Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1901)
- Date
- 1901-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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816 war trotz ihre? energischen Einschreitens nicht im Stande, die Menge zu zerstreuen, es wäre denn, daß sie von der Masse Gebrauch gemacht hätte, was jedoch unter jeder Bedingung vermieden werden sollte. Gegen 4 Uhr kehrte der Polizeipräfekt Herr Oberstlieutenant Kantschew in Begleitung des Procurors beim Appellationsgerichte, Herrn Koschucharow, in das Rabbinat zurück, wo die Vereinbarung getroffen wurde, daß Linda Uziel von der Polizei übernommen wird und bis zur Beruhigung der Gemüther unter polizeilicher Aufsicht bleibt, während welcher Zeit sie keinen Besuch empfangen darß als den des Oberrabbiners und ihrer mit einem Erlaubnißschein des Rabbiners versehenen Verwandten. Inzwischen nahmen die Demonstranten eine immer bedrohlichere Haltung ein und setzten das Steinbombardement fort. Es wurde auch der Versuch gemacht, das in der Rabbinatskanzlei befindliche Telephon durch das eingeschlagene Fenster aus zu zerstören, doch wurde dieser Versuch von der Polizei vereitelt. Mit der Zerstörung des Telephons bezweckten die Demonstranten offenbar, dem Oberrabbiner und dem Polizeipräfekten die Verbindung mit den maßgebenden Ministern, welche wiederholt telephonisch Erkundigungen eingezogen und Anordnungen trafen, abzufajneiden. Als Herr Kantschew sah, daß die Polizei der Menge, ohne von der Waffe Gebrauch zu machen, nicht beikommen könne, er aber das Letztere vermeiden wollte, verlangte er militärische Affistenz. Bald darauf traf auch eine Abtheilung Kavallerie unter dem Kommando eines Oberleutnants ein. Der Polizeipräfekt mahnte die Menge abermals zur Ruhe und erklärte, daß es bereits früher beschloffen wurde, daß das Mädchen von der Polizei übernommen werde, doch könne es nicht fortgeschafft werden, solange die Menge nicht auseinandergehe. Die Kavallerie drängte die Tumultuanten sodann zurück und der Polizeipräfekt begab sich in die Wohnung des Oberrabbiners, um Linda Uziel in Empfang zu nehmen. Linda wollte jedoch das Haus des Oberrabbiners nicht verlassen. Sie fiel der Gemahlin des Rabbiners um den Hals und bat, man möge sie im Rabbinate lassen, da sie von ihrem Geliebten nichts mehr wissen wolle. Erst auf das Zureden des Oberrabbiners, der ihr versprach, daß nach einigen Tagen, nachdem sich die Gemüther beruhigt haben werden, sie über ihr Schicksal allein werde entscheiden können, folgte Linda dem Polizeipräkekten, der sie, begleitet von dem Polizeikommissär Herrn H. Marinow, in einem inzwischen hcrbeigeschasften Wagen, gefolgt von einer Kavallerie-Eskorte, zum vierten Polizeikommissariate brachte. Ein Theil der Menge folgte dorthin und versuchte, auch vor dem Polizeikommissariate zu demonllriren, wurde aber zerstreut. Der übrige Theil der Menge verblieb vor dem Rabbinate und zerstreute sich erst gegen 8 Uhr Abends. Allgemein interessirt man sich dafür, was nun mit Linda Uziel geschehen wird. Es wird vor Allem nothwendig sein, das Alter des Mädchens amtlich genau festzustellen. Linda bat das 16. Lebensjahr, mit welchem üe majorenn wird und über sich selbst verfügen kann, noch nicht erreicht. Bis zur Erreichung dieses Alters hat über sic, da sie zu Ihren Eltern nicht zurücktebren will, der Oberrabbiner als geistliche Behörde das Verkügungsrecht. Rach den Eintragungen beim Rabbinate wird Linda Uziel im Juni, nach einem Schulzeugnisse am 19. April und nach einem vom T.-Pezardiiker Gemeindeamte ausgestellten Geburtszeugnisse am 1'. September d. I. 16 Jahre alt. Der Oberrabbiner hat beziiglick des weiteren Schicksales des Mädchens noch keine Entscheidung getroffen, doch glaubt man, daß er. nachdem sich die Gemüther beruhigt haben werden, es Linda selbst überlassen wird, nach eigenem Gutdünken zu bandeln. Personalien. -*■ Frankenwinnheim, im Jjar. Ein erhebendes Fest war es, das die hiesige Kultusgemeinde am vergangenen Sabbat gefeiert, ehrend sowohl für die Gemeinde wie für den Gefeierten selbst. Fünfundzwanzig Jahre waren es, seitdem Herr I. K i s s i n g e r als Lehrer in besagter Gemeinde in segensreichster Weise wirkt, ebenso als Vorstand einer Chewrah, die es sich zur Aufgabe stellt, den Gemeindemitgliedern, sowie der Heranwachsenden Jugend die Lehren und Wahrheiten unserer heil. Religion durch Studium an der Quelle, wie Raschi, Orach chajim, Chajeodom, vom Leichteren zum Schweren fortschreitend, beizubringen, um diese allgemach zum Selbststudium zu befähigen. Herr Kultusvorstand Seligmann Hirsch würdigte in rührenden Worten die großen Verdienste des Jubilars, um die Schule und Gemeinde, und überreichte im Namen der Gemeinde als äußeres Zeichen der Anerkennung eine goldene Uhr. Der Jubilar dankte zunächst dem Allgütigen für die große Gnade, die ihn gewürdigt, so segensreich wirken zu können, unter Zugrundelegung des Textes: jrtpy ncsn brv: ononn bvv TOttp -pzy nx und versprach, unter Dankesausdruck für die ihm bezeigte Ehrung, auch fernerhin seine ganze Kraft in den Dienst seiner Gemeinde stellen zu wollen. Beim Mincha-Gebete, dem auch Sr. Ehrwürden Herr Rabb. Dr. Stein aus Schweinfurt, der über Sabbat in dem nahe gelegenen Städtchen Gerolshofen weilte, beiwohnle, hob dieser im Anschlüsse an seine Predigt die Verdienste des Jubilars hervor, und daß er sich freue, wie die Kultusgemeinde ihren Lehrer liebe und achte. Bei dem zu Ehren des Jubilars veranstalteten Festbankett überreichte eine Schülerin Namens der Schule ein prachtvolles Album. Möge es dem verehrten Jubilar beschieden sein, noch lange, lange Jahre in ungeschwächter Kraft zum