Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1901)
- Date
- 1901-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V 42. Jahrgang. JKP38* Der Israelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Br. fe^ntfttm in Bt«itrf. Mittwoch, den 15. Mai 5661 (1961). Leitender Artikel. $tn Mi bis M Wi «»b Siabina von Rabbiner Dr. Bondi. V. Mainz, 13. Mai. Auch Homer schläft zuweilen. Es giebt wenige Gelehrte, denen nicht von Zeit zu Zeit ein unbedachtes Wort entfährt, das uns die fleißigen Arbeiter, die klaren Denker und scharfsinnigen Forscher, als welche sie sich uns in ihren sonstigen Leistungen zeigen, kaum wieder erkennen läßt. Dieser Schlaf der großen Dichter und Gelehrten ist der Tribut, den auch die Großen des Menschengeschlechts ihrer irdischen Unvollkommenheit darzubringen haben, Rur wirken die Schwächen und Fehler der Gelehrten meist weit verderblicher, als oie Ruhepausen, denen sich unbewußt der Genius des Poeten zu Zeiten hingiebt. Es ist noch lange nicht nöthig ein Schiller zu sein, um die Verse herauszufinden bei deren Abfassung Morpheus den Sänger der Jliade überwältigt hat. Dock wenn glänzende Denker einmal sich Träumereien hingegeben haben, dann währt es sehr lange bis die kleineren Geister, die bei ihren Bauten Kärrnerdientte verrichten, den Fehler im Bauplan merken. Die mangelhaft errichteten Mauern müssen erst zusammenfallen, eher sehen die urtheilslosen Handwerker die Gefahr nicht, in der sie schwebten. Ein überraschendes Beispiel für den tiefen Schlaf eines hervorragenden jüdischen Gelehrten und mehr noch für das gedankenlose Nachbeten träger Geister bietet Halevy in der inhaltreichen Abhandlung, seines Dorot Harischonim, die er ..Babylon und das Land Israel" überschreibt. Rappaport, dem wir so vieles Treffliche auf dem Gebiete der späteren jüdischen Geschichte, besonders für das Zeitalter der Geonim verdanken, hält, da wo es sich um Forschungen über Mischna und Gemara handelt, sein geistvolles Auge meist halb geschloffen. Eine Behauptung hat er hier niedergeschrieben, deren Autorschaft wir ihm gar zu gerne aberkennen möchten, wenn er sie nicht allzu oft ausgeführt und wiederholt hätte. Es ist bekannt, daß die Wortführer der modernen jüdischen Geschichtswissenschaft zum größten Theil in der Bekämpfung der mündlichen Lehre und der Herabsetzung des Talmud Babli das Ziel ihrer tendenziösen Behandlung der jüdischen Wissenschaft sahen. Das Abfallen der Sklaoenketten, welche Jahrhunderte hindurch die Juden Europas gefesselt hatten, bci Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hatte Viele der unerwartet aus der Knechtschaft Befreiten in Verwirrung versetzt. Ungeduldig strebten sie danach, allen Glanz und alles Gute der Erde, das blinder Haß der Völker ihnen bis jetzt versagt, zu genießen; und in gedankenloser Hast Alles zu erreichen und zu genießen, sahen sie Hindernisse in den Vorschriften unseres heiligen Gesetzes und brachen, in schmählichster Undankbarkeit gegen Den, der den Sinn der Fürsten und Völker lenkt, der Thora die Treue. In hellen Haufen ließen die Einen das ganze Judenthum in Stich und nannten sich Anhänger fremder Religionen. Andere schämten sich doch einer solchen Fahnenflucht, sie wollten den Namen Juden wohl behalten, jedoch war ihnen jedes Opfer für die heilige Religion zuviel. Sie suchten emsig nach Ausreden und Entschuldigungen, um das Joch, der von Gott uns auferlegten Pflichten, sich zu erleichtern, oder um dasselbe ganz abschütteln zu können. Ganz ähnlich, wie zur Zeit des politischen Glanzes des hasmonäischen Staats, Zaddok der Gründer der Sekte