleben der zwischen Euphrat und Tigris wohnenden Juden bis zur Zeit der Amoraim verhüllte. Die Forschungen Halevys zeigen uns Babylonien in ununterbrochener Folge seil dem ersten Exil als ein an großen Thoralehrern und Thoraschülern reiches Land, welches stets in innigster Verbindung stand mir dem Synhedrin in Palästina und dessen großen Meistern. Zum Synhedrin wallten sie herauf um bei Schwierigkeiten und Zweifeln eine allgemein gilt'ge, dauernde Entscheidung zu erlangen. So groß ihre Lehrer waren, im Synhedrin hatten sie das oberste Collegium zu verehren, dem sich alle