Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 35 (6.5.1901)
- Date
- 1901-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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4S.?Jahrgang. M 35. Der Israelit. Gin Kentrat-Hrgan für das orthodore ZudentHurn. Begründet von Dr. fe^man« in Utaini. 9Jtont an, de« 6. M ai 5661 (1961). Leitender Artikel. Das orthodore Zudenthum. Bon Will). Löwy ln Sarbogard, Ungarn?) Borerinuerung. Der Aufklärung sollen diese Zeilen gewidmet sein; zur Aufklärung sollen sie einen bescheidenen Beitrag liefern, zu der Aufklärung, welche diejenigen — wie wir zuversichtlich hoffen — ganz vergebens zu vereiteln suchen, deren Mund stets mit „Aufklärung, Fortschritt, Bildung", und wie alle diese so leicht bestechenden Wahlsvrüche noch lauten mögen, übervoll ist. Das Wesen des orthodoxen Judenthums möchten wir darzustellen versuchen und unser Augenmerk hauptsächlich auf jene Momente richten, durch welche es sich von dem sogenannten Judenthume unserer neologen Brüder unterscheidet und auf jene große Kluft Hinweisen, welche beide von einander trennt. Das rnit Recht vielgeschmähte, finstere Mittelalter hat jüdische Menschen auszuweisen, zu deren Glaubensstärke und Charakterfestigkeit wir noch heute voller Bewunderung emporblicken müssen, „vor deren sittlicher Größe unser „erleuchtetes Jahrhundert" mit Demuth das Haupt beugen muß." Und diese Menschen hat das orthodoxe Jndentbum hervorgebracht; aus seinem Schoße sind sie hervorgegangen und gewannen ihre Lebensnahrung aus seiner Brust. Mit ihrem Denken, Wollen und Handeln wurzelten sie tief in dem Boden des überlieferten orthodoxen Judenthums und schöpften ihre Lebenskraft aus der sprudelnden Quelle desselben. Man zeige uns heute, in unserer vorgeschrittenen Zeit, einen Rabbi Amnon von Mainz, einen Rabbi Joselmann von Rosheim, einen Don Jsak Abravanel, der *) Aus dem Nachlasse des sel. Verfassers; mitgetheilt von Oberrabbiner Dr. Gustav Löwy in Leutschau (Ungarn). trotz seiner hohen politischen Stellung nnt seinen Glaubens und Stammesgenossen sich eins füllte! Man mag die Behauptung ausstellen, die Reform habe ihre Betenner der weltlichen Bildung näher gebracht. das große Gebiet der profanen Wissenschaften ihnen eröffnet, wir wollen dagegen für jetzt nicht streiten. Daß die Reformbewegung vielleicht auch an der biirgerlichen Gleichstellung der Juden mitgewirkt habe, wollen wir zugeben, obgleich der moderne Antisemitismus den besten Kommentar dazu liefert, indem er ruft: „Nickt dem Judenthume, nicht den Orthodoxen — den Neologen gilt unser Kampf!" Niemand wird jedoch bei nüchternem Verstände und reiflicher Ueberlegung zu behaupten wagen, die Reform habe die Juden sittlich geläutert und gebessert, die Reform habe den Juden einen höheren Moralbegriff beigebracht. Die vielen Taufen, die im Kreise unserer neologen Brüder an der Tagesordnung sind, können nur als trauriger Beweis einer höchst laxen Moral angesehen werden, indem man mit Bewußtsein ein falsches Glaubensbelenntniß ablegt. Denn wer von den Convertiten glaubt oder hält auch nur äußerlich seine neue Religion, zu der er sich bloß aus „praktischen" Gründen öffentlich bekannte? Man mißverstehe mich nicht! Nicht die Taufe, auch nicht den Uebertritt an sich verurtheilen wir als unmoralisch, sondern den falschen Eid, den man dabei leistet, indem einem Glauben Treue geschworen wird, an den man nicht glaubt, und über ein solches Gebühren, das aller Moral und Sittlichkeit Hohn spricht, müssen wir mit aller Entschiedenheit den Stab brechen. Und von dieser niedrigen Moral hält die angesehensten Wortführer der Reologie nur noch die Rücksicht aus einen alten Vater, auf eine alte Mutter, die man nicht kränken möchte, ein in der jüd. Gemeinde innehabendes Ehrenamt, oder ein noch vorhandenes Schamgefühl zurück, wo aber dies alles fortfällt, da kommt mit mathematischer Gewißheit die Taufe. Beweise überflüssig, ''«i -ps prr noTcen. Eine Religion darf nur nach dem sittlichen Ernst und sittlichen Gehalt gemessen werden, die sie in die