Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.5.1901)
- Date
- 1901-05-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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840 Vermischtes. Mattersdorf (Ungarn). Der Verein zur Erhaltung armer Jessode'Thora Zöglinge hat eine neue Vereinslettung gewählt, deren Präses Herr 'Heinrich T r e b i t s ch ist an dessen Adresse man gefl. alle Geldspenden senden wälle. Der Verein verfolgt wie bisher, so auch ferner, sein hohes Ziel und entfaltet eine recht große Wirksamkeit § Feuilleton. Witte gebildete Mrau. Von HLerbeLte Ilried. 13s So kam es, daß die Begegnung und das öftere Zusammensein mit dem angehenden Doktor Elisen den Aufenthalt in Wien erst recht angenehm machte, und daß sie nur mit innigstem Bedauern an ihren nahen Abschied von der schönen Donaustadt dachte, der denn doch bald kommen niußte, nachdem sie die meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein genommen hatten und Gundel schon Ausstellung und Großstadt milde geworden war. Auch Anton Barta hatte sein Ziel ereicht, da die wohl manchmal herbe und unzugängliche, im Grunde aber doch herzensgute Base die nothwendige Summe gegen Sicherstellung zur Verfügung gestellt hatte. So sehr Elisen die Gesellschaft des jungen Mediziners zusagte, io unbehaglich fühlte stch Gundel in seiner Gegenwart. Sie hätte sich selber für diese Antipathie gar keinen Grund anzugeben gewußt, und doch war etwas in seiner Stimme, seinen Bewegungen, was unangenehme Gefühle, unbestimmte Erinnerungen in ihr erweckten, die sehr unbehaglich auf ihr Gemüth wirkten. Diese Bekanntschaft, die sich nicht gut abschütteln ließ, mochte auch Schuld daran sein, daß Gundel den Bitten ihrer Gastfreunde beharrlich widerstand, welche ste zu einer Verlängerung ihres Besuches bestimmen wollten, und große körperliche Müdigkeit vorschützend, mit Elise heimreiste. Zehntes Kapitel. Wieder war ein Zeitraum von zwei Jahren verstrichen. Elise hatte das 21. Lebensjahr erreicht und sich zu einer vollendeten Schönheit entfaltet. Gar viele nicht zu verachtende Bewerber um ihre Hand waren aufgetreten, jedoch von ihr ohne Angabe eines Grundes zurückgewiesen worden. Dem freundlichen Zureden der Tante und Frau Fischer setzte sie ihr stereotypes: „Ich habe ja noch Zeit genug," entgegen. l Was war nur aus dem Mädchen geworden. Elisens sprichwörtlich gewordene Heiterkeit war verschwunden, ihre frohen Lieder, mit denen sie das Ohr und Herz der Freunde zu erfreuen pflegte, waren verstummt, das herzerfreuende Lächeln von ihren Zügen ausgelöscht — ausgelöscht wie das Augenlicht ihrer mütterlichen Freundin Rösl Fischer. Frau Rösl war blind. Den Strickstrumpf in den nimmer rastenden Händen saß sie den ganzen Tag in den ihr lieb gewordenen Räumen der Leihbibiliothek, welche Elise allein leitete, nur zuweilen von der erfahrenen Frau Rösl, welche im bequemen Lehnstuhl neben ihr saß, einen Rath erbittend. Das kluge, gütig blickende Auge war verdunkelt, aber ihr Blick hatte sich nach innen gekehrt, und ihr Geist hatte sich in dem Maße verschärft, als ihr Körper in Folge des mangelnden Augenlichtes hinfällig geworden. Das Gedo.chtniß der armen Frau konnte man nun fast phänomenal nennen. Sie konnte die Nummer jedes einzelnen Werkes auswendig, und wenn Elise irgend ein Buch suchte, wußte die blinde Frau genau die Reihe anzugeben, wo sie einstmals demselben einen Platz angewiesen hatte. Heute ließ die Bedauernswerthe die Hände müßig im Schoße ruhen, oder eigentlich huschten dieselben nervös auf der blanken, frisch geglätteten Schürze herum, oder zupften unruhig an den Bändern ihrer Haube. Eine nervöse Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. nagende Sorge peinigte sie. Sie hatte am Abend zuvor über den veränderten Gemüthszustand des ihnen beiden gleich theuren Mädchens gesprochen, und da wußte die Lehrerin keinen anderen Grund für dieselbe zu finden, als den einen, daß Elise verliebt sein müsie, und da Gundel genau wußte, daß ihr Zögling mit keinem einzigen fremden Manne Bekanntschaft haben könne, ko müsse es Rösl's Sohn Moritz sein, zu dem das Mädchen jene Liebe fühle, welche eine so große Veränderung in dessen Wesen hervorgerufen hatte. „Gott verhüte!" hatte Rösl ausgerufen. „Warum," meinte Gundel, „es wäre dies ja der erste Fall nicht, daß ein Jude eine Christin heirathet. Die beiden gehen auf einige Zeit in's Ausland und kommen als glückliches Ehepaar zurück. Oder wolltest Du lieber, daß sich die Beiden in Sehnsucht verzehren, und entweder einstens ihr Leben fristen, wie ich, oder eine ungleiche Ehe eingehen, wie Du? Was Gott durch das heilige Gefühl der Liebe zusammengeführt, das soll der Mensch nicht trennen." Rösl vermied einen weiteren Disput mit der Freundin, war aber furchtbar aufgeregt und hätte auch einer Ehe zwischen den Beiden nie und nimmer zugestimmt. „Gott, mein Gott," seufzte sie hundertmal während der langen, schlaflos durchwachten Nacht, „warum hast Du mich so hart gestraft? O alles, nur das nicht! Es