Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 35 (6.5.1901)
- Date
- 1901-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449180--53271-2503914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
801 Moritz nach Hause nehmen und noch später andere Hilfskräfte zuziehen mußte. Die Leihbibliothek wurde von Frau Rösl sehr verständnisvoll geleitet, und jeder Abonnent war sicher, diejenigen Werke aus ihrer Hand zu erhalten, welche seiner Individualität und seinem Bildungsgrade angemellen waren. Ein Buch, das Frau Fischer empfohlen, das mußte schön sein; das galt für ausgemacht. Zur Hilfe hatte sie sich aus Wunsch ihrer Freundin Gundel die Elise herangezogen, und ihre immer schwächer werdende Sehkraft machte alsbald diese Hilfe nothwendig. Durch diese neue Beschäftigung ließ sich jedoch Frau Rösl nicht verhindern, wie ehedem Liebeswerke auszuüben. Durch das Erlöschen der Seuche wurde ihr längeres Verweilen an dem Krankenlager nicht mehr nothwendig, es genügte ein kurzer Besuch in den Krankenstuben, und die veränderten Vermögensverhältnisse ermöglichten es ihr, den Hang zum Wohlthun nach Herzenslust zu befriedigen. Die vorgeschriebenen gottesdienstlichen Handlungen, die Dinge, deren Fruchtgenuß schon in dieser Welt zu Statten kömmt, und die ein .Keren Kajem.es, ein ewiges Halt im zukünftigen Leben sichern, autzzuüven, konnte sie sich nunmehr frei gestatten: Ehrfurcht gegen Greise und gegen ihre im Grabe schlummernden Eltern, Barmherzigkeit gegen alle Bedürftigen, fleißiger Besuch der Synagoge und mit innigster Andacht verrichtetes Gebet, weitgehendste Gastfreundschaft, Pflege der Kranken, auch jener mit einer ansteckenden Krankheit behafteten, Ausstattung armer, besonders verwaister Bräute, Betheiligung bei der Leichenfeier und endlich Friedensliebe auf jedem Gebiete. Auch dasjenige, das allen diesen gottesdienstlichen Handlungen die rechte Weihe verleiht, ja, was nach dem Ausspruch unserer Weisen dieses Alles überstrahlt, dasjenige, was ihr als einem Weibe naturgemäß versagt bleiben muß, bas sollte ihr jüngstes Kind ausüben, nämlich das Studium der Gotteslehre. Robert war es Vorbehalten, den sehnlichsten Wunsch seiner Mutter in Erfüllung zu bringen, ein Gymnasium zu absolvieren, gleichzeitig aber dem Talmudstudium zu obliegen, und pch so auf seine Laufbahn als Rabbiner vorzubereiten. Das Berhältniß des Fischer'schen Ehepaares zu einander war ein inniges geworden, nachdem Gundel ihrer Freundin alle Fehler vor Augen geführt hatte, welche sie sich ihrem Manne gegenüber zu Schulden kommen ließ, und dieselbe auch seither ihr Benehmen gegen ihn auf's Bortheilhafteste geändert hatte. Dankbar nahm Eli die Veränderung wahr, welche mit seinem von ihm hochverehrten Weibe vorgegangen war und das in seinem Munde so verletzend wirkende Wort: „eine gebildete Frau" kam nie mehr über seine Lippen. Mit Gundel wurde noch immer ein eifriger Verkehr unterhalten und Elise theilte redlich ihre Zuneigung und ihr dankbares Empfinden zwischen ihren beiden Woblthäterinnen Gundel und Rösl. Mit theilnehmender Freude hatte Rösl den Plan vernommen, daß ihre beiden Freundinnen nach Wien zum Besuche der Weltausstellung reisen werden. Auch in ihr war hie und da der Wunsch aufgestiegen, dieses Vergnügens theilhaftig zu werden. Jedoch der Ausführung dieses Wunsches stellten sich mancherlei Hindernisse entgegen. Es waren jetzt nicht ihre materiellen Umstände, die eine Reise verhinderten, sondern hauptsächlich der Umstand, daß sie bei ihrer streng-religiösen Lebensweise auf jeden längeren Aufenthalt in der Fremde verzichten mußte. Doch hoffte sie, Gundel, und noch mehr das Plauderliesel, werden ihr Alles zu erzählen wissen, gleich so, als hätte sie die Wunder, von denen die Zeitungen so Erstaunliches zu rühmen wissen, alle selber mit eigenen Augen gesehen, oder vielmehr beller noch: denn ihre eigenen Augen wollten immer weniger dienen. Von Jahr zu Jahr mußte die Nummer ihrer Brille verschärft werden, alles Putzen und Wischen wollte nichts nützen, immer trüber und trüber zeigten die Gläser. Und immer dichter flogen die schwarzen Punkte gleich Rußflocken um ihre Äugen; — immer Höfte* -- immer dichter. Das viele Lesen und die feinen Handarbeiten, womit ße während ihrer Jugendjahre ihre Sehkraft angestrengt hatte, die vielen schlaflosen Nächte und heimlich vergossenen Thränen während der ersten Jahre ihrer Ehe hatten verderblich auf ihr Augenlicht gewirkt und immer nähere Kreise zog das Gespenst der Erblindung um sie herum. Jetzt freilich lebte sie noch immer in der Hoffnung, daß es niemals so weit mit ihr kommen werk", daß dieses Augenleiden wieder behoben werden könne. .Neuntes Kapitel. Die von allen Lehrenden und Lernenden gleich erfebnten Ferien waren gekommen. Diejenigen Lehrer und Schüler, welche in der Großstadt wohnen, haben es eilig, hinaus zu kommen in die freie Gottesnatur, um die von Rauch und Staub abgequälten Lungen wieder den zum körperlichen Behagen so notwendigen Sauerstoff zuzusühren. Diejenigen aber, die das ganze Jabr hindurch auf dem Lande leben, fühlen das sehnsüchtige Verlangen, wieder einmal mit vollen Zügen „Großstadtluft" zu athmen, und der in der Stadt verfeinerten Segnung der Kultur theilhaftig zu werden. In den Ferien des Jahres 1873 lenkte der Schwarm der vergnügungssüchtigen Ausflügler fast ausschließlich einem Ziele zu: Der Wiener Weltausstellung. Auch Fräulein Barta und Elise schlossen sich diesem Strome an und traten die Reise nach Wien an. Es war ein gewitterschwüler Nachmittag, an dem sie in ein Kouvee zweiter Klasse des Schnellzuges der Franz- Joseph-Bahn einstiegen. ... E^se, deren erste größere Reise dies war, malte sich stadt warteten, mit den glühendsten Farben aus. Schon