Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 33 (29.4.1901)
- Date
- 1901-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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74« der schon vor zwei Jahrtausenden einen Tiefstand in der Gesittung bezeichnete, wieder sein Medusenhaupt erhebt, nicht das Bewußtsein trüben lasten, daß trotz aller Abirrung die Menschheit dem großen Ziel der allgemeinen Verbrüderung und Durchsittlichung ihres Lebens zustrebt — dem messianischen Heilszustande. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 26. April. Herr Oberlehrer Dr. N. Friedland ist durch einstimmigen Magistratsbeschluß der Stadt Bromberg zum Lehrer der höheren Töchterschule und des Lehrerseminars daselbst berufen worden. Die Amtseinführung erfolgte am 17. d. M. in feierlicher Weise in Gegenwart der Stadtvertretung und der Honoratioren, wobei der Bürgermeister eine von Toleranz zeugende Ansprache hielt, die in folgender Weise ausklang: „Auch bei widrigen Winden halten Sie diese Ziele im Auge. Thun Sie unverdrosten das Gute, dann wird auch der Segen Gottes, der unser aller Gott ist, Ihrem Werke nicht mangeln." Sollten wirklich — was wir nicht hoffen — von Zeit zu Zeit widrige Winde wehen, so ist Herr Dr. Friedland gerade der rechte Mann, diese nicht zu fürchten: er setzt sich ihnen kühn aus und sein fester Charakter, sein biederer Sinn und seine hingebungsvolle Pflichttreue schützen ihn vor Schaden. Hamburg, im April. In einer Sitzung des Magistrats- und Stadtverordnetenkollegiums von Altona theilte Oberbürgermeister Dr. Giese mit, daß der verstorbene ehemalige Präses der Jsraelitengemeinde, Pius Marburg, außer vielen Wohlthätigkeitslegaten, seine reiche Gemäldesammlung der Stadt Altona für eine Bildergalerie testirt habe. Oberbürgermeister Dr. Giese bemerkte dann weiter, daß das Stadtverordnetenkollegium unzweifelhaft mit dem Magistrat übereinstimme, dieses hochherzige, großartige Vermächtniß anzunebmen. Der Verstorbene habe mit demselben seine Anhänglichkeit an die Gemeinde bewiesen, der er seit seiner Geburt angehört. Die Stadt Altona habe dem Heimgegangenen viel zu verdanken; in aufopfernder Weise habe er sein reiches Wisten und Können, seine ganze Kraft in der uneigennützigsten Weise in den Dienst der Stadt gestellt, viele werthvolle Dienste habe er ihr geleistet. Der Name Pius Marburg sei mit einer der wichtigsten Cpochen unserer Vaterstadt eng verknüpft, denn gerade zu der Zeit, als unser engeres Vaterland von der dänischen Fremdherrschaft befreit wurde, hat Pius Marburg das Ehrenamt des Bürgerworthalters bekleidet, und in dieser Eigenschaft das Jntereste der Stadtgemeinde nach jeder Richtung hin energisch und in vortrefflicher Meise zu wahren gewußt. Die Stadt werde dem Verstorbenen stets ein treues Gedenken bewahren. Posen, im April. Ein schönes Beispiel von Humanität hat eine vor kurzem hier verstorbene christliche Frau Schultze gegeben. Unter verschiedenen Legaten im Gesammtbetrage von 100,000 Mk. sind zunächst 20,000 Mk. ausgesetzt, deren Zinsen alljährlich gleichmäßig unter die Armen, ohne Unterschied der Konfession, vertheilt werden sollen. Außerdem aber ist auch ein besonderes Legat von 8000 Mk. für das unter Verwaltung der hiesigen Synagogengemeinde stehende Krankenhaus Rohr'scher Stiftung ausgesetzt. Es ist dies wieder ein Zeichen des gesunden Sinnes unserer Bürgerschaft, den antisemitischen Einflüsse noch nicht getrübt habend Die erwähnte Anstalt erfreut sich übrigens der größten Anerkennung auch außerjüdischer Kreise und es sind schon mehrmals Anträge um Aufnahme christlicher Kranken an dieselbe herangetreten. Zur Zeit wird hier eine lebhafte Agitation behufs Errichtung einer neuen großen Gemeindesynagoge in's Werk gesetzt. Bekanntlich besitzt die Gemeinde zwei nebeneinander stehende, nicht allzugroße Synagogen, die sog. „alte" und „neue" Betschule, die bis vor 16 Jahren durch einige Gebäude und einen Hofraum von der Straße getrennt waren. Die Entstehungszeit derselben ist ganz unbekannt; nur weiß man aus einer an der Rückwand der alten Betschule befindlich gewesenen, im Jahre 1858 aus Unkenntniß entfernten Inschrift, daß diese Synagoge schon im Jahre 1649 einer Renovation itnb Erweiterung unterzogen wurde. Die „neue" Betschul? wird zuerst anfangs des 17. Jahrhunderts in dem Gemeindebuche als (sie) np-rrn no:Dn rvi erwähnt. Im Jahre 1865 wurde die alte, im Jahre 1862 die neue Vetschule einer Renovation unterzogen, die sich jedoch nur auf das Innere beschränkte, und zwar wurden die Sitzplätze in der jetzt üblichen Weise hergestellt, Gasbeleuchtung eingerichtet und das in der Mitte stehende „Almemor" beseitigt, letzteres nicht ohne Widerspruch eines großen Theils der Mitglieder; der beschränkte Raum machte es jedoch durchaus nothwendig. Im Jahre 1882 trat eine neue Phase für die beiden Synagogen ein. Die Wiener Ringtheater-Katastrophe im Jahre 1881 veranlaßte die Polizeibehörden, alle Baulichkeiten, die zu größeren Ansammlungen dienten, zu revidiren und darauf zu dringen, daß für vermehrte Ausgänge und andere Sicherheitsmaßregeln gesorgt werde. So wurden denn die beiden Synagogen geschlossen und die Gemeinde genöthigt, dieselben nach den Anordnungen der Polizeibehörde umzubauen. Dieser Umbau beschränkte sich jedoch hauptsächlich nur daraus, daß anstatt des vorhandenen einen Ausganges drei hergestellt wurden und daß der Fußboden, der nach altem Herkommen fast ein Meter tiefer als das Straßenniveau lag, auf die Höhe dieses Niveaus gebracht wurde. Ferner mußte eine kleine Synagoge, die über dem Haupteingange der alten Betschule lag,