Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449204--53925-2503760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWWW 1343 den die prinzipielle Frage noch nicht, denn die lokalen Verhältnisse, die in dieser Frage ein so wichtiges Moment bilden, tragen in Palästina ungemein viel zu dein Gedeihen der guten Sache bei, anders aber liegen die Verhältnisse in den andern Ländern. Freilich wird dasselbe Svstem nicht selten auch im Unterricht fremder Sprachen mit Erfolg durchgeführt, das ist aber für unseren Fall nicht maßgebend, denn gewöhnlich sieht sich der Studirende zur eifrigen Betreibung einer fremdsprachlichen Konversation angespornt, indem er sich aus der Beherrschung derselben gewissen Nutzen für das praktische Leben verspricht, während bei der hebräischen Konversation es durchaus nicht der Fall ist. Dazu kommt noch, daß während bei jeder anderen Sprache der Studirende immerhin mit Leuten in Berührung kommt, die die betreffende Sprache in Wort beherrschen und ihm so in seinem Streben gleichsam zum Vorbild dienen, die hebräische Sprache im Gewöhnlichen dies nicht zu bieten vermag. Der Verfasser behauptet (Seite 5), nicht an die Eltern stelle er die Forderung, mit den Kindern hebräisch zu sprechen, wozu ihnen gewöhnlich die Möglichkeit abgeht, sondern an die Lehrer. Wie können aber die Lehrer auf irgend welchen Erfolg in der Verpflanzung des lebendigen hebräischen Werthes rechnen, wenn die Eltern und die Kinder die Nothwendigkeit, ja sogar die Nützlichkeit desselben nicht einsehen? Seite 7 meint der Verfasser: „Wenn schon im Gewöhnlichen das Kind im zartesten Alter im Verlaufe von zlvei oder drei Jahren sich die Kenntniß der Muttersprache in dem Maße aneignet, um zu verstehen, was zu ihm gesprochen wird und seinen Gedanken und Empfindungen Ausdruck zu verleihen, umso eher muß ein Kind in reiferem Alter, dessen geistige Fähigkeiten weit entwickelter sind, diese Stufe in weniger Zeit erreichen." Ich finde aber diesen Vergleich nicht ganz treffend. Das Kind lernt die Muttersprache, gezwungen durch seine unentbehrlichsten Bedürfnisse. Die unerbittliche Nothwendigkeit gebietet ihm, auf das Gespräch seiner Nächsten aufzupassen und ihnen nachzuahmen, was bei der Erlernung der hebräischen Sprache, deren Nothwendigkeit es nicht unmittelbar empfindet, nicht der Fall sein kann. Freilich würden die Eltern die Möglichkeit besitzen, ihren Kindern die Liebe für die hebr. Sprache und Konversation einzuslößen, wer soll aber die Eltern selber von diesem Geiste erfüllen? Nach genauer Umschau und reifer Ueberlegung, wer wären diejenigen Klassen des jüdischen Volkes, von denen das Buch eine freundliche Aufnahme zu erwarten bat, gelangt man zur Ueberzeugung, daß es nur die jüdischen Lehrer sein können. Sie allein sind es, die mit Freude das vorliegende Werk begrüßen loerden, das ihnen eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Neubelebung der alten heiligen Sprache erleichtern wird. Nach diesen ausführlichen Auseinandersetzungen iiber den Zweck des Buches können wir nun zum Wesentlichen übergehen, wobei wir übrigens, in Anbetracht des engen Rahmens eines Zeitungsartikels, nur auf Grundprinzipien eingehen, ohne in Einzelheiten zu verfallen. Um aber ein richtiges Urtheil über das Buch im Allgemeinen fällen zu können, müssen lvir zuerst die Forderungen feststellen, die an ein Buch wie das vorliegende gestellt werden. Diese Forderungen sind in folgenden sechs Punkten zu formuliren: 1) Systematisches Vertheilen des Lehrstoffes nach Abstufungen vom Leichteren zum Schwereren; D gediegene und fließende, einfache Sprache; •‘V) Zweckmäßiger Inhalt der Conversationssätze, bestehend aus kurzen Notizen und Erzählungen vom praktischen Leben, Naturbeschreibungen, Fabeln und Gedichten, die den Geist des Kindes anregen und entwickeln und ihn nicht mit unnützem und langweiligem Stoff belasten, der nur eine verderbliche Ueberanstrengung des Schülers zur Folge haben kann. Die Themata müssen mit dem Entwickelungsgang des Kindes genauen Schritt halten, und das Angenehme mit dem allgemein Nützlichen stets zu verbinden suchen. Diesen Bedingungen gemäß muß der Verfasser eines Lehrbuches wie das vorliegende stets dessen eingedenk sein, daß er den Stoff für die Jugend bearbeitet und daß er irgend welche andere Tendenzen, als deren allseitige Ausbildung in der hebräischen Sprache, fernzuhalten hat. Natürlich hat der Verfasser auch zu beachten, daß er die j ü d i s ch e Jugend unterrichtet, und darum den Lehrstoff zum Theil anders wählen und zu bearbeiten hat, als dies in den Lehrbüchern anderer Sprachen geschieht. Denn die jüdische Jugend wird in einer ganz anderen Sphäre großgezogen, als die nichtjüdische, und ihr Geist nimmt schon beim Beginn seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung an. Es kann daher nicht immer der Inhalt der fremden elementaren Lehrbücher für Sprachenunterricht zum Vorbild genonunen werden, sondern lediglich ihre systematische Form, mit einem Worte, der Stoff für hebräische Elemenkarbücher muß allgemein nützlich und theilweise allgemein jüdisch sein; 4) Die erforderlichen grammatischen Regeln müssen leicht verständlich dargelegt und so bearbeitet sein, daß sie in furzen Worten und mit voller Klarheit die Grundzüge der Sprache ergeben; o) muß das Buch mit zahlreichen Illustrationen versehen werden, um dem Kinde den Stoff einzuprägen und zu veranschaulichen; E) der Umstand, daß die hebräische Sprache erst in neuerer Zeit in das Reich der modernen Umgangssprachen einzudringen beginnt, wobei naturgemäß noch ein großer Mangel an neuen Worten und Ausdrücken empfunden wird, bedingt, daß neue Kunstwörter im Geiste der hebr. Sprache geschaffen werden, die Lücke auszufüllen. Solche Neuerungen können nur dann zum allgemeinen Gebrauch eingeführt werden, wenn sie