Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1901)
- Date
- 1901-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Zehrt hatte sie dieselbe wohl nicht, sie war immer sparsam gewesen, die Gundel, nur. daß sie früher nichts von ihrer Svarsamkeit gehabt hatte, alles hatte sie in den Lumpen, den Hiller gesteckt, dann hat der sie am Ende sitzen laßen. Jetzt wird sie wohl vorsichtiger gewesen sein, und die paar Tausend gut aufgehoben haben. Geheirathet hat das arme Tschaperl nicht, das weiß ich sicher, sie hätt' mir's ja auch geschrieben. Wenn ich nur mit ihr reden könnte, sie war immer ein so gut's Ding, das Mädel, und mich hat's immer gerne gehabt, die möcht' mir schon die paar Gulden borgen, was ich brauch', aber wie nur zu ihr kommen, daß sie nicht abgeschreckt wird, sie is halt so viel gescheut. Ich hab's, ich hab's, unterbrach er mit einem Aufschrei sein stilles Selbstgespräch. Ich lad' sie ein zur Ausstellung, sie kommt, — und ich Hab' sie in der Hand. Die Margreth wird nix dagegen haben, und der Poldi gewiß nit. Voraus brauchen's auch nix z'wiffen, als bis icb a Brief von ihr krieg', daß sie kommt, dann is Zeit genug, daß ich's ihnen sag'. Aber dererst muß ich ihr fein und gescheut schreiben. Die ganze folgende Nacht sann der wackere Meister über den wichtigen „Schreibebrief" nach, den er seiner Muhme senden wollte, bis er ihn im Geiste fertiggestellt hatte, und gleich anderen Tages Folgendes schrieb: Herzliebe Muhme Kunigunde! Einen schönen Gruß von Deinem getreuen Vetter Anton Barta. Möbelfabrikant in Wien, und von meiner lieben Frau, der Margreth! Ich hoffe, daß Dich, liebe Muhme, diese Zeilen bei der besten Gesundheit antreffen mögen und zeige Dir an, daß wir Alle gesund und wohlauf sind. Sonsten geht es uns ganz gut, nur haben wir jetzt in der Fabrik große Arbeit von wegen der Weltausstellung, weil so viele Millionen Leut' von der ganzen Welt hierher kommen, und man kaum im Stande ist, alle Aufträge fertig zu machen, was man kriegt. Der Poldi, mein Sohn, oder eigentlich der von meiner Frau, aber das ist alles eins, der ist den ganzen Tag draußen in der Weltausstellung und verkauft den fremden Herrschaften, den Kaisern und Königen und Herzogen, was alle da hinkommen, unsere Möbel. Das Eine thut mich nur verdrießen, daß keiner von uns zu Hause das sehen thut. was aus dem Barta Toni geworden ist, was für große, schöne Fabrik er sich aufgebaut bat. Und auch von meiner ganzen Freundschaft war noch keiner bei mir in der schönen Wienerstadt. Darum thu ich mir erlauben, Dich einzuladen, Du sollst emahl auch aus Deinem Nest dort herauskommen, und in den Ferien, wo alle Lehrer frei haben, her nach der Kaiserstadt fahren, und Dir sie ein biffel anschaun, und auch die Weltausstellung, was draußen im Prater aufgebaut ist und die Augen aufmachen und gucken, und wirst viele Jahr' lang daheim zu erzählen haben. So was kriegt man bei uns in Böhmen fei Lebtag nit zu sehen. Wir haben ein groß Quartier und Platz genug, und die Margreth und der Poldi freuen sich schon auf Dich; also schau, daß Du kömmst, und schreib' uns zuvor, so werden wir das Gastzimmer für Dich in Ordnung geben und werden Dich im Bahnhof erwarten. Von der Lichtensteinstraß' am Alsergrund is eh' nit weit zum Franz Josephs-Bahnhof. Also schreib' sicher. Verzeih' mir mein schlechtes Geschreib; weißt, ich bin ka G'studirter und kann bester mit dem Hobel und rnit der Säg' umgeh'n, als mit der Feder. Also leb' wohl! Und glückliche Reise wünscht Dir Dein lieber und treuer Netter Anton Barta. Wien. 18. Juni 1873. Achtel Kapitel. In jenem kleinen Städtchen, woselbst unsere Belannten, die Familie Fischer und die Lehrerin Barta mit ihrem Pflegekinde lebten, waren die Jahre nicht spurlos vorübergeoangen. Gundel hatte sich im Verkehr mit ihrer geliebten Pflegetochter geradezu verjüngt: etwaige altjüngferliche Schrullen hatte sie nach und nach abgestreift und spielte sich auf eine ganz würdige Gardedame auf, welche bestrebt war, nicht nur das ihr anvertraute Kind körperlich zu pflegen und besten Geist sorgfältig auszubilden, sondern auch dem Heranwachsenden Mädchen alle jene Vergnügungen zugänglich zu machen, welche der Aufenthalt auf dem Lande darbot. Liefet war ein schmuckes Mädchen geworden, und gar mancher heirathsfähige junge Mann im Städtchen blickte sehnsüchtig die schöne Elise Barta an — ihr Familienname war, seit sie die Schule Verlusten, immer mehr und mehr in Vergessenheit gerathen. — Aber Elise lachte nur, wenn ein junger Mann sich ihr näherte; sie dachte nicht an's Heirathen, es war ihr gar zu wohl bei ihrer liebem, guten Tante und in der Nähe der ihr nicht minder lieben Frau Fischer. Sie pflegte scherzend zu sagen, kür eine Mutter, die sie verloren, habe ihr der liebe Gott sogar zwei gegeben, Tante Gundel und Frau Rösl. Gundel hatte sich ernstlich mit der Absicht getragen, das Kind in aller Form zu adoptiren und sich von ihm „Mutter" nennen zu lassen. Aber Rösl Fischer hatte ihr davon abgerathen: sie meinte, es passe für ihre Stellung als Lehrerin nicht recht, daß sie, ein Fräulein, von einem Kinde „Mutter" genannt werde, und Gundel gab der Freundin, wie öfters wohl, Recht. Es war aber trotzdem eine mütterliche Liebe, welche sie der Waise zuwendete, welche ihr auch wahrhaft kindlich ergeben war. Mit innerer Freude und geheimem Stolze sah Gundel ihr Pflegekind sich zu immer höherer Schönheit entfalten. Hatte sie selber ja einstmals so viel und so schwer unter dem Mangel jeden äußeren Reizes gelitten, war ja ihre unansehliche Gestalt die einzige Ursache gewesen, daß ihr» treue opfermiithige