Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 32 (25.4.1901)
- Date
- 1901-04-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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734 lich jedoch wurde der Vorschlag des Komitee's einstimmig angenommen. Der Verein dürfte sich in Bälde konstituiren und wünschen wir im Interesse des Gemeindefriedens, daß der Kultusvorstand zeige, daß er gewillt ist, die strenggläubigen Juden Wiens in ihrer Entwickelung nicht zu hindern. Daß die Orthodoxie sich ihre Rechte nicht verkümmern läßt, haben Rabbinat und Vorstand erst in neuester Zeit wieder erfahren. Uebrigens ist durch dieses Statut nur der in Gründung begriffene „Verein zur Wahrung der Interessen der orthodoxen Juden in Wien und Niederösterreich" gebunden. Sollte es dem Kultusvorstande nicht genügen, durch quaest. Paragrapben eine Oberhoheit markirt zu haben, die ihm gesetzlick. nicht zusteht, und er dieses Statut mißbrauchen, um die Orthodoxen in Befriedigung ihrer Bedürfnisse, die die Kultusgemeinde gar nicht befriedigen tann, zu stören, so wird die Orthodoxie Mittel und Wege finden, sich auf gesetzlichem Wege vor Gewissenszwang zu bewahren. Allen Frommen Wien's und all' denen, die noch Sinn dafür haben, daß das unverfälschte Judenthum auch in Wien erhalten werde, und rra nnzy rrr,n in einer der nummerisch größten Gemeinde Europas entsprechenden Weise gepflegt werden, erwächst die Pflicht, sich diesem Vereine anzuschließen, ,-rnn Feuilleton. Mine gebildete Mrau. Von HScrbeLte Iried. 81 Sechstes Kapitel. In den Nachmittagsstunden des folgenden Tages tönte wieder die Glocke zur Ladenthüre des Meisters Elias. Schon wollte er hinausgehen, um die Kundschaft zu bedienen, doch fast erschreckt rief er seinem in der Küche hantirenden Weibe zu: „Rösl. gehe Du in's Geschäft; es ist der Herr Pfarrer drin, Du kannst besser reden mit ihm, wie ich." Rösl wusch und trocknete sich rasch die Hände. Dann trat sie in den Laden, den vornehmen Käufer zu begrüßen, und nach dessen Begehr zu fragen. Dieser ließ sich eine ganze Menge diverser Schreibmaterialien vorzeigen, kaufte und bezahlte sie gleich, dann sagte er freundlich zur Verkäuferin: „Dies Geschäft war eigentlich nur ein Vorwand, um Sie sprechen zu können, liebe Frau Fischer! Der eigentliche Zweck meines Hierseins ist, um Ihnen in meinem und meiner Pfarrkinder Namen Dank dafür auszusprechen, daß Sie sich dieser Tage so liebreich einer Sterbenden unseres Glaubens und dann deren verwaisten Kindes angenommen haben. Sie haben wahrhaft christlich gehandelt!" „Es bedarf keines Dankes, Hochwürden, denn ich habe „jüdisch" gehandelt und wie es mir meine Religion vorschreibt." Der Geistliche wurde einigermaßen verlegen. Er hatte bei einer Handwerkerssrau eine solche Ausdrucksweise nickt erN'artet, obwohl er wußte, daß bei den Juden selbst in niederen Sphären Intelligenz zu finden sei. Darum sagte er: „Ganz richtig, liebe Frau! Sie haben gethan, wie Jeder von uns thun sollte, aber leider nur Wenige zu thun fähig sind." „Fähig sind es Viele, aber es haben nicht Alle diese Gelegenheit dazu." „Oder nicht den Muth, die gebotene Gelegenheit auszunützen," fiel der Geistliche ihr in's Wort. „Jedenfalls nehmen Sie noch einmal meinen Dank entgegen, und bitte, sprechen Sie! Wenn ich Ihnen oder Ihren Glaubensgenossen in etwas nützen kann, soll es gerne geschehen." Rösl erbebte. — Jetzt war der langersehnte Augenblick gekommen, wo sie dasjenige, was sie so lange am Herzen hatte, an geeigneter Stelle Vorbringen konnte. Jetzt, nur jetzt möge ihre Geistesgegenwart sie nicht verlassen, damit sie dasjenige, das sie so lange Vorbringen wollte, auch in gehöriger Form Vorbringen tonnte. Ein selundenlanges Gebet rang sich von ihrer Brust, das ihr aber trotz seiner Kürze Muth und Kraft einflößte. „Noch einmal, Hochwiirden!" begann sie, „ich verdiene keinen Dank. Die Freundlichkeit aber, mit der Sie mir denselben trotzdem entgegenbringen, ermuthigt mich zu einer großen Bitte: O, hochwürdigster Herr, steuern Sie dem immer mehr und mehr um sich greifenden Judenhaß, der in dieser sonst so friedlichen Gegend jetzt so verderblich wirkt. Sie können es, Sie allein. Sie haben zwei Institute in der Hand, von wo aus Sie segensreich wirken können: Kirche und Schule. Von diesen beiden Stätten aus, von Kanzel und Katheder, können Sie sowohl als die Ihnen Unterstehenden das entsetzliche, in seinen Wirkungen furchtbare Lügengewebe zerreißen, in welches eine böswillige Propaganda aus rein materiellen Gründen uns umstrickt. Wir sind nicht bester, als andere Menschen, aber auch nicht schlechter, und wenn wir fehlen, so fehlen wir nicht als Juden, sondern als Fehlern unterworfenen Menschen. Warum also läßt man nicht die ganze Menschheit für etwaige von einem der Unseren begangenen Fehler büßen, sondern das ganze Judenthum?" Der alte Herr erwiederte: „Wir Priester thun, was wir können, um diesem Uebel zu steuern, viel ist dies freilich nicht. Aber sollte nicht in Euch selbst die Ursache dieser, ich gestehe es selber, ungerechten Thatsache liegen? Sie müssen sich selber zugestehen, liebe Frau, daß schon der Umstand,