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Der Israelit · 1901-04-29 · Heft 33 (29.4.1901) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 33 (29.4.1901)
Date
1901-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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die sog. „oberalte Schul", kassirt werden. Dasselbe Schicksal hatte ein anderes, ebenfalls kleines Betlokal, die sog. w"M2 Schul," die in einem der beiden vor der Front der Synagogen liegenden und durch den Hofraum von denselben getrennten Häuser schon Jahrhunderte lang bestand. Dieses Haus, in dem auch das alte «tn-ion 702 lag, mußte nämlich auf Anordnung der Behörde niedergerissen werden, um nach der Straße hin einen freien Raum vor der Betschule zu schaffen. Durch die Beseitigung des Betlokals über dem Eingänge wurde in der alten Schul ein Raum für die Frauen gewonnen, die bis dahin einen Raum im Erdgeschoß inne batten. Ferner wurde auch eine Gallerie für die Frauen angelegt, wie die neue Schul sie längst batte, und dadurch war auch ein für die beiden Betschulen gemeinsames- Treppenhaus nothwendig geworden. Diese Renovation erforderte einen Kostenaufwand von nahe 100,000 Mk. Den Anforderungen der Polizei war dadurch allerdings genügt worden; die Betschulen aber gewannen nicht nur keinen, sondern verloren noch den ohnehin nur geringen Raum, da die vermehrten Ausgänge zu viel absorbirten. Für den Synagogenbesuch im Laufe des Jahres würde nun zwar der Raum genügen, der Mangel daran macht sich aber in unangenehmer Meise fühlbar bei stattfindenden Feierlichkeiten, bei Predigten des Herrn Gemeinderabbiners und allermeist an den hohen Festtagen. Außerdem leiden die Bet schulen auch an mangelhafter Beleuchtung, da das Tageslicht nur an der schmalen Frontseite her hineingelangen kann. Diese Mängel sind es nun, die den schon vor zwei Dezennien ausgetauchten Gedanken an Errichtung einer großen Synagoge wieder hervorgerufen haben. Da nun aber, wie gesagt, von einem absoluten Bedürfnisse einer großen Synagoge nicht die Rede sein kann, so ist es immerhin scbr zweifelhaft, ob das Gros der Gemeindemitglieder für Bewilligung eines so kostspieligen Baues zu haben sein wird. Dazu tritt noch ein anderer Umstand. Die erwähnten beiden Betfchulen sind zwar die ältesten und bedeutendsten der Gemeinde, jedoch bestehen hier noch viele andere kleinere, ferner auch drei 5p*hö '^2 die ebenfalls ihr Publikum haben, bei denen also kein so großes Interesse an der Errichtung einer großen Synagoge zu erwarten ist. Außerdem aber würden die Mitglieder des Brudervereins, die einen sehr bedeutenden Theil der Gemeinde repräsentiren und einen eigenen Tempel besitzen. sich wohl wie ein Mann gegen die Belastung des Gemeindebudgets erheben, zu dem sie ohnebin den bedeutendsten Theil beitragen. Einem on dit zu Folge sollen sie die Beistimmung zu dem Plane davon abhängig machen, daß ihr Tempel und ihre Gemeindebediirsnisse auf den Gemeinde-Etat übernommen lverden; also eine do ut des Taktik. Bis jetzt ist demnach alles noch embrvonisch und wird es bis zur Klärung der Ansichten wohl noch einige Zeit anstehen. Es kann jedoch keineswegs geleugnet werden, daß die Würde einer Gemeinde, wie Posen, allerdings eine angemessene Synagoge erfordert. Thorr», 22. April. Die hiesige jüdische Gemeinde hat abermals einen schweren, unersetzlichen Verlust zu verzeichnen: Genau ein halbes Jahr nach dem Heimgang? des unvergeßlichen Herrn Louis K a l i s ch e r s. A. , dessen Leben und Verdienste z. Zeit an dieser Stelle eingehend gewürdigt wurden, ist der ihm gesinnuugsverwandte, engbefreundete Herr Nathan Leiser, erster Vorsteher unserer Gemeinde, abberufen worden. Aber während bei Jenem der Tod sich durch langes Siechthum angekündigt hatte, starb dieser plötzlich und unerwartet, in voller geistiger und körperlicher Krafl. Am Abend des zweiten Peßach-Tages wnrde er vor Beginn des Gottesdienstes in der Synagoge von Unwohlsein befallen, und kaum eine Minute später hatte ein Herzschlag seiner Erdenlaufbahn ein Ziel gesetzt. Mit dem so jäh Dahingerafften sinkt eine der markantesten, einflußreichsten und verdienstvollen Persönlichkeiten unserer Gemeinde in's Grab. Das ganze achtundsiebzigjährige Leben des Entschlafenen war ein ununterbrochener Dienst für die heilige Sache unserer Religion. Er hatte diese Hingabe und Arbeitsfreudigkeit für die Interessen unseres Bekenntnisses gleichsam als Erbe von seinem großen Vater, der völlig selbstlos, obne jegliche materielle Gegenleistung das hiesige Rabbinat versehen hatte. Ein ganzes Menschenalter hindurch bat Nathan Leiser der Gemeinde-Verwaltung angehört, seit einem Vierteljahrhundert die Wurde eines ersten Vorsitzenden innegehabt, und eben dadurch eine so überaus segensvolle Wirksamkeit entfaltet, daß er in sich und seiner Lebensführung die Ideale verkörverte, deren Pflege ihm bevorzugtester Inhalt seiner Amtsbethätigung galt. Mit seinem ganzen Sein fest im überlieferten Judenthum wurzelnd, hat er zeitlebens für seine Ueberzeugung mit freudiger Bereitwilligkeit die grössten und schwersten Opfer gebracht. Sobald der Sabbat oder die Festtage begannen, herrschte in seinem Geschäftsbetriebe (in früheren Jahren auf dem Gebiete der Getreidebranche der ausgedehnteste der ganzen Provinz) völlige Ruhe, und die ihm hieraus erwachsenen empfindlichsten Verluste vermochten seinen Gleichmuth nicht im Geringsten zu trüben. Aus dieser tiefinnigen Frömmigkeit schöpfte er die Kraft, die schmerzlichsten Schicksalsschläge wie ein echter Weiser zu überwunden und sich die Heiterkeit des Gemüthes zu bewahren. Der Pflichteifer des Unermüdlichen im Dienste unserer Gemeinde war kaum einer Steigerung fähig: ihm danken wir es nicht zum Geringsten, daß. ein frischvulsirendes, religiöses Leben und die friedliche Eintracht sich in unserer Mitte behauptet hat. Unbeschadet seiner eigenen Grundsätze, gelang es seinem Takt, die widerstreitenden Anschauungen zur gemeinsamen Arbeit für die gemeinsamen Ideale zu begeistern und ernstere innere Kämpfe uns zu ersparen. Daß. der vortreffliche Mann aus innerem Herzensdrange, wie

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