Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1901)
- Date
- 1901-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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selbstbewußten, modernen jüdischen Litterarhistorikern i unbekannt waren. Mer Halevy's Werk nicht gelesen hat, glaubt, daß die moderne jüdische Wiffenschaft und besonders deren Wortführer, bezüglich der Aufhellung der talmudischen Geschichte, manches Lobenswerthe geleistet haben. Herrn Halevy's Buch jedoch zeigt uns die Leistungen nicht nur eines Grätz und Weiß auf diesem Gebiete, sondern auch die Ausführungen von Zacharias Frankel in seinen Büchern über Mischna und Jeruschalmi, in einem solchen Spiegel, daß man darüber erröthen muß, daß so viel Zeit verstreichen konnte, bis deren Jrrthümer. Borurtheile und Fehler aufgedeckt und als solche erkannt wurden. Wenn man auch nicht von jedem Gelehrten verlangen kann, daß ihm Babli und Jeruschalmi so offen stehen, wie Herrn Halevy, wenn man auch zugeben muß, daß mit unnachahmlicher Treffsicherheit Halevy Dunkelheiten des Babli durch Stellen des Jeruschalmi und umgekehrt beseitigt, und daß der Mangel solch umfassende Gelehrsamkeit und dieser Klarheit des Urtheilr noch kein Verbot in sich schließt, uns die geschichtliche Darstellung irgend eines Zeitraumes zu geben; so sind wir doch mehr als erstaunt, wenn wir durch das Dorot Härischonim uns der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß hier selbst Frankel gedankenlos und ohne jede Gründlichkeit gearbeitet hat. Rabbi, der im Talmud oft R. Juda Hannasii genannt wird, R. Juda Nesiia 7. und R. Juda Nesiia II. werden bei Frankel, um von den Anderen zu schweigen, auf fast belustigende Weise wiederholt miteinander verwechselt. Frankel kommt durch eine Reihe falscher Voraussetzungen dazu, dem Enkel Rabbi's, R. Juda Neffia I., eine Dauer des Patriarchats von über 100 Jahren zuzusprechen, ohne auf das mehr als Seltsame einer derartigen Thatsache aufmerksam zu werden, ohne nur sich daran zu stoßen, daß nirgends dieser langen Lebensdauer und dieser einzig dastehenden Regierungszeit Erwähnung gethan wird. Die Forschungen der modernen jüdischen Geschichtswissenschaft leiden unter dem Mangel einer selbstständigen Kritik, besonders da, wo es sich darum handelt, talmudische Quellen zu erschließen. Dazu kommt noch, daß es stets nur ein sehr kleiner Kreis von Männern war, der sich der modernen jüdischen Forschung weihte. Manches Tüchtige wurde zu Tage gefördert u. daneben vieles Oberflächliche u. Falsche. Die Wirkung auf das große Publikum war dieselbe. .Jeder Aufsatz, der auch nur der Form nach wiffenschaftlich war, wurde unterschiedslos bejubelt. Die Maste, sofern sie den Sinn für Jüdisches nicht ganz verloren hatte, freute sich mit dem fremden Gewände, in dem jetzt die alten Volksschätze erschienen und verehrte die Männer, die es verstanden, solche moderne stolzen Gewänder anzufertigen, wie Heroen, die über jede Kritik erhaben sind. Man erinnert sich noch, welchen Sturm Rabbiner S. R. Hirsch s. A. entfestelt, als er auf die jedem kundigen Leser offenbare Thatsache hinwies, daß Zacharias Frankel in seiner Hodogetik kein Wort fände für die Göttlichkeit des mündlichen Gesetzes. Diese Männer durften einfach nicht angegriffen werden. Gar oft schon habe ich unmuthig die kurze übermüthige Notiz gelesen, mit der derselbe Z. Frankel im Jahre 1.840 den nur allzuberechtigten Tadel des Kaufmannes Aron Hirsch s. A. in Halberstadt gegen Frankel's unehrerbietigen Angriff auf Rabbi Mosche Sofer s. A., den großen Meister der -Lw cnn, ohne jede Rechtfertigung zurückwies. Diese Gelehrten waren, nachdem sie einmal irgend eine tüchtige Arbeit geliefert hatten, von ihren Triumphen so berauscht, daß sie besonders Themen, die schwierig zu kontrolliren waren, mit einer staunenswerthen Leichtfertigkeit behandelten. Daß diese Sorglosigkeit der Kritik gegenüber wohl begründet war, zeigt sich darin, daß heute, nach 40 und 80 Jahren, erst das vernichtende Wort über den wissenschaftlichen Werth der Hodogetik und der Einleitung in dem Jerusalemischen Talmud gesprochen wird. Man wird es darum beklagen, daß ein Mann, wie Frankel, scheitern mußte, weil für ihn und gegen ihn eine ernste wissenschaftliche Kritik bei seinen Zeitgenossen nicht zu finden war. Von kleinen Geistern, wie Grätz und I. H. Weiß, wollen wir gar nicht reden. Scham ergreift uns, daß die Bände des veniT "irr -.h „Zur Geschichte der jüdischen Tradition", ungehindert Jahre lang ihren verheerenden Siegeszug durch Europa's s. g. jüdisch wissenschaftliche Welt machen konnten. Viele werden es mit uns bedauern, daß die Besprechung und Zurückweisung der vielen falschen Behauptungen, welche uns die talmudische Geschichte bis jetzt in einer ganz verzerrten Form erscheinen ließen, einen verhältnißmäßig großen Raum in Halevv's bewundernswerthem Werke einnimmt. Doch jeder Kundige wird auch mit uns einsehen, daß Halevy auf die gründliche Widerlegung seiner Gegner, oder besser Vorgänger, nicht verzichten durfte. Die irrige und falsche Geschichtsdarstellung hatte so lange Schonzeit genossen, die von ihm zu Tage geförderten und verbreiteten Jrrthümer waren so oft wiederholt und nacherzählt worden, daß selbst die unwiderleglichsten Beweise für neuaefundene Thatsachen gegen die Autorität der langgewohnten Darstellungen nicht hatten ankämpfen können, wenn der gefeierte Verfasser des Dorot Härischonim diese Autorität nicht bis zum Grunde erschüttert hätte. Wir haben am Anfänge dieses Aufsatzes die Stadt Sipporis als Aufenthaltsort Rabbi's und seiner Nachfolger genannt. Wer sich ohne große Anstrengung einen hohen geistigen Genuß verschaffen will, der lese das 18. Kapitel in Halevy's Buch, das den Titel Sipporis und Tiberias führt. Dort wird nachgewiesen, daß es ein Alt- und Neu-Tiberias gegeben hat. Alt- Tiberias war innerhalb der Sabbatgrenze von Sipporis und eine uralte Stadt, in der die Megila erst am