Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 31 (22.4.1901)
- Date
- 1901-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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7u6 Jahre 1900. Das Jahr schließt mit einem Deficit von 6406 K. Ueber die Ursachen dieses unerfreulichen Ergebnisses wird Folgendes berichtet: „Die verhängnißvollen Folgen der herrschenden sozialen Zustände erfassen immer weitere Kreise. Vielfach sind die Mittel, die in Anwendung gebracht werden, um ihre wirthschaftliche Existenz zu untergraben. Immer häufiger tritt die Erscheinung zu Tage, daß ihr Nothschrei mitleidlos an Stellen überhört wird, an denen in früheren Zeiten ohne Ansehung des Glaubensbekenntnisses Hilfe gespendet wurde. Was Wunder, wenn die glaubensgenössischen Wohlthätigkeits-Jnstitute stärker in Anspruch genommen werden, wenn die Zahl der Bittsteller, die, stärkere Unterstützung heischend, speziell an die Armenanstalt sich wenden, von Jahr zu Jahr größer wird. Bei allem Bestreben, Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen, verbietet es die Menschlichkeit, die Rücksicht auf die Erhaltung des finanziellen Gleichgewichts als den einzigen Leitstern für die Thätigkeit der Anstalt zu betrachten und aus diesem Grunde allein in Fällen dringendster Nothlage die erbetene Hilfeleistung zu versagen." Der mit vollster Hingabe seiner Aufgabe gerecht werdende Vorstand besteht derzeit aus den Herren: David Ritter v. Gutmann, Dr. M. Freund, Hofrath S. v. Habn, Joseph Jelinek, Dr. Felix Katzau und M. A. Pollak. Schweiz. Zürich, 37. April. (Der Berliner Jude n t a g.) Wenn in der liberalen, freisinnigen Tagespresse die Idee eines Deutschen Judentages entschiedene, einmüthige Abweisung erfahren hat, so legen sich das die Wortführer dieser projektirten Institution so zurecht, als ob diese Presse und die durch sie vertretenen Parteien damit mehr einer Regung des Selbsterhaltungstriebes, als ihrer inneren Ueberzengung folgten. Wenn aber auch außerhalb Deutschlands erscheinende Zeitungen gegen diese Einrichtung ihre Stimme erheben, so wird man diese Aeußerungen nicht auf so leichte Weise bei Seite legen können. Unter diesem Gesichtspunkte verdient eine Korrespondenz aus Süddeutschland in der „Reuen Züricher Zeitung" eine gewisse Bedeutung, welche dieses Blatt unter der Aufschrift „Jüdischer Antisemitismus" dieser Tage brachte, zumal dieselbe einige Argumente enthält, die man eher in einer orthodox-jüdischen, als in einer freisinnigen, schweizerischen Zeitung suchen würde.*) Wir lassen dieselbe hier im Auszug folgen und gestatten uns dabei, einige llnrichtigkeiten richtig zu stellen. „Selbst wenn wir mitten in der Sauregurkenzeit waren," heißt es in dieser Korrespondenz, „würde es uns unbegreiflich erscheinen, wie man die Frage der Einberufung eines „Allgemeinen Judentages" zu erörtern vermag und wie man im preußischen Abgeord¬ *) Der Artikel ist ein Abdruck aus der Berliner Zeitschrift „Echo". Red. d. „Jsr". netenhause Klagen über angebliche Zurücksetzung der Mitbürger jüdischen Glaubens erheben konnte. Innerhalb der parlamentarischen Hochflut aber und zu einer Zeit des regsten politischen Lebens ist diese auffallende Erscheinung ein förmliches Räthsel. Und zwar sowohl für den ruhig urtheilenden, der antisemitischen Partei ferne stehenden Ehristen ebenso, wie für den leidenschaftslosen Juden. In Süddeutschland — das kann mit Fug auf das Bestimmteste versichert werden — schüttelt man in jüdischen Kreisen den Kopf zu diesen bedenklichen Erscheinungen. Bedenklich schon darum, weil die judenfeindliche Gesinnung, die mehr in sozialer, als in politischer Hinsicht überall besteht, durch ein derartiges, von jüdischer Seite erfolgendes Vordrängen konfessioneller Fragen nur ausgiebige Nahrung erhält, um so mehr, als der grüßte Theil der deutschen Bevölkerung den gewaltigen Unterschied nicht kennt, welcher zwischen dem Berliner Judenthum und den jüdischen Elementen in den übrigen Theilen des deutschen Reiches thatsächlich existirt. Das an der Spree angesiedelte Judenthum war es, welches seit Monaten die Rothwendigkeit der Abhaltung eines allgemeinen Judentages predigte. Von süddeutschen Glaubensgenossen, welche in einer objektiven Zurückhaltung die richtige Lebensführung des deutschen Juden erblicken, ist dem Projekt in nachdrücklicher Weise Widerstand geleistet worden. Vergebens. Das Berliner Neujudenthum hat nun doch die Abhaltung eines Judentages durchgesetzt*) und hat nicht Unterlasten, der Sache einen politischen Beigeschmack zu geben, indem es auf die Katholikentage und auf die Centrumspartei hinwies. Risum teneatis amici! Wie können Männer, deren geschäftliche und politische Klugheit und Gewandtheit von Freund und Feind anerkannt, ja gefürchtet wird, solch' unzutreffende Behauptungen aufstellen? Das katholische Christenthum und das moderne Judenthum gibt es in diesen Zeitläuften überhaupt größere Gegensätze? Und hier müsten einige Wahrheiten zur Begründung gesagt werden, welche manchen jüdischen Obren vielleicht nicht angenehm klingen, darum aber doch Wahrheiten sind. Der Katholizismus und seine politische Vertretung sind getragen von einer felsenfesten Ueberzengung, sind gefördert von einer strammen Organisation, die sich in guten und schlimmen Zeiten — man denke an den Kulturkampf! — erprobt hat, und sichere Anzeichen sprechen dafür, daß sie die politische und parlamentarische Macht, welche sie gegenwärtig besitzen, noch auf absehbare Zeit behaupten werden. Und nun werfe man einen flüchtigen Blick auf das heutige Judenthum! Vor allem ist hier 1) Soweit halten wir denn doch nicht. Der Judentag ist thatsächlich nicht durchgesetzt, sondern von der Tagesordnung abgesetzt, und mit Rücksicht darauf erscheinen diese Ausführungen etwas post fest.nm.