Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 35 (6.5.1901)
- Date
- 1901-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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796 Brust ihrer Bekenner verpflanzt. Sehen wir dieselben als nie nützlichsten Glieder der Gesellschaft, als die tugendhaftesten Bürger der Staates, so können wir die Palme der Anerkennung auch ihrer Religion, ihrem Glaubensbekenntnisse nicht versagen. Wäblen wir diesen, selbstredend richtigen Maßstab, so müssen wir zweifellos dem orthodoxen Judenthume ohne jeden Vorbehalt unsere größte Bewunderung und Verehrung zollen. Hat es doch im barbarischen, verkommenen Mittelalter trotz der gräßlichsten Bedrückung und Unterdrückung, trotz der rohen Gewalt, die bei anderen Völkern verheerende, blutige Revolutionen hervorbringt, unter den Juden inmitten der dumpfigen Ghettomauern die sittlich reinste Athmosphäre erhalten und befestigt. „Mehr, als alle modernen Predigten, die an Sabbaten in Abwesenheit des Gemeindevorstandes, der Reichen und der Höhergestellten gehalten werden, hat die echte jüdische Sabbatfeier dazu beigetragen, den jüdischen Stamm zu veredeln und in ethischer Beziehung zu vervollkommnen." Herrliche Worte, welche verdienten, am Eingänge eines jeden Reformtempels zu prangen; denn kein orthodoxer „Finsterling" hat sie gesprochen, sondern Einer, dem selbst unsere ungläubigsten neologen Brüder Glauben schenken diirfen, ein berühmter Reformprediger — Dr. Iellinek ist sein Name. (Aus der Zeit, I k. Serie, Seite 11. Budapest 1886.) Doch die Superiorität der jüdischen Orthodoxie in punkto praktischer Ethik, wird in unverblümten Worten von einem christlichen Gelehrten ausgesprochen, und wir hoffen, daß unsere Neologen, denen alles, was christlich ist, so außerordentlich gut gefällt, den nachfolgenden Ausspruch eines Christen nicht übelnehmen werden. „Ueber Antipathien läßt sich nicht streiten, darüber kann nur das gesagt werden: damit (mit dem Schächtverbotl treffen die Gegner der Juden gerade nur diejenigen unter ihnen, welche die achtbarsten sind, „nämlich die religiösen, an ihrem Glauben festhaltenden Juden, die durchschnittlich bei weitem die besten und redlichsten sind." (Politisches Jahrbuch der Schweizerischen Eidesgenossenschaft 1892. Pros. Dr. Hilty.) Wenn trotz alldem das orthodoxe Prineip nicht überall und nicht in allen Kreisen der Judenheit jener Achtung begegnet, die ihm gebührt und in manchen Schichten so schwer zum Durchbruch gelangt, so mag dessen Ursache wohl nur ausschließlich dem Umstande zugeschrieben werden, daß über die Begriffe von jüdischer Orthodoxie und Neologie ein dichter Schleier gehüllt ist und die Herren Neologen alles Mögliche und Unmögliche Zusammentragen und mit zäher Ausdauer daran arbeiten, um das Lüften dieses dunklen Schleiers zu verhindern. Bei solcher Begriffsverwirrung, die von neologer Seit? absichtlich genährt wird, ist es dann ein Leichtes, Orthodoxie mit „Finsterniß" zu umschreiben, beide Begriffe als sinnverwandt zu erklären und die Herzen und Gemüther für die so süß- und wohlklingende „Neologie" zu öffnen, zu gewinnen und zu begeistern. Nur daher mag es kommen, daß sich Einzelne wie ganze Gemeinden finden, die sich geradezu ernstlich schämen, den Namen „orthodox" zu führen, selbst wenn sie auf dem Boden des überlieferten Judeisthums stehen; nur so ist es zu erllären, daß Biele stolz aus die Brust schlagend sich rühmen. nicht dem orthodoxen, sondern dem „neologen" Judenthume anzugehören und meinen wirklich, schon hierdurch die höchste Stufe der Bildung erklommen zu haben, selbst wenn sie kaum über das ABC hinaus sind. Darum: Licht, Licht, Licht! ist unser Losungswort. Lickst möcht-n wir über all' die Fragen verbreiten, die so verfänglich scheinen und mit der Fackel der Wahrheit zerstreuen die Dunkelheit, in derem Schoße die verwirrten und verwirrenden Begriffe aufkeimen. Es soll hier klar und deutlich mitgetheilt werden, was das orthodoxe Judenthum im Gegensätze zu dem der Neologen ist, welche Anforderungen es an den Einzelnen und an die Gesammtheit stellt und zeigen, welche Bedeutung der jüdischen Schule und Synagoge innewohnt und welche Stellung der Lehrer und Rabbiner innerhalb einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde einnimmt. Ist aber der Berfasser maßgebend, in solch' hochwichtigen Fragen ein entscheidendes Wort sprechen, ein richtiges Urtheil abgeben zu dürfen? Maßgebend gewiß nicht in dem Sinne, daß man ihm Alles blindlings glauben müßte; jedoch die W a h r h e i t mag man ihm glauben und die Wahrheit zu erforschen, hat er redlich sich bemüht und auf Thatsackien gegründet hier niedergelegt. Die Wahrheit habe ich stets ehrlich gesucht, daher danke ich Jedem im vorhinein, der mit überzeugenden Beweisen mich eines Besseren belehrt; aber Dank auch dem, der bloß durch Schmähungen mich vom Gegentheil des hier Gesagten zu überzeugen vermeint, denn damit bat er für die Richtigkeit und Unanfechtbarkeit meiner Säße das schönste Zeugniß ausgestellt. Herzlichen Dank aber dem Schövfer, der dem Ohnmächtigen Stärke, dem Schwachen Kraft verleiht. Möge Sein Segen auch diese meine Arbeit begleiten! (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Deutschland. >1öl»r. 30. April. Herr Ernst Kassel in London, ein geborener Kölner, hat zur ehrenden Erinnerung an seine Lehrprinzipale, die Herren Louis, Jakob und Julius Eltzbacher, dem „Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache" die Summe von 270,000 Mark überwiesen. Dadurch ist der Verwaltungsrath des Asyls in den Stand gesetzt, dem schon lange vor-