Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 32 (25.4.1901)
- Date
- 1901-04-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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735 daß Ihr ein geheimes Gesetzbuch besitzet, welches nicht immer die lauterste Maral enthält, geeignet ist, - das Jndentbum und seine Bekenner unbeliebt zu machen' Sie verstehen ja, was ich meine, den Talmud!" „Was wißen Sie vvn dem Talmud," fuhr Rösl aul, „dem Kommentar unserer Bibel, der all' die weisen Erklärungen und Ueberlieferungen enthält, welche unzählige der weisesten und edelsten Männer Jahrhunderte lang emsig zusammengetragen und zur Richtschnur und;mn Tröste für ihr verstoßenes, zerstreutes Volk ausgezeichnet haben? Nur Wenige von Euch haben so viel hebräisches und kaldäisches Wißen erlangt, um nur eine einzige Seite hiervon richtig zu lesen, geschweige denn, zu verstehen. Was Ihr davon wisset, das habt Ihr aus einer sehr unlauteren Quelle geschövsß das verdankt Ihr dem böswilligen Verrathe irgend eines gelehrten oder halbgelehrten Renegaten. Ist der Uebertritt von einer Glaubensgenossenschaft zu einer anderen schon an und kür sich ein schimpflicher, weil er nur in den seltensten Fällen aus reiner Ueberzeugung erfolget, sondern meistens von äußeren Vortheilen bedingt ist, so handelt Derjenige ganz besonders -chrlos, wenn er die Kenntnisse, die er sich im Schoße des Judenthums erworben, dazu mißbraucht, durch falsche Auslegung, ja sinnstörende Verdrehung der Thatsacken. den ohnehin bestehenden Haß gegen das Iudcnthuin und seine Bekenner anzufachen und zu nähren. Wenn auch inanche Stellen dieses großen Werkes dunkel sind, so sind sie es im Laufe der Jahrhunderte dadurch geworden, daß indessen eine andere Weltanschauung, andere Sitten, andere Verhältnisse um sich gegriffen haben. Unmoralisches enthält es nicht, und wer es darin sucht, der hat nur seine eigenen Gedanken und Gefühle hineingetragen, sei es ein ehrvergessener Jude oder ein nichtjüdischer Forscher." „Sie sollen darin Recht haben, daß christliche Gelehrte es selten dazu bringen, den Talmud ganz durchzustudiren, aber die Bibel, das alte Testament nämlich, dnrchzulesen, ist ja jedem Laien möglich, nachdem sie in alle Sprachen übersetzt ist: da findet selbst der Unbefangenste gar manches darin, woran er Anstand nehmen kann. Ich als Geistlicher darf die Heiligkeit des Pentateuch nicht antasten, aber wem vom Volke werden Sie es verdenken, wenn er Einzelnes davon als inhuman bezeichnet. So z. B. das berüchtigte, sprichwörtlich gewordene: ..Aug' um Auge, Zahn um Zahn!" Muß man nicht den Bekehrten dieser Lehre, schon um dieses einen Gesetzes willen, mit Nachsicht entgegen treten?" ..Q." lachte Rösl schrill auf, „daß doch der Mensch den Svlitter im Auge seines Nächsten früher bemerkt, als den Balken im eigenen! Wenn ein Gesetz verbietet, dem Thäter eine größere Strafe aufzulegen, als seine Verschuldung beträgt, daß Derjenige, der Jemanden ein Auge, einen Zahn verletzt, nur bestraft werden darf in dem Maße feines Vergehens, das nennt Ihr inhuman!" Was sagt Ihr dazu, wenn die Bekenner Eures von Liebe und Duldung diktirten Glaubens mit glühenden Zangen Demjenigen die Zunge herausrissen, welcher sich der Beleidigung eines Vorgesetzten vermaß? Wenn die Hand, die einem Höhergestellten nur gedroht hatte, erbarmungslos abgehauen wurde? Wie nennt Ihr ein Verfahren, wie es im Mittelalter geübt wurde, das beißt, nicht fo viele Jahrhunderte her, als es Jahrtausende sind, seit diese Warnung, denn als solche wurde dieser Ausspruch betrachtet, in unserer heiligen Tbora niedergeschrieben wurde: von der Inquisition and den Hexenprozessen nicht zu sprechen. Und erst die Folter? Wo blieb da die vielgerühmte christliche Liebe? Kam so was je im Judenthume vor, auch nicht im grauen Alterthum." „Ei," meinte lächelnd der Pfarrer, „wir führen da ein Turnier auf ü in Heine." „Die Bedingungen zu einem solchen Turniere sind nicht vorhanden," antwortete noch immer erregt Rösl. „weder der Boden von Saragossa, noch die günstige Zeit oder die illustre Zuhörerschaft. Auch wären es ungleiche Waisen, mit denen wir kämpfen würden, Sie. der studirte Gelehrte, ich, das einfache Judenweih." — „Wenn ich Ihnen auch prinzipiell in nichts widersprochen und Sie ausreden gelassen, so muß ich doch in Einem Einspruch erheben: Es sind keineswegs so ungleiche Waffen, mit denen wir kämpfen! Was Ihnen mir gegenüber an exaetem, positiven Wissen abgeht, das ersetzt Ihre weibliche Beredsamkeit, Ihre Begeisterung für die Sacke und gerne räume ich ein, daß Sie inir bei einend Wettstreite über dieses Thema überlegen wären. Doch war Ihr Zweck bei Anregung dieses Gespräches nicht der. von mir Komplimente einzuheimsen, sondern Sie wollten das gute Einvernehmen zwischen den Anhängern unserer Kirche und Ihres Glaubens fördern, wobei Sie mir die Ebre erwiesen, mich als Friedenswerkzeug auszusnchen. Trotz Ihres hohen Geistes nnb Ihrer großen Bildung haben Sie sich aber dennoch getäuscht, wenn Sie der Geistlichkeit einen so großen Einfluß, auf den Geist der Bevölkerung einräumen. Wir thun, wie ich schon einmal bemerkte, was wir können, um den Frieden zu erhalten, aber nicht wie früher haben wir das Herz unserer Schüler und Zubörer in Händen. Verderbliche Einflüsse haben Platz gegriffen und Unglauben und religiöse Indifferenz bai in unseren Pfarrsvrengel Platz ergriffen. Es ist dies eine der vielen Folgen dieses unheilvollen Krieges, der fremde, protestantische Schaaren in engen. Kontakt mit der hiesigen, bisher streng-katholischen Bevölkerung brachte. An Ihren Glaubensgenossen allein liegt eS, fick das gute Einvernehmen mit den Andersgläubiaen zu sichern. Eine Handlungsweise, wie die Ihre, kann nicht ohne Anerkennung bleiben. Wenn Alle sich guter Tbaten. edler Handlungen befleißen, dann bürge ich selber für den Frieden, den nach meinen schwachen Kräften zu fördern ich Ihnen heilig versvreche. Das Beispiel von Nächstenliebe, das Sie ge-