Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-04-25 · Heft 32 (25.4.1901) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 32 (25.4.1901)
Date
1901-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449177--53179-2503819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

720 Natur und Menschengeschichte kann nur durch freie, sittlich handelnde Menschen, gewährleistet werden. Die Zählung der Omertage schließt sich an die Erinnerung der /^Aksfreiheit logisch an. Pesach lehrt die äußere Freihei^des Volkes! Die Sephira will die innere Reife der Individuen fördern. Daher lehren unsere Weisen: bzb m>BD;n:trn rnnoo 0:6 nmeoi Tnw “inx! „Ihr zählt vom andern Tage des Feiertags; die Zählung vollziehe ein Jederman als Individuum." (Menachot 66 b.) Die Entfaltung der sozialen Aufgaben und ihre gedeihliche Lösung, sie erfolgt nur in Mitten und durch die Arbeit freier Individuen. Der Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft ist uralt. Er beherrscht nicht nur das reflektirende Denken der Wiffenschaft. sondern er ist eigentlich der Ausdruck des ursprünglichen Kämvfens und Ringens, das die Geschichte der Menschheit durchzieht. Ausgangspunkt des sozialen Zusammenlebens, Endpunkt für die Form des Gemeinschaftslebens und Mittelpunkt für die Werthung aller Formen des gesellschaftlichen Wirkens ist das Individuum. Aus der Verständigung des Individuums mit der umgebenden Menschenwelt und vom Grade dieser Verständigung hängt die Weite und Tiefe des Lebens ab. Die Institutionen, in denen dieses Zusammenwirken sich ausprägt und die gleichsam das Depositum der Kräfte bilden, in denen alle individuelle Geistesarbeit eingeht und aus welchem alle kommenden Individuen Richtschnur und Werthung für ihre Thätigkeit gewinnen, — diese Ausprägungen des Geistes bilden das Band für das soziale Zukammenwirken. In diesem Rahmen spielt üch der Kampf der Geister ab und um diesen schichten sich die Errungenschaften der Zeiten und Menschen, wie der Epheu um den mächtigen Stamm. Je mehr Lebens- und Bildungsfähiges im einzelnen Menschen liegt, je ursprünglicher und unmittelbarer seine Thätigkeit mit dem Gesammtgeist der nationalen und volklichen Ideale ist — desto reicher wird der Gewinn seiner Arbeit für die Gemeinschaft, -mir. “inx bzh rrvBB Während sich die Pflicht der Omerzählung an die Gemeinschaft richtet, „Ihr zählet!", spricht das göttliche Gesetz mit dem Einzelnen. Je reicher besaitet die Gesühlswelt des Einzelnen und der Einzelnen sich gestaltet, desto inniger und aufrichtiger wird der Zusammenschluß und Anschluß an die Gesammtheit sein. Das Sephiragebot, das sich an die „Heerschaaren Gottes" richtet, will Jndividuuen fiir den Dienst Gottes erziehen. — Dermaßen lösen sich im Gottesgesetze die Gegensätze, welche allem historischen Leben zu Grunde liegen. Im Judenthum beruhen die religiösen Einrichtungen auf der auioitomen Thätigkeit des Einzelnen. Alle Kraft uttb Bedeutung, die den Institutionen innewohnt, bedeutet nur die Kraft der Gefühle und der Erkenntniß, die der Einzelne an den Gesammtgeist abgibt und die er diesen entnimmt. Für die Antike und ihr Denken bedeutet die Gemeinschaft alles — der Einzelne nichts. Die großen Anläufe, die die griechische Philosophie nimmt, versanden zugleich mit dem Untergang der griechischen Volksfreiheit. Die vielstimmigen Akkorde des griechischen Denkens klingen in einer Philosophie des Individuums aus. Der Stoieismus mit seiner Gleichgültigkeit für das Gemeinschaftsleben und der Epikuräismus mit seiner Lehre von der Glückseligkeit des Einzelnen sind der Wehmuth des Individuums gesungene Töne. Sie laufen parallel mit der Zersetzung des griechischen und später des römischen Staates. Die Hinterlassenschaft der antiken Welt war nur noch die gallige Zuspitzung des Gegensatzes zwischen Individuum und Gesellschaft. Weil in der Blüte dieser Culturen die Sozialisirung das Individuum erdrückt hat und die Mannigfaltigkeit des Individuellen keine Ertüchtigung und Kräftigung kür die Gemeinschaft war — klingt ihr Testament an die Geschichte als verzweifelter Ruf des Individuums aus. Demgegenüber lehrt das Judentum -inw "inx bzb m’BB!|; die Zählung der Individuen. — Israels weltgeschichtliche Aufgabe und ihre Lösung ist verbiirgt in der Herausarbeitung der Einzelnen zu sozialem Berufe. Das Immergrün jüdischer Weltanschauung klingt in dem Satze aus: „Wenn Andere zu zählen aufhören, sängst Du Deine Zählung an!" — Zeitungsnachrichten nnd Corresporrdenzeri. Deutschland. Berlin, 21. April. (Repräsentanten Versammlung.) Hocherfreut wurden am heutigen Tage die Repräsentanten durch die Mittheilung des Herrn Moritz Manheimer, daß Ihre Majestät die Kaiserin die Gnade gehabt habe, für die dritte Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde 2000 Mk. zu spenden. Zum Zeichen des Dankes erhob sich die Versammlung von ihren Sitzen. Abgelehnt wurde die Schenkung von 8200 Mt. aus dem Nachlasse des Unternehmers H. Hirschberg, die Zuwendung des Herrn Gotthilf Salomon im Betrage von 10,^>00 Mk. zum Besten der Alterversorgungsanstalt angenommen. 6600 Mk. werden für Verlängerung der Kontrakte des Konzertsaales in der Philharmonie und im Saale Beuthstraße 20 für Abhaltung von Gottesdiensten an den hohen Festtagen bewilligt. Herr Prof. Blaschke verliest ein Schreiben des kgl. Provinzial-Schulkollegiums in Sachen des Religionsunterrichts an den Berliner Schulen und knüpfte daran persönliche Bemerkungen theils freudiger, tbeils trauriger Natur. Bei Punkt 10: Jugendgottesdienst nach altem Ritus, entsteht eine lebhafte Debatte, aus welcher wir ganz besonders die klare, in Form und Inhalt gleich vollendete Rede des Herrn Leonhard Sachs hervorheben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.