Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-04-22 · Heft 31 (22.4.1901) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 31 (22.4.1901)
Date
1901-04-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449176--53162-2503801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

704 Doch wie? Wo sind die Arbeiter, die mit klarem Geiste die Gefahr erkannt haben und nun hoffnungssroh und freudig das schwierige Werk zu bemeistern sich abmühen? Wo? Suchet sie mit Laternen! Wer sie sein sollten, das wissen wir freilich. Unsere Lehrer sollten diese Arbeiter sein, die mit flammender Begeisterung im Herzen Beispiel gebend und belehrend inmitten ihres Wirkungskreises stehen müßten. Nur von der Schule kann eine energische Besserung ausgehen, denn das Gemüth der Erwachsenen ist spröde, das der fugend jedoch biegsam. Unsere Lehrer! Mit der im Seminar erlangten Halbbildung ausgerüstet, tritt der junge Mann sein Amt an. Die ersten Jahre werden ausgefüllt mit der Vorbereitung zum zweiten Lehrerexamen. Der Talmud, sowie alle jüdischen Schriften, werden während dieser Zeit vernachlässigt. Es fehlt auch die Anregung, da der jüdische Lehrer gewöhnlich in seiner Gemeinde der Einzige ist, der überhaupt jüdisches Wissen besitzt. Wer nicht zunimmt, nimmt ab. Bald verheirathet er sich, es treten Erwerbssorgen hinzu, und kaum sind wenige Jahre vergangen, da hat das Judenthum mit allem, was drum und dran hängt, nur insoweit Interesse für ihn, als er seiner für sein Amt dringend bedarf. Nur Wenige studiren weiter, nur Wenige haben Geld dasiir übrig, sich die Erscheinungen auf dem jüdischen Litteraturmarkte anzuschasfen. Eine tieftraurige Erscheinung, wenn man bedenkt, daß es ein Lieblingsgedanke des jüdischen Lehrers sein sollte, an der jüdischen Litteratur mitzuwirken! Wir haben wohl — G. s. D. — in Deutschland mehrere Rabbiner — ehrliche, selbstlose- Charaktere, die ihren Beruf nickt als Geschäft auffassen —, welche die Lebrer ihres Bezirkeszum Weiterstudium des Talmud regelmäßig versammeln. Doch Hunderte von Lehrern genießen diesen Vortheil nicht, u. dann gibt es heutzutage io viele Fragen, über die ein denkender jüdischer Lehrer sich Aufklärung zu verschaffen hat (der Darwinismus, die moderne Naturforschung, die soziale Trage etc. vom Stadpunkte des Judenthums aus betrachtet), daß das alleinige Studium des Talmuds, ohne Berücksichtigung aller möglichen Gesichtspunkte, gerad» fiE den Lehrer, der ja wieder lehren soll, nicht genügt. Alle diese Verhältnisse schreien förmlich nach einem Mittel, wodurch es der Gesammtheit der Lehrer ermöglicht wird, auf bequeme Weise und ohne finanzielle Dpfer in den Geistesschätzen des Judenthums weiterzustudiren und ganz besonders Inhalt und Aufgabe des Judenthums in seiner universellen Bedeutung kennen zu lernen. Wenn auch das Verstcindniß so unendlich vieler Einzelheiten spateren/ fortgeschritteneren Zeiten überlassen bleiben muß, wenn äuch in unserm Erkennen so Manches Hypothese ist und wenn auch das bedingungslose Unterstellen unter Gottes Gesetz ohne Berücksichtigung menschlicher Einsicht für alle Zeiten selbstverständliche Voraussetzung für den Juden bleibt, so müssen sich doch bei sachgemäßer Betrachtung und Gegenüberstellung von jüdischer und allgemeiner Welt- und Lebensanschauung Resultate zeitigen, die genügen, das Judenthum zum ewigen Lebensideale in der jüdischen Brust werden zu lassen. Ein „Ferienkursus für jüdische Lehrer" erscheint mir heute als ein dringendes Muß. Ich stelle hiermit diese neue Idee zur Diskussion, indem ich noch kurz mittheile, in welchem Rahmen ich mir diese Institution vorstelle. In Frankfurt — als die Metropole der gesetzestreueu Judenheit — findet jährlich einmal für einen Zeitraum von vier Wochen dieser Kursus statt. Da in die Schulferien die Jomim tauwim fallen, so dürfte am vortbeilhastesten der Kursus im Anfang des Winterhalbjahres, wo ja auch in einer Großstadt das meiste geistige Leben herrscht, abgehalten werden. Der Unterricht hätte zu umfassen: des Vormittags mehrere Stunden Talmud, des Nachmittags Vorlesungen, die in der Hauptsache bezwecken müßten, Parallelen zu ziehen zwischen den herrschenden und den jüdischen Anschauungen, um auf diese Weise Verständniß für jüdische Welt- und Lebensanschauungen in den Hörern zu erwecken. Das Pensuin des einen Jahres hätte sich im zweiten Jahre zu wiederholen. Es bezweckt dies, daß, wenn zwei benachbarte Lehrer sich für den Kursus interessiren, der eine dieses Jahr theil nimmt und der andere ihn währmd dieser Zeit in seiner amtlichen Thätigkeit vertritt und im nächsten Jahre umgekehrt. Selbstredend ist den Theilnehmern, die ja alle nicht mit Gütern gesegnet sind, eine Entschädigung zu gewähren: freie Reise und vielleicht Mk. 100 Spesen. Es scheint mir nicht nur Pflicht des religiösen, sondern auch des unreligiösen Lehrers zu sein, sich an dem Kursus zu betheiligen, denn als jüdischer Lehrer muß er wenigstens sich bemühen, das traditionelle Judenthum in seinem Wesen zu erfassen und das kann er nur, wenn er an die Quelle geht und es kennen lernt. Wird der Kursus in richtiger Weise geleitet, dann muß sein Segen ein ganz unendlicher sein. Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. .Köln, im April. Auf Veranlassung des Herrn Dr. med. Auerbach und unter Vorsitz der Herren Nekarsulm'w, Falkenstein und Dr. med. Wallerstein hat fick hier ein „Kölner Hilfskomitee für ausländische ortsansässige Juden" gebildet. Ueber seine Ziele und Zwecke gibt das Komitee in einem Aufrufe folgende Auskunft: \ 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.