Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1901)
- Date
- 1901-05-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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SIS deuten, ihr selber gelten. Sie aber sah gar nichts von alledem, und erst als sie von Poldi darauf aufmerksam gemacht wurde, schenkte sie den Vorgängen in der gegenüberliegenden Loge, welche von den schmucken Studenten besetzt war, unter tiefem Erröthen einige Beachtung. Das Stück war zu Ende, und Alles drängte dem Ausgange zu. Barta führte seine Kousine am Arme, und Poldi wollte galant dem jungen Mädchen seinen Arm anbieten, doch diese zog ganz verlegen die Hand zurück und ließ Poldi einige Schritte vor gehen. Hierdurch geschah es, daß sie in dem Gewühle von ihrer Gesellschaft getrennt wurde. Elise wollte dieselbe aufsuchen, doch schlug sie eine verkehrte Richtung ein, und so war all ihr Suchen umsonst, die Tante und die beiden Herren waren nicht zu sehen. Jbre Situation war eine furchtbare. Fremd und unbekannt, wie sie es hier war, wie sollte sie sich in so vorgerückter Abendstunde ohne schützende Begleitung, ja ohne einen Kreutzer Geld in der Tasche, zurechtfinden, wie sich in die von einem Menschenstrome durchslutheten Straßen der Großstadt hinauswagen, ohne freche Zudringlichkeit fürchten zu muffen. Nicht wissend, was zu thun, lehnte sie sich an einen Pfeiler und blickte mit thränenden Augen suchend herunr, ob sie nicht dennoch einen ihrer Begleiter erblicke. Jetzt hätte sie wirklich Poldi's Arm nicht zurückgewiesen, wenn er ihr denselben angeboten hätte. Doch von anderer, ungehoffter Seite nahte der Netter; plötzlich tauchte vor ihr ein junger Mann auf. der die Hand an die Mütze führend, achtungsvoll grüßte. „Fräulein scheint verirrt zu sein," meinte er höflich. „Dürfte ick mir gestatten, Sie zu den Ihren zu geleiten?" Bei dem hellen Scheine der Gasflammen erkannte Elise in dem Sprecher einen der Herren aus jener Loge, dessen bewundernde Blicke sie vorhin verwirrt hatten. Unter andern Umständen hätte sie auf die Ansprache eines fremden Herrn mit vollständiger Nichtachtung geantwortet. Jedoch heute, in dieser peinlichen Situation, sah sie in dem jungen Manne nur den hilfsberieten Retter und sie nahm auch ohne viele Umstände sein Anerbieten mit größtem Danke an. Der junge Mann stellte sich ihr als Kand. med. Hugo Müllner vor, und als ihm Elise sagte, ihre Begleiter würden wahrscheinlich im Hotel Austria ihrer warten, erbot er sich, sie hinzuführen. So lange dem Mädchen der Weg in's Karltheater schien, als es im rasch rollenden Fiaker saß, und die faden Schmeicheleien Poldi's und derben Witze Bartas anhören mußte, so kurz schien Elise derselbe Weg zu sein, als sie an der Seite ihres angenehm plaudernden Begleiters langsam hinschlenderte. Er wußte gar zu schön zu erzählen, dieser junge Musensohn! Tante Gundel war mit den beiden Herren ganz aufgeregt im Hotel angekommen, und einer schob dem andern die Schuld an der furchtbaren Unachtsamkeit zu, die man sich zu schulden kommen ließ. Wie groß war daher Aller Freude, als die Verlorene bald darauf ganz heil und gesund bei ihnen anlangte. und begreiflicher Weise wurde der junge Müllner, der sie den Ihren zugeführt hatte, mit enthusiastischen Dankesbezeugungen überschüttet und auf's freundlichste eingeladen, den Abend in ihrer Gesellschaft zu verbringen. Und wieder wurden kür den nächsten Tag Pläne entworfen, wobei sich der junge Mediciner die Erlaubniß erbat, die Damen in die Ausstellung zu begleiten und dort den Cieerone machen zu dürfen. Von da an war er stets in ihrer Nähe geblieben, so oft es seine freie Zeit, von der er in den Ferien freilich sehr viel hatte, zuließ. (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelil" erscheint wöchentlich zweimal, Montag* and Donnerstags, jehM te mindestens zwei Bogen. 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Wirth'scheu Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilage«.