Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 31 (22.4.1901)
- Date
- 1901-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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707 mich keine Spur von einem religiösen oder konfessionellen Ferment; im Gegentheil! „Der nwderne Jude, wenn er halbwegs bemittelt ist, will alles sein, nur lein Jude; er scheut jede Begeani'nq mit wirklich gläubigen Bekannten, er geht früheren Freunden, die am Glauben der Väter noch festhalten, förmlich aus dem Wege, er meidet die Synagogen und iiberläßt die Pflege des rituellen Gottesdienstes den dafür angestellten und bezahlten Persönlichkeiten und — den Qrtsarmen, welche für ihre Gebete am Todestage verstorbener Angehöriger mit Geld abaefunden werden. Daher die öde Leere in den meist prunkvoll erstellten Synagogen. Die jüdischen Gemeinden in den Dörfern verschwinden zusehends, da die Einwohner inehr und mehr in die Städte ziehen, lvo das kirchliche Leben aufhört. Wenn der protestantische oder katholische Christenmensch das heimathliche Dorf verläßt und sich der Stadt zuwendet, so bedeutet dies keineswegs das Grab seines kirchlichen Empfindens; im Gegentheil!"-- Es gibt ein ganzes Heer jüdischer Kommerzienrätbe und Konsuln, es fehlt nicht an jüdischen Sanitätsräthen. es wimmelt von jüdischen Rechtsanwälten, und trotzdem wurven im preußischen Abgeordnetenhause vor kurzem die betauten Klagen erhoben. Mit Recht bat damals die „R. Z. Z.," die gewiß nicht antisemitisch ist, daran erinnert, daß in den schweizerischen Kantonen das Volk die Beamten wähle und daran die Frage geknüpft, ob das Volk wohl auch Juden weit über den Prozentsatz h i n a u s?) in öffentliche Beamtungen loählen und ob es die Verfassung oder das Gesetz verletzen würde, wenn es grundsätzlich keinen Juden zu irgend einem Amte wählte."^) Sie haben damals nur die Fragen gestellt, aber stillschweigend sicher nur eine verneinende Antwort dabei vorausgesetzt. Jene Verhandlungen in der preußischen Kammer haben dem Judenthum wabrlich nichts genützt. Die uneingeschränkte bürgerliche und politische Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger ist, wie bisher, unangetastet; was in aller Welt soll demnach der von Berlin aus geplante „Judentag" überhaupt noch beschließen^ Handelt es sich um rein häusliche Angelegenheiten, so können diese in den einzelnen Städten ihre Erledigung finden; ist aber die Erörterung von Fragen beabsichtigt, wie kürzlich in der preußischen Kammer, so wird damit nur der Antisemitismus gell) Die fünf von uns gesperrt gedruckten Worte sind ein Zusatz des Korrespondenten. Die Neue Zürcher Zeitung hatte seiner Zeit ihre Frage ohne diese Einschränkung restellt. Ohne dielen Zusatz kann aber die Neue Zürcher Zeitung keine Verneinung ihrer Frage voraussetzen, ohne den Thatsacheu zu widersprechen. Es ist uns z. B. bekannt, daß in Basel der Obeirichter Wolf vom Volk für dieses Amt gewählt »vmde. 3) Wenn das Volk g'undsätzlich keinen Juden zu irgend einem Amte wählte, so würde es ohne Zweifel die Verfassung oder das Gesetz verletzen. fördert, und da es Berliner Juden sind, welche mit Gewalt eine solche VewegurP in Scene setzen, haben wir das Recht, von jüdHschem Antisemitismus zu sprechen." 4) Frankreich. Paris, im April. (Juden und Freimaurer.) Der Ruf: „Nieder mit den Hugenotten! Es lebe die Bartholomäusnacht!" ist vor einigen Tagen in einem Pariser Saale erklungen und von 600 Personen im Tone wilden Hasses wiederholt worden. An ihn schloß üch ein direkter Aufruf, die Protestanten, die Juden, die Freimaurer als Verräther und Richtfranzosen niederzuschlagen. Es ist weit gekommen im schönen Frankreich! Es handelte sich um eine Versammlung des katholischen Wahlkomitees „Justice-Egalite" im Saale des Hotels des Societes Savantes, bei der ein vensionirter General de la Rocque, von dem Contreadmiral Mathieu und dem ehemaligen Unterstaatssekretär Turauet unterstützt, den Vorsitz führte. Den größten Erfolg des Abends hatte der Verfasser des „Peril Protestant" und der „Conquete protestante". Ernest Renauld, der sich folgendermaßen vernehmen ließ: Die Protestantenfraae ist ziemlich neu. Man kennt sie überhaupt nur in ungefähr fünfzehn Departements. Die Protestantengefahr erstickt uns. Man kann auf den ersten Blick bei einer Rundreise durch die Provinzen bemerken, daß alle öffentlichen Aemter von Protestanten besetzt sind. Hier ist der Präfekt Protestant, dort hat der Staatsanwalt eine Protestantin geheirathet, der Lehrer ist Protestant, ebenso der Generalsteuereinnehmer. Woher kommt dieses Hervordrängen der Protestanten, die nur den sechzigsten Theil der französischen Bevölkerung ausmachen? Es erklärt sich einfach daraus, daß das gegenwärtige Regime ein wesentlich protestantisches ist. Die Republik hat die gleiche Organisiruna, wie die protestantische Religion, bei beiden bildet das Wahlsystem die Grundlage. Da die Republik und die Reformation Töchter der Revolution ftrtb, haben beide ihre Quelle in der freien Prüfung. Zu allen Zeiten war die protestantische Partei nur eine politische Partei, die nur darauf 'bedacht war, sich der Regierung zu bemächtigen, um Frankreich dem Auslande auszuliekern. Zu allen Zeiten, von Coligny bis Dreykus, haben die Protestanten die Verräther in Schuß genommen; obgleich Montesquieu freilich kein Protestant war, hat er doch englische Ideen bei uns eingesührt; der Schweizer und Calvinist Jean-Jaques 4) So bedenklich und schädlich wir aus den hier angefübrten Gründen auch die Gründung eines IudentagS ballen, so scheint es doch nicht zutreffend, diese Bestrebungen des jüdischen Antisemitismus zu bezeichnen. Dicke Bestrebungen fließen füglich doch aus einer Anschauung, welche glauben, durch ein solches Vorgehen der deutschen Judenheit zu dienen. Es fehlt somit das charakterflifche Kriterium des Antisemitismus, wenn die Folgen auch dieselben und vielleicht noch schlimmer sind, als die deS Antisemitismus.