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Der Israelit · 1901-04-25 · Heft 32 (25.4.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 32 (25.4.1901)
Date
1901-04-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Krlle Aeitage zu Jfs 32 des „Israelit". Leitender Artikel. Wiener Brief. Es geht munter zu in fceni Hanse, wo unsere 426 Reichsräthe versammelt sind, um dem Volke Gesetze zu geben, über sein Wobl zu machen und ihm in der Kultur, in der guten Sitte und im edlen Auftreten voranzuleuchten. Schon seit Jahren haben die Eigenschaften, die außerhalb des Abgeordnetenhauses in Oesterreick noch immer als solcke gelten, die den Mann zieren und ihn über die Menge hervorheben, wie Ernst, Wissen, vornehme Gesinnung, gewissenhafte Pflichterfüllung, Nachsicht fiir den Gegner, und ähnliche altfränkische lugenden, ausgehört, in dem Hause am Schottenring Vorzüge zu sein, Lungenkraft, Frechheit, Jaustgewalt lind an deren Stelle getreten, und je mehr einer von diesen Gaben besaß, desto höher stand er. Der Hervorragendste unter allen aber war unzweifelhaft der Carl Hermann Wolf, früherer Leibknappe des Vaters des österreichischen Antisemitismus, des berüchtigten Schönerer, nachher Redakteur eines der giftigsten antisemitischen Blätter der Welt, der „Ostdeutschen Rundschau." Dieser Mann galt bislang als das bedeutendste Mitglied des Abgeordnetenhauses. Ein verbummelter Student, der niemals eine Prüfung an der Universität bestanden hat, da er die Universitätsjahre mit Geldpumpen und Raufen verbrachte, ein Mann, der jeglichen ernsten Wissens bar ist und nicht einmal sein geliebtes Deutsch richtig zu schreiben versteht. Aber er war immer der frechste, roheste, unverschämteste und gewaltthätigste Patron des Hauses und das trug ihm eine ungeheure Popularität ein. Er war der „Start" des Hauses, ivie es im Rennstalljargon heißt. Das verdroß die edlen Tschechen, die es nicht litten, daß ein Deutscher etwas vor ihnen voraus habe, und sie entsandten bei den letzten Wahlen in's Parlament ein Individuum Namens Klofatsch, welches gleich in den ersten paar Sitzungen dem Wolf den Rang abgelaufen hat. Man glaubte bis dahin, Wolf habe in seinem Metier den Gipfel erreicht, nun zeigte es sich, daß der Klofatsch noch frecher, roher, gewaltthätiger ist, als jener. Der Klofatsch wagte es sogar, zu drohen, daß er bei der Verlesung der Thronrede den Kaiser beschimpfen werde! Schimpfen ist Trumpf. Diese beiden schönen Seelen haben außer Obengenanntem nur noch Eines gemein, den Antisemitismus nämlich. Klofatsch ist unter den edlen Tschechen derselbe blindwüthige, rohe und blutdürstige Antisemit, wie Wolf unter den Deutschen. Das edle „Brüderpaar" ist darin einig, daß man die Juden vor allen Dingen ausrotten und vertilgen müsse. Beide haben sich sozusagen ihre Sporen am Leibe der Juden verdient. Indem sie Jahre lang ungehindert und ungestraft wider die Juden alle niedrigsten Leidenschaften aufwühlen, Hetzen, schimpfen durften, haben sie in ihrem Berufe diejenige schöne Uebung und Vollkommenheit erlangt, die heute so sehr „bewundert" wird, und die nun anfängt, viel, viel höher hinauf zu zielen. Die „Verdienste" der Herren Wolf und Schönerer sind ja männiglich bekannt, weniger bekannt ist es, daß Herr Klofatsch einer derjenigen war, denen unsere Glaubensgenossen in Böhmen, besonders in Prag, in erster Reihe alle die Verfolgungen zu danken haben, die ihnen in den letzten Jahren in die Erinnerung gebracht wurden, daß das Mittelalter mit allen seinen Gräueln in Böhmen noch lange nicht zu Ende ist. Aber die wahre „Größe" dieses Mannes datirt erst seit dem Hilsnerprozeß. Erst in der Ausschlachtung dieser Atfaire, während der wilden Hetze, die alle lichtscheuen und beutegierigen Elemente in Böhmen gegen die Juden losgelassen hatten, rückte Herr Klofatsch zu seiner jetzigen „Höhe" heran. Eine obligate Judendebatte hat es bis zum heutigen Tage freilich in diesem sog. Parlamente noch nicht gegeben, lind es wird voraussicktlich auch eine solcke sobald nicht stattfinden. Die Judendebatten, deren es in diesem Hause eine Unzahl gegeben hat, und die ja nie etwas anderes gewesen sind, als eine wüste Hetze, haben von jeher nur folgenden Zwecken gedient, die mit der Gesetzgebung und dem Volkswohl, dem ja die Volksvertretung angeblich dienen soll, nichts gemein haben. Erstens sollten sie den faulen, unwissenden und keiner ernsten parlamentarischen Arbeit gewachsenen Elementen Gelegenheit bieten, auch eine Rolle zu spielen und von sich reden zu macken. Es ist ja viel leichter auf den Talmud zu schimpfen und blutrünstige Reden gegen die Juden zu halten, als mit Sachkenntniß die Staatsgesckäfte leiten zu helfen. Und einträglicher ist es auck. Würde beispielsweise ein Lueger, mit einem dürftigen Wissen eines Winkeladvokaten und seiner Bildung eines Kleinsiadtreporters es jemals zum Büraermeister der Reickshaupt- und Residenzstadt gebracht haben, wenn er sich nickt auf das „Judenfach" verlegt hätte? Rur der Judenhetze, die dieser Demagoge abgefeimtester Sorte anzuzetteln verstanden hat, verdankt es Wien, daß es sich von ihm nun in den Abgrund hinein regieren lallen darf. Zweitens waren die Judendebatten ein vorzügliches Mittel für gewisse Individuen, den in ihrer Seele ausgehäuften niederen Instinkten wie Haß. Neid, persönliche Rachsucht, Luft zu machen. Es gibt viele Individuen, die nicht leben können, wenn sie nicht Jemanden haben, den sie hassen, an dem sie ihre brutalen Triebe auslassen, den sie peinigen, beschimpfen u. be--

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