Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 31 (22.4.1901)
- Date
- 1901-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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42« Jahrgang. M 81» Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudentyum. Begründet von Br. in Utfiitt}. Montag, den 2 2. April 5661 (1901). » 5wei Marli abonnirt man bei allen Postanstalten für die Monate Mai & Juni auf den „Israelit''. Tiefer Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-Zeitungsschalter des Wohnsitzes des Bestellers oder bei dem betreffenden LandbrieftrLger aufgeaeben werden. Bflp" Die Briefträger sind berechtigt, den Abonnements-Betrag in den ersten 25 Tagen deS Monats gegen Quittung in Empfang zu nehmen. Ausland entsprechend höher. Are Erpeürtion des „Israelit Leitend er Artikel. Gin Wort an den jüdischen Lehrer von Saly Geis, Frankfurt a. M. Jahrtausende alte Lebens- und Weltanschauungen haben sich überlebt, und im Sturmeswehen versucht ein neuer Frühling emporzukeimen. Eine neue Zeit ist mit neuen Anforderungen an den Menschen herangetreten; doch bei all' dem Durcheinander von Verwelken und Emporsproffen wird der Einzelne verwirrt, wirft Ewiges mit zum Verwelken und glaubt in kurzsichtigem Wahne, des mit dem Todeskeime Erzeugten sich ewiges Dasein erkämpfen zu sehen. Unter solchen Umständen ist es nicht wunderbar, daß der Bestand des jüdischen Volkes dauernd abnimmt, so daß seine Zukunft gleich einem düstern, grauen Nebel, keinen Sonnenstrahl dem sehnsüchtigen Auge entgegenleuchten läßt. Nuserzogen im nichtjüdischen Geiste und sich durch Lektüre fortbildend in den Anschauungen einer nichtjüdischen Welt, erblickt nämlich der Jude heutzutage in seinem Judenthume in der Hauptsache eine Einrichtung, die dem mehr oder minder vorhandenen religiösen Bedürfnisse genügen will. Da aber im Fühlen des modernen Menschen gerade die religiösen Momente eine durchaus untergeordnete Rolle einnehmen, so kann naturgemäß ein Interesse für all das, was Judenthum heißt, auch nur in geringem Maße vorhanden sein. Hier Klarheit zu schaffen, hier den breiten Schichten d<rr jüdischen Bevölkerung zu zeigen, wie der Begriff Judenthum nicht nur die engen Grenzen eines sogenannten religiösen Lebens umfaßt, sondern vielmehr für alle Zeiten dem gesammten Leben jedes einzelnen Menschen in seinen einzelnen Phasen, sowie für jeden Augenblick seines Daseins Norm und Richtung geben will und wie im Judenthum alle endgültigen Resultate aller geistigen Erkenntniß zu suchen sind; das dürfte die Aufgabe sein, von deren richtigen Lösung es abhängt, ob noch weiter große Theile unseres Volkes uns verloren gehen sollen oder nicht. Von solchem Geiste ausgehend, werden wir es dann nicht mehr versuchen, das Judenthum unserer Zeit anpassen zu wollen; wir werden dann mit aller Kraft bemüht sein, jüdische Eigenart hoch und heilig zu halten, und es wird dann das Strebeziel unseres Lebens sein, nach der Erkenntniß jüdischer Welt- und Lebensanschauung zu forschen. Gerade das uns von den allgemeinen Anschauungen Trennende werden wir da zu erfassen suchen, statt, wie bisher, die einigenden Momente. Es drängt die Zeit! Weite Landstrecken, wo vor einigen Jahrzehnten noch in Dorf und Stadt die jüdische Hand am Sabbat von der Arbeit ruhte, kennen heute nur noch rastlos arbeitende Juden, denen der Sabbat, das Vaterland des Juden im Exil, zur Mythe geworden ist. Soll der Dammrutsch aufgehalten werden, dann ist keine Minute mehr, zu verlieren, sich mit aller Macht dem Zusammensturz entgegenzuwerfen, ehe der größte Theil in's Meer hinabgesunken ist.