Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1901)
- Date
- 1901-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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813 15. Adar gelesen wurde. Rabbi feierte deshalb, entsprechend der Gemara Megila Bl. 5, erst am 15. Adar in Sipporis Purim, weil es innerhalb des T'chum von Alt-Tiberias lag. Neu-Tiberias jedoch war 18 Millien von Sipporis entfernt und dort las man die Megila am 14. Adar. Dieses Neu-Tiberias ist die Stätte der Hochschule N. Jochanan's. In der Zeit Rabbi's wurde der ganze Bezirk, zu dem auch Rabbi's Wohnort Sipporis gehörte, nach Neu-Tiberias genannt. Nntoninus wollte deshalb, um sich dem Sitz des Synhedrin und den daselbst befindlichen Gelehrten freundlich zu zeigen, dem ganzen Bezirk von Liberias, t. i. dem Bezirk mit der Hauptstadt Neu-Tiberias und den Schwesterstädten Sipporis und Alt-Tiberias, die Privilegien einer römischen Kolonie gewähren, wie in der Gemara Aboda Sara Bl. 10 berichtet wird. In diesem kurzen Kapitel schon kann man die Belesenheit und den klaren und sicheren Blick Halevy's kennen lernen! Die verschiedensten Talmudstellen im Babli und Jeruschalmi, zerstreut vorliegende Traditionen der Gaonim, werden zusammengetragen, um sich gegenseitig zu erleuchten und zu erklären, neue Thatsachen ergeben sich dann daraus, durch deren Kenntniß uns die Bedeutung der Berichte weiterer Gemarastellen erst recht zu Bewußtsein kommt. Wer unserem Rathe gefolgt ist und eine Stunde dem Studium der Ausführungen Halevy's über Sivporis und Liberias gewidmet hat, dem wird diese kurze Zeit solch köstlichen Genuß gewährt haben, daß er ungeduldig die Stunden der Muße erwartet, in welchen er sich die Ergebnisse der weiteren Forschungen unseres Meisters zu eigen machen kann. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 8. Mai. (Pastor Faber über den „R i t u a l m o r b.") In einer dieser Tage abgehaltenen zionistischen Versammlung kam Pastor Faber, der sich als begeisterter Anhänger des Zionismus bekannte, auf die Ritualmordbeschuldigungen zu sprechen. Er führte aus, er hätte zwanzig Jahre Talmudstudien getrieben, die jüdischen Religionsschriften durchforscht und nicht die leiseste Andeutung, nicht die geringste Spur für das Vorhandensein eines jüdischen Blutaberglaubens gesunden. Die Anschuldigung des „Ritualmordes" sei ein Märchen, eine schändliche Lüge, die leider durch die Suggestion noch immer an die große Masse ihre Wirkung nicht verfehle. Er erinnert daran, daß in den 40er Jahren bei der Blutbeschuldigung von Damaskus Domprediger Veith im Stephansdom auf das höchste Religionszeichen der Christen einen Schwur geleistet, daß cs niemals einen jüdischen „Ritualmord" gegeben habe, das sei ein echter Hofprediger gewesen. Die gräßliche Anklage gegen die Juden hätte ebensowenig Berechtigung, als die ganz gleiche Anschuldigung fanatischer Chinesen gegen die christlichen Missionäre. Paderborn, 8. Mai. lieber eine kleine antisemitische Szene in einer Sitzung der Stadtverordneten wird der „Rhein.-Wests. Ztg." berichtet: Auf der Tagesordnung stand die Entsendung zweier Mitglieder des Stadtverordneten-KollegiumS als Vertreter bei dem bevorstehenden 50jährigen Garnison-Jubiläum des 8. Husaren-Regiments zu dem im Schlosse zu Neuhaus stattfindenden Festessen. Seitens der Kommission waren dazu vorgeschlagen der Stadtverordneten-Vorsteher Vüllers und der Stadtverordnete Bankier Ransohoff: dieser aus dem Grunde, weil er ehedem als Einjähriger bei dem Regiments gedient hatte. Gegen seine Entsendung erhob der Stadtverordnete Vonderbeck, Hauptmann der Reserve a. D.. Widerspruch mit der Begründung, es werde Anstoß erregen, daß die Stadt Paderborn einen Israeliten als Vertreter entsende, da bekanntlich im Offizierkorps Abneigung gegen die Juden herrsche, wie ja auch kein Jude zum Offizier befördert werde. Der Stadtverordneten- Vorsteher Vüllers bedauert lebhaft, daß eine solche Aeußerung im Kollegium vorgebracht sei, und erklärte, in diesem kenne man keine Konfession, sondern nur Verterter der Bürgerschaft. Der Stadtverordnete Vonderbeck hielt seine Bedenken aufrecht, indessen wurde der Stadtverordnete Ransohoff trotzdem mit großer Mehrheit zur Theilnahme an dem Festessen delegirt. Karlsruhe. Ein von den Rabbinern, den Mitgliedern des Oberrathes und der Synode, sowie vielen andern hervorragenden Israeliten des Großherzogthums Baden Unterzeichneter Aufruf regt die Begründung eines Landesverbandes an, um soziale Aufgaben innerhalb der jüdischen Gesammtheit des Großherzogthums in Angriff zu nehmen. Es handelt sich um weitgehende, umfassende Organisationen humanitärer Art, die insbesondere dazu dienen sollen, Handwerk und Bodenkultur unter unseren Glaubensgenossen mehr zu verbreiten und die wirthschaftlich Schwachen in ihrem Vvrwärtskommen zu unterstützen. „Fern liegt eZ uns. zu unterschätzen, was schon bisher im Kreise unserer Glaubensgenossen an sozialer Hilfsthätigkeit geleistet ist. Die Wirksamkeit der vor mehr als einem Jahrzehnt begründeten Vereine zur Förderung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogthums erfreut sich allseitiger Anerkennung. Allein sie werden in ihrem Streben durch die Zersplitterung ihres Wirkungskreises und durch die Beschränktheit ihrer Mittel zu sehr beengt. So konnten sie Unterstützungen zur Erleichterung des Besuches der bewährten staatlichen, technischen Unterrichtsanstalten