Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 30 (18.4.1901)
- Date
- 1901-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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680 wurde unter Philippson's Aegide in Magdeburg eröffnet." Wenn man sie an ihren Früchten erkennen kann, so bot daher Magdeburg die beste Gelegenheit dazu. In dem Umstand, daß nun gerade von Magdeburg aus ein so wuchtiger Schlag gegen das Religionsschulwesen geführt wird, liegt ein Stück Nemesis, das den Ausführungen des Herrn Steinhardt ein besonderes Interesse verleibt. So knapp und schlicht dieselben gehalten sind, so gründlich faßen sie die Frage an, um die es sich handelt. Auf die Frage, in welchen Schulen die jüdische Jugend zur Zeit ihren Unterricht erhält, erfolgt zunächst die Konstatirung der Thatsache, daß ein großer Theil die höheren Schulen besucht, während die Volksschulen in Preußen von rund 27,000 jüdischen Kindern frequentirt werden. Die Volksschulen sind entweder Simultanschulen, oder es sind konfeffionelle Anstalten: protestantische, katholische oder jüdische. In den Reichslanden, in Bayern, Rheinland und Westfalen, in Hannover und im Regierungsbezirk Cassel, mithin hauptsächlich im Südwesten Deutschlands, befinden sich noch zahlreiche jüdische Volksschulen; im Norden des Reiches sind solche fast nirgends, im Osten vereinzelt, in Schlesien und Westpreußen, häufiger noch in der Provinz Posen vorhanden. Von den erwähnten 27,000 jüdischen Nolksschülern in Preußen besuchen etwa 8000 jüdische Volksschulen; 79,000 hingegen besuchen Simultan- oder christlich-konfessionelle Volksschulen. Daß die Simultanschulen das in Wirklichkeit nicht sind, was sie zu sein vorgeben, d. h. Schulen, in welchen Kinder aller Konfesiionen, ohne Unterschied der Konfesiion, unterrichtet werden, das wird an der Hand von Thatsachen in überzeugender Weise nachgewiesen. Sie haben sammt und sonders den Charakter ch r i stl i ch e r Volksschulen. Welche Folgen der Besuch dieser christlichen Volksschulen bei der jüdischen Jugend zeitigt, das wirb hier in so ergreifender Weise veranschaulicht, daß wir es uns nicht versagen können, dem Verfasser selber vas Wort zu geben. „Welche Folgen zeitigt der Besuch dieser christlichen Volksschulen bei der jüdischen Jugend? Zunächst die, daß ihr schon im zartesten Kindesalter die Heiligkeit des Sabbats und der jüdischen Feiertage verloren geht. An dieser Thatsache wird absolut nichts durch den Umstand geändert, daß etwa religiöse Eltern ihre .Kinder an Sabbat und Festtagen vom Schreiben, von Handarbeiten etc. dispensiren lassen; denn auch bei diesen Kindern wird durch den Dispens, der übrigens häufig genug mit sehr großen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten für die betreffenden Kinder verknüpft ist. das Faktum nickt aus der Welt geschafft, daß der Sabbat für sie ein Tag der Arbeit, und der Sonntag ein solcher der Ruhe ist; denn an jenem müssen sie die Schule besuchen und das ist Arbeit für die Kinder, und an diesem brauchen sie nicht zur Schule, und das nennen Kinder Ruhe. Derjenige religiöse Jude nun, dem die Erfüllung des Buchstabens des Gesetzes genügt, glaubt vielleicht für die religiöse Erziehung seiner Kinder bestens gesorgt zu haben, wenn diese zwar am Sabbat die Schule besuchen, jedoch nicht zu schreiben, oder Handarbeiten zu verrichten brauchen, denjenigen denkenden Juden aber, der den Geist des Gesetzes höher stellt als den Buchstaben, muh es mit tiefer Betrübniß erfüllen, wenn er sieht, wie in frühester Jugend, im zartesten Kindesalter, schon der Sabbatgedanke den Kindern verloren geht, wenn er sieht, wie fremdreligiöse Anschauungen, fremdreligiöse Sitten und Bräuche sich bei ihnen einbürgern, die nur schwer, vielleicht nie wieder zu beseitigen sind. Nicht selten wird in diesen Schulen auf das jugendliche Gemüth des jüdischen Kindes ein religiöser Druck in dem Sinne ausgeübt, daß er einen späteren Religionswechsel vorbereiten soll; ist es doch an manchen Schulen vorgekommen, daß nicht einmal die Dispensation vom christlichen Religionsunterricht zu erlangen war. Dazu kommt, daß in den ersten Unterrichtsjahren viele jüdische Eltern gar nichts dabei finden, ihre Kinder am christlichen Religionsunterricht theilnehmen zu lassen. „Es sind ja nur die Geschichten aus dem alten Testamente," heißt es bei diesen Eltern, die nach einer Ausrede suchen, um ihre Feigheit zu bemänteln: aber diese Geschichten des alten Testamentes werden in christlichem, häufig geradezu judenfeindlicheni Sinne gelehrt, und es sind auch nicht „nur" die Erzählungen aus dem alten Testamente, die in den ersten Unterrichtsjahren behandelt werden. In den meisten Schulen werden im Sommer Erzählungen aus dem alten Testamente, im Winter aber solche aus dem neuen Testament durchgenommen, und daß auch diese nicht aus das jugendliche Gemüth des jüdischen Kindes einwirken sollten, wird wohl nur derjenige behaupten wollen, der sich das Verfahren des „Vogel Strauß" zu seinem Vorbilde gewählt hat. Es fehlt an statistischem Material darüber, welcher Art wohl der Schulunterricht war, den die jüdischen Täuflinge in ihrer Jugend erhalten haben; wir wagen jedoch zu behaupten, daß 95 pCt. dieser Täuflinge in ihrer Jugend eine christliche Schule besucht haben. In diesen ist der Abfall vorbereitet worden. Im zarten Kindesalter schon sind sie gegen die Lehren und Wahrheiten ihrer eigenen Religion abgestumpft und mit Vorurtheilen gegen sie erfüllt worden. Nicht zuletzt svielt denn auch der bei den Volksschullehrern, sowie bei der christlichen Jugend im Wachsen begriffene Antisemitismus seine verhängnißvolle Rolle. Die jüdischen Kinder werden verhöhnt, verspottet, gekränkt, verfolgt, weil — weil sie Juden sind. So empfinden sie schon in frühester Jugend das ganze Martyrium, unter welchem wir Juden nun einmal so schwer zu leiden haben, ohne aber die Lichtseiten der jüdischen Religion, vor allem die das Gemüth erhebende und befriedigende Innigkeit der Sabbatseier und der Festesfreuden kennen zu lernen. Ist es ein Wunder, wenn solche