Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1901)
- Date
- 1901-05-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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815 Ruhme gereichen, war auch sie hervorragend betheiligt. Zu ihren Hausgenosien gehörten nebst ihrem eigenen Rabbiner und Schächter, zahlreiche Arme und Unglückliche, die zu jeder Zeit in der Verblichenen ihre zweite Mutter fanden. Ihre Bescheidenheit, Frömmigkeit, Gottergebenheit, und ihre sonstigen Tugenden waren sehr oft bei unseren Kurgästen ein Gegenstand der Bewunderung und Verehrung. Möge das Beispiel der theuren Entschlafenen auf die Zurückgebliebenen anregend wirken. Mögen diese bemüht sein, in den Fußtopfen ibrer edlen Mutter zu wandeln, um in den Werken der Wohlthätigkeit und Menschenliebe Trost und Stärkung zu finden. P. Friedmann. Bulgarien. Sofia. iE ine Straßendemonstration vor dem Rabbinate.) Die Affaire eines jüdischen Mädchens, Linda Nziel, die aus Liebe zu einem Christen das väterliche Haus heimlich verlaßen, um sich taufen zu lasten, aber durch die Polizei zurückgebracht wurde, führte dieser Tage zu einer Demonstration vor der Kanzlei und Wohnung des Oberrabbiners Herrn Dr. M. Ehrenvreis, die einen überaus gefährlichen Charakter anzunehmen drohte und der nur durch das energische Eingreifen der Polizei, welche von einer acquirirten Kavallerieabtheilung unterstützt wurde, ein Ende gemacht wurde. Linda Uziel wurde in Folge Intervention des Qberrabbiners Herrn Dr. Ehrenpreis auf Verfügung des Justizministers Herrn Dr. Radew von der Polizei aus der Wohnung ihres Geliebten, des Gemeindeschreibers Ehr. Michailow, abgeholt und, nachdem sie die Nacht im zweiten Polizeikommissariate verbracht hatte, Morgens dem Oberrabbiner übergeben, in dessen Wohnung sie vorerst verblieb. Herr Dr. Ehrenpreis hatte mit dem Mädchen eine ernste Unterredung, in welcher er es aus das Ungehörige ihres Vorgehens aufmerksam machte und es zu überreden suchte, in's Elternhaus zurückzukehren. Das Resultat dieser Unterredung war, daß Linda erklärte, von ihrem Geliebten nichts mehr wißen zu wollen, doch weigerte sie sich gleichzeitig, in die elterliche Wohnung zurückzukehren. Der Herr Oberrabbiner beschloß deßhalb, das Mädchen bis auf Weiteres in seiner Wohnung zu belaßen, wo es wie zur Familie gehörig behandelt wurde, mit Herrn Dr. Ehrenpreis und besten Gemahlin an einem Tische aß, sich mit Zeitungslektüre befaßte und Besuche ihrer Verwandten empfing. Dieser Tage erschien Morgens gegen 9'i> Uhr der Geliebte Linda's vor der Rabbinatskanzlei und verlangte, daß ihm das Mädchen ausgefolgi werde. Michailow wurde vom Sekretär Herrn Chaimow empfangen, der ihm erklärte, daß der Oberrabbiner nicht das Recht habe, ihm das Mädchen zu übergeben, und er möge sich diesbezüglich an die Gerichtsbehörden wenden. Erzürnt über diese Antwort verließ Michailow mit den Worten das Rabbinat: „Der Rabbiner hat mir meine Geliebte genommen und ich werde seiner Frau den Mann nehmen." Nachdem bereits den ganzen Vormittag über sich Leute vor dem Rabbinate angesammelt hatten, wuchs die Menge gegen 1 Uhr Nachmittags auf einige Hundert Personen an und verlangte die Herausgabe des Mädchens. Herr Dr. Ehrenpreis, der das Gefährliche der Situation erkannte, theilte dies dem Polizeipräfekten, Herrn Oberstlieutenant Kantschew, telephonisch mit und bat um polizeiliche Intervention. Der Polizeipräfekt versprach, selbst zu kommen, und erschien auch gegen 2>/j Uhr mit denk Staatsanwalte Herrn Koschucharow und dessen Substituten Herrn Merbanow vor dem Rabbinate, wo er an die inzwischen auf 2—3000 Personen angewachsene Menge eine Ansprache hielt, in welcher er sie aufsorderte, auseinander zu gehen, indem er versprach, daß er eine Verletzung des Gesetzes nicht zugeben werde. Die Worte des Herrn Präfekten wurden mit Hurrahrufen ausgenommen, doch ging die Menge nicht auseinander. Herr Kantschew begab sich sodann in Begleitung der beiden Gerichtsfunktionäre in die Kanzlei des Oberrabbiners, mit dem die Herren konferirten. Herr Dr. Ehrenpreis war überrascht, aus dem Munde des Polizeipräfekten zu hören, daß unter der Menge das Gerücht verbreitet sei, Linda Uziel sei im Rabbinate mißhandelt worden und Nachts vorher hätten mehrere Juden bei ihr geweilt, welche sie zwingen wollten, sich von ihrem Geliebten loszusagen. Die Herren hatten übrigens bald Gelegenheit, sich von der Grundlosigkeit dieser Gerüchte zu überzeugen, da ihnen Linda selbst erklärte, daß die ihr im Rabbinate zutheil gewordene Behandlung die beste war. Das Gerücht von den Juden. welche Samstags Nachts im Rabbinate geweilt haben sollen, dürste dadurch entstanden sein, daß Samstags Abends, wie allwöchentlich, in der im Parterre gelegenen Rabbinatskanzlei eine Sitzung des Konsistorialrathes stattfand, welche bis spät am Abend dauerte. In dieser Sitzung wurde jedoch der Affaire der Linda Uziel mit keinem Worte Erwähnung gethan und auch das Protokoll dieser Sitzung enthält keine Silbe über diele Affaire. Uebrigens hat Linda, als die Mitgliede'- des Konststorialrathes das Rabbinat verließen, schon lange im ersten Stocke in Gesellschaft ihrer Tante geschlafen. Herr Dr. Ehrenpreis erklärte dem Polizeipräfekwn, sowie den Gerichtssnnktionären, daß er seine Mistion als geistliche Behörde für beendet betrachte und er es dem Mädchen lreistelle, zu seinen Eltern oder zu seinen! Geliebten zurückzukehrcn, worauf sich die Herren entfernten, indem sie erklärten, daß sie über die Sache beratben und sväter wiederkommen werden. Als sich der Polizeipräfekt entfernt hatte, begann die Menge von Neuem zu demonstriren und unter den Rufen: „Nieder mit der Regierung! Nieder mit den Juden! Nieder mit dem Rabbinate!" wurde ein Steinbombardement auf das Rabbinat eröffnet. Die Polizei