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Der Israelit · 1901-04-25 · Heft 32 (25.4.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 32 (25.4.1901)
Date
1901-04-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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728 fabeln können. Der normal entwickelte Mensch, u. besonders der Jude, begreift das nicht, steht verständnislos dieser Erscheinung gegenüber und sieht irrtümlicherweise ihre Ursache in den Angegriffenen und Angeseindeten. Im Grunde ist sie aus dem dunklen Grunde der Hasser und Verfolger zu suchen, die ihre „Energie des Haffes," wie Nietzsche sagen würde, im Parlamente in den berichtigten Judendebatten zu entladen pflegten. Nun aber bedarf es vorläufig der Judendebatten nicht, um diese beiden edlen Ziele zu erreichen. Eine „Größe" kann man heute auf andere Weise werden. Der „Judenstoff" war ohnehin schon stark abgenutzt, dabei waren zu viele Compagnons bei dem Geschäfte betheiligt. Wer konnte sich nicht, wenn es ihn nach Lorbeeren gelüstete, den Luxus einer Brandrede leisten? Wie aber, wenn man anfing, den Klerus zu beschimpfen, den Staat als solchen, alle ihn repräsentirenden Autoritäten in den Koth zu zerren, die Justiz zu besudeln, die Armee zu brandmarken, wie es die radikalen Tschechen gemeinsam mit den von ihnen bitter gehaßten Deutschen thun, oder gar den Kaiser und die katholische Kirche zu beleidigen, wie es die letzteren selber besorgen? Das ist pikant, unter dem Schutze der Immunität straflos, und doch — wie nichtig! Man kann beinahe ebenso billig ein Held sein, wie früher, als man „blos" Juden mit der Zunge drosch! Abwechslung muß ja sein. — So haben denn die „Alldeutschen" — ein Schönerer und Wolf confrernale — das Haus zum Schauplatz unerhörter Skandalscenen gemacht, indem sie Interpellationen einbrachten, die wider die katholische Kirche und deren Institutionen gerichtet waren, und von einer solchen Unverschämtheit, einem solchen Cvnismus getragen waren, daß man sie tbeils in geheimen Sitzungen verlesen, theils aber gar nicht in die Sitzungsberichte des Hauses aufnehmen konnte. Nie noch hat man es gewagt, die herrschende Kirche, zu der sich auch das Kaiserhaus und die überwiegende Majorität der Gefammtbevölkerung bekennt, auf eine solche rohe Weise zu beschimpsen, und nie hätte man das wagen dürfen, hätte man sich in diesem Hause nicht Jahre lang darin geübt, die jüdische Religion, die Stamm-Mutter aller positiven Religionen civilisirter Völker, zu beschimpfen und besudeln, ohne von irgend einer autoritativen Seite eine energische und ernste Zurückweisung zu erfahren. Da erhob sich irgend ein kleines Advokätlein aus Böhmen, ein obskurer Mensch, dem der Wahlzufall ein Mandat in den Schoß geworfen hat, spielte sich auf einmal auf den gelehrten Theologen hinaus, und erörterte vor dem Abgeordnetenhause in langer, verworrener Rede eine rein theologische Frage, die vor das Forum der Wiffenschaft gehört, und nicht vor eine Versammlung, von der mindestens 99 pCt. nicht einmal die nöthigen Vorkenntniffe besitzen, um die Sache auch nur oberflächlich zu beurtheilen. Seine Rede war von einem fanatischen Haß wider den Katholizismus getragen, einem Haß, wie er sonst nur in den antisemitischen Reden der Gregorig und Schneider hier sich zu äußern pflegte. Mit der ganzen Wuth des Renegaten stürzte sich der vor kurzem erst aus der katholischen Kirche ausgetretene Redner auf das Heiligthum, das er früher selber anbetete. Und der Häuptling Schönerer brachte eine unverschämte Interpellation ein, in welcher er eine lange Liste von Verbrechen wider die Sittlichkeit aufzählte, die katholische Geistliche sich haben zu Schulden kommen lasten. Daraus sollte nun auf die Verworfenheit eines ganzen Standes, wie der katholische Klerus, geschloffen werden, dem so viele hochachtbare, würdige, gelehrte und verdienstvolle Männer angehören. Ein jeder rechtlich Denkende begreift die Entrüstung, mit der alle Parteien, die Konservativen voran, diese Schandthaten zurückwiesen. Aber es ist für jeden rechtlich denkenden Mann peinlich, sich sagen zu müffen, daß eine gerechte Sache hier von ungerechten Menschen vertheidigt wird. Es gewährte ein eigentümliches Schauspiel, zu sehen, wie Pater Schreiber, der verbissene Antisemit, sich über den Renegaten empörte, welcher herausgegriffene lateinische Zitate aus einem kirchlichen Autor dazu verwendete, um gegen die Kirche Sturm zu laufen. Aber in seinen eigenen Reihen hat er einen Renegaten, den berüchtigten Dr. Porzer, der es nicht verschmähte, eine Klage wider den Oberrabbiner von Wien wegen angeblicher Beleidigung der katholischen Kirche durch die Brandmarkung des Märchen vom „Ritualmord" als Lüge, zusammen mit den grimmigsten Antisemiten zu unterschreiben! Es ist verdammenswerth, wenn ein Advokat aus herausgeriffenen lateinischen Brocken eine Anklage gegen gewisse Richtungen der katholischen Theologie schmiedet, aber es ist nur recht und billig, wenn der Schmiedemeister Schreiber oder der Hemden- und Unterbosen-Fabrikant Gregorig erlogene und gefälschte Zitate aus dem Talmud mißbraucht, um Judeu- und Judenthum der schlimmsten Verbrechen zu bezichtigen. Und doch ist ein Jeder, der ein Gymnasium absolvirt hat und im Besitze eines lateinischen Wörterbuches ist, leidlich im Stande, einen lateinischen Autor zu lesen und zu verstehen, während nicht nur die Schmiede und die Unterhosenfabrikanten, sondern erwiesenermaßen sogar die „gelehrten" Führer der Antisemiten, mit Herrn Schreiber an der Spitze, nicht im Stande sind, auch nur eine einzige Zeile im Talmud zu entziffern. Es ist unrecht, wenn man wegen der Sittlichkeitsverbrechen einiger Geistlichen den ganzen Stand der Sittenlosigkeit beschuldigen will, aber es ist recht und billig, wenn man für die üblen Thaten einiger Juden das ganze jüdische Volk verantwortlich macht! Es iü nicht verwerflich, wenn der Busenfreund des Herrn Schreiber in öffentlicher Versammlung behauptet, der Staat müßte einen Lohn für Jeden aussetzen, der einen Juden erschießt, gleichwie er dies den wilden

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