Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.5.1901)
- Date
- 1901-05-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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844 Worte, die überall in den jüdischen Gemeinden Widerhall finden möchten, die der Stadtverordneten-Vorsteher Herr Buchdruckereibesitzer Heinr. Hundt bei der Debatte betreffs der Uebernahme der israelit. Privatschule sprach. Nachdem der Herr Vorsitzende die materielle Frage eingehend dargelegt hatte, fuhr er wörtlich fort: ,.Die israelitische Sache hat aber auch noch eine andere Seite. An der israelitischen Schule ist ein Lehrer thätig, der dieselbe Ausbildung genoffen, wie unsere Lehrer und auch den gleichen Obliegenheiten nachzukommen hat. Da er eben an einer Privatschule unterrichtet, so steht er den Wechselfällen des Lebens schutzlos gegenüber, für die Tage der Erwerbsunfähigkeit hat er keine Benefizien. Es ist vorhin erinnert worden an ein Wort, das in Preußen allezeit eine Stätte finden sollte: Gleiches Recht für Alle! Gleiches Recht daher auch für unsere israelitischen Mitbürger! Und wenn sie uns hieran erinnern, wenn sie weiter sagen: es sind doch nur so und soviel Mark, welche die Stadt mehr ausznbringen hat, ich meine, da läge für uns eine gewisse moralische Verpflichtung dafür vor, ihrem Antrag zu willfahren. Der ganze Antrag der israelitischen Gemeinde entspricht, wenn ich recht verstehe, der Intention, für ihren Lehrer zu sorgen, auch ihm eine sorgenfreiere Zukunft zu gewähren; ich meine, wir könnten, wenn wir uns unseren Pflichten gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern nicht entziehen wollen, nur zu einer Annahme des Magistrats-Antrages kommen. und das ist es, was ich hiermit befürworte." Der Antrag wurde fast einstimmig angenommen Der bisherige Lehrer, der auch den Lesern des „Israelit" nicht unbekannte Herr Andorn, wurde am 19. April in Gegenwart des Schulvorstandes und der Aufsichtsbehörde in sein Amt eingeführt und vereidigt. Mög-> das Beispiel der Synagogen-Gemeinde Hattingen allen Gemeinden mit Privatschulen zur Nacheiferung dienen. O e st e r r. - U n g. Monarchie. Wien, im Mai. Abermals ist einer der unermüdlichsten Kämpfer gegen die antisemitische Anmaßung kampsesmüde geworden: Herr Lucian Brunner hat dem Bürgermeister schriftlich angezeigt, daß er in der Absicht, „sich vom öffentlichen Leben fernzuhalten," sein Gemeinderathsmandat niederlege. Brunner gehörte dem Wiener Gemeinderatb seit dem Jahre 1896 als Vertreter des ersten Wahlkörpers des Bezirkes Alsergrund an. Es ist vorauszusehen, mit welcher Genugtbuuna der Bürgermeister einen solchen nicht zu verachtenden Gegner wird vom Kampfplatz scheiden sehen. Wien. Großes Interesse wird in der wissenschaftlichen wie in der Laienwelt eine geniale Entdeckung Hervorrufen, welche der Direktor des Baron Königswarter'schen Israelitischen Blindeninstituts auf der Hohen Warte bei Wien, Herr S. Heller, gemacht hat. Derselbe hat an zwei blindgewordenen Knaben, die ihm zur Behandlung zugebracht worden waren und deren Augen nach vorausgegangenen augenärztlichen Untersuchungen und Befunden als normal gesund erklärt wurden, eine psychische Blindheit vorausgesetzt und diese durch lange, sorgfältige Behandlung auf dem Wege der Heilpädagogil, ähnlich wie der so häufig vorkommenden psychischen Taubheit, zu einem gewissen Sehvermögen gebracht. Herr Direktor Heller hat die ganze Darstellung dieses merkwürdigen Falles in der „Wiener Klinischen Wochenschrift" veröffentlicht und, wenn auch heute dieser Erfolg noch nicht hinlänglich erklärt werden lann, so eröffnet sich doch eine große Tragweite für die Zukunft vieler blindgeborenen Kinder, deren Schicksal auf dem von Direktor Heller betretenen Wege der Heilpädagogik sich wesentlich zum Bessern gestalten kann. Rußland. Petersburg. Nach den neuesten statistischen Ausweisen ist die größte Judenstadt Rußlands — Wilna. Die Stadt zählt nämlich 164,000 Einwohner. Davon sind 70,000 Juden, 47,000 Katholiken, 26,000 Orthodoxe und der Rest vertheilt sich auf andere Konfessionen. Petersburg. (Bedeutungsvolle Senats-Entscheidung.) Im Kampfe mit dem Tschinownikthum haben die russischen Juden mit Hilfe des russischen Senats einen bedeutungsvollen Sieg errungen. Als nämlich im Jahre 1882 die berüchtigten „provisorischen" Maigesetze erlassen wurden, war die jüdische Bevölkerung über denl Ansiedelungsrayon derart vertheilt, daß 20 pZt. der Juden in den Dörfern, 40 pZt. in den Städtchen, und 40 pZt. in den großen Städten lebten. Diese für die Juden ziemlich günstige Verkeilung der Bevölkerung hat sich in den letzten 18 Jahren sehr wesentlich zu Ungunsten derselben verschoben, da die unteren und mittleren russischen Behörden inzwischen Alles aufgeboten haben, um die Juden durch List sowohl, wie durch brutale, rücksichtslose Gewalt aus den Dörfern zu verdrängen. Dieser achtzehn Jahre hindurch hartnäckig verfolgte Plan ist ihnen leider nur zu gut gelungen, und nun, da von der Million Juden, welche bisher das platte Land bevölkert haben, in den Dörfern nur noch ein kläglicher Rest übrig geblieben ist, suchen die verruchten Tschinowniks seit einigen Jahren, auf dem eingeschlagenen Wege einen Schritt weiter zu gehen unb die Juden nunmehr „auch aus den kleinen Städtchen zu vertreiben. Gelingt ihnen auch dieses, so werden die sechs Millionen Juden Rußlands bald womöglich in einem Dutzend großer Städte zusammengepfercht sein, wo sie aus Mangel an Licht und Luft elendiglich verkommen müßten. Die Aufgabe, die sich die Tschinowniks da gestellt haben, war freilich keine leichte. Das Gesetz garantirt den Juden ausdrücklich den unbeschränkten Aufenthalt in den Städtchen. Allein — was ist denn eigentlich ein Städtchen? Wodurch können die Juden beweisen, daß der von ihnen bewohnte Ort wirklich ein Städtchen und nicht etwa ein