Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 32 (25.4.1901)
- Date
- 1901-04-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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736 Stellung eines Rabbiners in einer kleinen Gemeinde ist!"- „Vielleicht passe ich überhaupt nicht zu einem Rabbiner," sagte Aladar nach einigem Ueberlegen. Der alte Mann sah ihn bestürzt an, als traue er seinen Ohren nicht. »Ja, ja, Vater, so leid es mir thut, Dich zu betrüben," sprach Aladar, „einmal muß es doch gesagt sein; verzeih', wenn Dich meine Worte kränken, aber ich fühle, oaß ich — will ich nicht zum Heuchler werden — leine derartige Stellung in einer orthodoxen Gemeinde antreten kann!" „Du sprichst im Wahn!" rief der alte Mann erbleichend, „versündige Dich nicht an Gottes Wort! Du bist berufen, es zu künden. Was in aller Welt hat Dich Deinem heiligen Berufe abtrünnig gemacht?" „Mir fehlt der Glaube!" sagte Aladar tonlos. „Du ahnst nicht, Vater," fuhr er nach einer Weile, da ihn der Vater thronenden Auges angeschaut, „wie ich mit mir gerungen, um die in mir aufsteigenden Zweifel zu bannen! Es ist mir nicht gelungen. Kann ich, der ich selbst nicht glaube, Seelsorger einer Gemeinde werden, deren Mitglieder von mir Trost, Zuspruch, Glaubenstreue verlangen?" „O, daß ich diese Stunde nie erlebt hätte!" rief Rabbi Lazzlo, die Hände über den Kopf zusammenschlagend. „Gott, Gott," sprach er im Tone herzzerreißenden Jammers, „warum strafst Du mich so, daß ich Aladar, den geliebten Sohn, als ungerathenes Kind beweinen, jedes Gefühl für ihn in meinem Vaterherzen ertödtcn muß!" „Da mußt Du nicht, Vater," fiel Aladar begütigend ein, „bei Gott, ich bin Deiner nicht unwürdig! Mir ist alles Edle und Hohe heilig; ich sehne mich darnach, den Besten unseres Volkes gleichgestellt zu sein, mich fortzubilden, des Lebens Räthsel zu erklären; aber im Sumpf zu vegetiren, zu heucheln, den Frömmlern gleich Gott anzurufen, ohne an ihn zu glauben, nein, das kann ich nicht!" „Lästere nicht," unterbrach der alte Rabbi mit Stentorstimme, „nur zu lange habe ich Deine unheiligen Worte mit angehört! Mein religiöses Gefühl empört sich, es ist mir, als wäre mir das Herz aus dem Leibe gerissen, all' mein Blut zu Eis erstarrt. — Du, Aladar, Du," fuhr er wehtlagend fort, „auf den ich so große Hoffnungen gesetzt, Du kannst mir so herbes Weh zufügen!" „Du wirst nicht wollen, Vater," fiel Aladar begütigend ein, „daß ich Zeit meines Lebens zum Heuchler werde. Das orthodoxe Judenthum hat sich überlebt; Reformen thun Roth; finde ich wo immer einen Wirkungskreis, in dem ich in diesem Sinne wirken kann, so will ich all mein Wissen und Können für meinen Beruf einsetzen!" „Reformen! Reformen!" höhnte Rabbi Lazzlo. „Gottes Wort ist heilig und bedarf keiner modernen Deutung! Es will mit dem Gemüth erfaßt sein! Wer kein gläubiges Gemüth hat, dem helfen auch Reformen nicht! Im Gebet, wie es unsere Urväter gesprochen, liegt Stärkung, Heil, Labung der Seele! Fangt Ihr erst an, an Gottes Wort zu deuteln, so ist die echte Poesie des Glaubens dahin! Lass' Dich von all' Len modernen Sophistereien nicht vom wahren Glauben ablenken, mein Sohn, bleibe der Religion der Väter treu! Sie ist ein Born, dem all' das, was das Leben leüenswerth macht, in reichstem Maße entquillt!" „Wie beneide ich Dich, theurer Vater," sprach der junge Mann, „um Deine Glaubenstreue! Trotzdem ich mit mir gekämpft und gerungen, in schlaflosen Nächten Gott gebeten, mir Kraft zu geben, daß ich meinem Berufe treu bleibe, ich kann es nicht! Gib mir ein Jahr Zeit; ich werde irgend eine wissenschaftliche Laufbahn wählen, die, ohne daß ich mir selbst untreu werde, meinen Fähigkeiten entspricht und mich befriedigt; zum Rabbiner passe ich nun einmal nicht!" „O, Gott Vater," jammerte der alte Mann, „was habe ich so schwer gesündigt, daß Du mich also strafst — all' meine Hoffnungen mit einem Schlage vernichtest!" „Jamniere nicht, Vater," bat Aladar, des alten Mannes Hand ergreifend, „Deine Worte zerreißen mir das Herz! Bedenke, daß wir Jüngeren eine andere Lebensanschauung haben, uns durchringen müssen zu höherer Klarheit, zu reiner Erkenntniß, wenn uns der blinde Glaube, der Euch beseligt, fehlt!" „Worte, Worte! Nichts als Worte!" sagte Rabbi Lazzlo abweisend. „Man denkt und grübelt nicht, man hat gar kein Recht, nach den letzten Ursachen aller Dinge zu forschen! Und glaube mir, die, die es thun, sind nie glücklich. Der Zweifel an Gott ist Sünde! Nie war ein Zweifler ein glücklicher Mensch! Glücklich ist nur, wer sich Eins fühlt mit Gott, gläubig zu ihm aufschaut, ihm im Gebete sein Herz erschließt. — Versuche es, Aladar," fuhr der alte Mann fast bittend fort, „bleibe der Religion der Väter treu! Sei stolz darauf, daß Du berufen bist, als Seelsorger einer Gemeinde viel Gutes zu thun, Gottes Wort zu künden, die Dir anvertraute Schaar durch die Macht Deines Wortes für die Religion der Väter zu begeistern!" „So gib mir Bedenkzeit," bat Aladar, dem es in tiefster Seele wehe that, den strenggläubigen Vater so betrübt zu haben, „ich werde Einkehr bei mir halten, inich prüfen und Dir meinen Entschluß in einigen Tagen mittheilen!" „Möge Gott Dich erleuchten," sprach der alte Mann und wandte fich zum Gehen. Es war Aladar, als er den Vater jetzt hinauswanlen sah, als hätte er ihm Jahre seines Lebens geraubt. Rabbi Lazzlo schloß sich in seinem Zimmer ein und war für Niemand zu sprechen. Er betete zu Gott mit jener Inbrunst, die nur gläubigen Menschen eigen, er möge des geliebten Sohnes Herz erleuchten,