Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 30 (18.4.1901)
- Date
- 1901-04-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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685 ging wie alle üblichen, auch wüßte ich Dir wahrlich nicht viel zu erzählen, denn ich war zu zerstreut, um etwas zu beobachten. Zur Heimfahrt ließ man das Brautpaar allein in einem Wagen fahren. Man wollte uns ungestört lassen. O ja, dies blieben wir auch im wahren Sinne des Wortes. Der junge Ehemann benützte dieses Alleinsein mit seiner ihm eben angetrauten Frau auf das Vortbeilbafteste aus. Er lehnte sich behaglich in die weichen Kissen des Wagens zurück und verfiel in einen tiefen Schlaf, deffen Schnarchen mit dem Geräusche des Räderrollens wetteiferte. Was waren meine Gedanken während dieser Fahrt in die ungewisse Zukunft? Dachte ich etwa daran, daß ich mit einem schlichten, braven Manne vermählt, daß ich daher mit dem heutigen Tage ernste, schwere Pflichten übernommen habe? Nahm ich mir etwa vor, diese Pflichten voll und ganz zu erfüllen, dem Manne, der in mir eine Gehilfin gefunden zu haben glaubte, diese auch sein zu wollen im wahren Sinne des Wortes, seiner alternden Mutter eine treu ergebene Tochter, den Armen eine Woblthäterin zu sein? Nichts von alledem kam mir in den Sinn. Der Schlaf, der meinen mir eben angetrauten Gatten umfangen hielt, hatte mir die Augen geöffnet. Jeder Funken einer idealen Stimmung, einer edlen Regung erlosch in mir. In allen Romanen, die ich gelesen, habe ich eine ähnliche Hochzeitsreise nicht beschrieben gefunden. Ich erkannte, daß ich meinem Manne immer langweiliger werde, und daß er auch dies Gefühl bei mir hervorbringen wird. Mein einziger Gedanke war dahin gerichtet, wie ich mir das Leben an seiner Seite erträglich machen könnte. In den Kreisen, in denen ich mich bisher wie ein Familienglied meiner Herrschaft bewegte, hatte ich gar oft Gelegenheit, die Beobachtung zu machen, daß Ehen zwischen Personen ungleichen Bildungsgrades nur dann erträglich werden, ja hie und da glücklich zu sein scheinen, wenn beide Theile, frei von äußerer Sorge und umgeben von dem nothwendigen Comfort, dahin streben können, sich gegenseitig näher zu treten und zu ergänzen. Ein solches Vermögen zu erwerben, sollte fortab das Ziel meines Lebens sein, arbeiten und streben wollte ich nach Möglichkeit, um es zu erwerben, um die Grundlage häuslichen Glückes zu erringen. Ich rechnete in meiner bodenlosen Naivetät. in meiner Unkenntniß des wirklichen Lebens, wieviel das Vermögen beträgt, das ich jetzt mein Eigen nennen konnte, ich rechnete und rechnete, wie sich dasselbe bei Fleiß und Sparsamkeit vermehren, wie bald sich dasselbe verdoppeln und verdreifachen werde, wie bald man uns wird reich nennen. Ich ahnte es nicht, ich Unbedachte, daß es eine Bettlerin ist, welche so beauem in dein Wagen saß, und daß dieses Vermögen, welches die Grundlage gegenwärtigen Behagens und künftigen Glanzes war. in Wirklichkeit nicht mehr vorhanden war, sondern, alle Hochzeitsgeschenke mit inbegriffen, gar nicht ausreichte, die Schulden zu bezahlen, welche durch das Einrichten des nicht rentablen Geschäftes entstanden. Dies war ja, wie ich es mir solches Vorgehen hätte Euer Zusammenleben zu einem genußreichen gestaltet, und den günstigsten Einfluß auf später erklärte, der Grund gewesen, warum Fischer mit seiner sel. Mutter so spät zur Hochzeit kam. Er mußte erst eine Auseinandersetzung mit seinen Gläubigern über sich ergehen lassen. Er selber sprach niemals mit mir über den Grund dieser ungewöhnlichen Verzögerung, und auf meine direkte Frage gab er jedesmal eine ausweichende Antwort. Aber daß er bis zur Hochzeit mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen hatte, gestand er mir später ein. Wir waren eben Beide schlechte Rechner gewesen. Rur langsam, allmählich kam mir die Erkenntniß der wahren Sachlage, und bei jeder neuen Enttäuschung bröckelte immer wieder das Fünkchen Zuneigung ab, welches ich unterdessen zu meinem Manne gefaßt hatte, dessen Fleiß und Redlichkeit ich zu bewundern mir nicht versagen konnte." Frau Rösl unterbrach sich hier, um, das Haupt in die Hand gestützt, einige Minuten nachsinnend vor sich hinzublicken. Tief aufseufzend, fuhr sie dann fort: „Als dann bald nach einander die Knaben kamen, hegte ich die frohe Hoffnung, daß sie alle gelehrte, oder doch gebildete Männer werden, — doch auch in dieser berechtigten Erwartung wurde ich getäuscht. Ich glaub'', daß dies die letzte Enttäuschung in meinem Leben ist, denn zu einer neuerlichen Hoffnung könnte sich mein milder Geist nicht mehr aufschwingen. Jetzt hast Du mein aufrichtiges Bekenntniß gehört, liebe Freundin, und ich hoffe, daß Du jetzt, wo Du mein ganzes Leben lind die geheimsten Regungen meines Herzens kennst, inich minder schroff beurtheilen wirst, als bisher." — — ..Minder schroff, glaubst Du? Da irrst Du Dich gewaltig," antwortete die Lehrerin, welche aufmerksam bis zum.Schlüsse zugehört hatte. „Ich bin durch Dein Bekenntniß zu dem Schlüsse gelangt, daß Du dennoch nicht richtig vorgegangen bist. Ein Mann, wie Fischer, erheischte eine andere Behandlungsweise, als die Deinige es war, welche Du ihm angedeihen ließest. Ist Dir denn niemals der Gedanke gekommen, daß seine scheinbare Gleichgültigkeit Dir gegenüber der Schüchternheit entspringt, der Scheu, welche ihm Deine hervorragende geistige Ueberleaenheit einslößte. Als er um Dich, die Dienerin im Hause seines Hausherrn warb, mochte ihin dieser Unterschied, der zwischen Euch waltete, in Folge der ziemlich gleichen Lebensstellung, in der Ihr wäret, nicht so aufgefallen sein. Du hättest ihm damals, als er die Kenntniß von Deiner geistigen Ueberlegenbeit gewann, und sich schüchtern in sich selber zurückzog. liebevoll entgegenkommen, hättest mit weiblicher Zartheit den kostbaren, heiligen Schweiß der Arbeit trocknen, und die wenigen Feierstunden, die er sich nach des Tages Last gönnen durfte, mit heiteren und lehrreichen Gesprächen würzen sollen, anstatt nur an Dich selber zu denken und in den Büchern, deren Du ohnebin schon viel zu viel gelesen hattest, Ersatz für em in Deinen Augen verfehltes Leben zu suchen. Ein