Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. ‘ J». Erke Meilage zu Jß 60 des „Israelit." Leitender Artikel. ilaliöl Adratzum Samuel ficttiumln Sdjtetber b r und Karo» pillt) dou KuthWid?V> Ron Avals A »» st e r l i I l. Heute will ich nun das ni-ijc erzählen, das unser Lehrer dein Baron sagte, d. h. nur das, tvas ich noch in meinem Gedächtnis', behalten habe, bei einer anderen 0>eIenent)eH aber Ihnen eine Schilderung von dem Sterben und dem großen Leichenbegängnisse des 2712 -!2io, die großartigste Beerdigung, die vielleicht in diesem Jahrhundert stattgefunden, die mir lebenslänglich unvergessen bleiben >vird, zukommen lassen, und selbe mit der T^ranffurtcr Beerdigung des Barons in Vergleich ziehen. Als sich der Baron dem Rabbi zu erkennen gab, konnte Letzterer vor Rührung nicht antworten, aber nur einen Moment, höchstens eine Minute — ein solcher Riesengöist, ein solcher Gelehrter, der tausende von Schülern Thora lehrte, läßt sich von einem Sterblichen und wenn er noch so bedeutend ist — nicht aus der Fassung bringen. Ter Rabbi sagte sich, es gibt nichts Neues unter der Sonne — und zwar dachte er sofort an das 1. Buch Moses — der König Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen —- diesen freudigen Schrecken, den die Brüder Ioseph's fühlten, als Joseph sagte: , den mag wohl der Rabbi empfunden haben, als sein Gastgeber antwortete: „Ick bin Baron Rothschild," nur mit dem Unterschied, daß Ioseph's Brüder es nicht gleich fassen konnten, während unser Rabbi die Situation sofort beherrschte. Sogleich hatte der Rabbi eine nun zur Hand. Es ist in Preßburg Sitte: Wenn der Hausherr ein “•rc j?h" ist, daß der Gast nicht den Tisch verläßt, ohne vorher ein Wort aus der Thora, ein Gleichnis; u. geistreiches Mort vorgetragen zu haben, und der Rabbi fing an: „Als unser Stammvater Jakob hörte, daß Joseph König in Egbpten ist, erschrack er! Es erschien ihm Gott im Traume und sagte: '2 neuste n-na xtd b>x nen3ra -ay tn* ojx dp “a'trx ch" 'nb rhv c; ibvx. „Fürchte dich nicht, noch zaudere zu gehen, denn ich iverde dich zu einem großen Volke machen, ich iverde mit dir nach Eghpten ziehen, und iverde mit dir wieder hinaufziehen." Eine Frage: Warum sollte sich Jakob auch fürch- -SSieheMr. 52. teil nach Eghpten zu gehen, wo sein Sohn doch dort König war und jedenfalls so viel Militär von dem Sohne zur Verfügung gestellt werden konnte, um einen alten, harmlosen Greis, noch dazu den Vater eines Königs, schützen zu können? Der Rabbi erklärte dem Baron diesen Vers in folgender Weise: Das Leben des Menschen auf dieser Welt besteht aus lauter Prüfungen. Den Einen läßt Gott arm werden, um ihn zu prüfen, ob sein Vertrauen zu Gott in der Armuth, in Roth und Elend fest bleibt, ob ein Murren der Verzweiflung gegen die Gerechtigkeit des Allgütigen Platz greift. Der Dulder Hiob schrieb ein ganzes Buch über Schicksals-Prüfungen. Es gibt aber eine zweite Art Prüfung — die Prüfung des Reichthums. Einen Andern läßt Gott reich werden, läßt ihm alle irdischen Güter zu Theil werden, um zu sehen, ob er nicht an Gott vergißt, was leider häufig der Fall ist. Die Frage ist: Welche Prüfung ist schwerer zu bestehen, die der Armuth oder die des Reichthums? — Rach den Erfahrungen, die der Rabbi gesammelt, ist die Prüfung des Reichthums schwieriger, ja viel schwieriger, heißt es ja in der Bibel, Israel ivurde fett und artete aus. Es ist traurig, arm zu sein; lebenslang in Roth und Entbehrungen zu wandeln, ist schlimm, — der Arme gleicht dem Todten, sagen die alten Weisen. — An die Verse Göthe's: „Wer nie sein Brod in Thränen aß," dachte der Rabbi wohl nicht, denn ich glaube nicht, daß der Rabbi je einen deutschen Schriftsteller gelesen, aber er dachte wahrscheinlich an seine Schüler. Welche Armuth und Entbehrungen daselbst vorkamen, und mit welchem Gottvertrauen sie getragen wurden, das sah der Rabbi stets. Mehr als einmal erzählte mir mein Verwandter, Heinrich Berger s. A. in Wien (ein großer Wohlthäter der Preßburger Rabbinerschule): „Heute war wieder der Preßburger Rav da, er hat bitterlich geweint. Er kann die Roth von vielen seiner Schüler, die er so liebt,!vie seine eigenen Kinder, nicht mehr mit ansehen," — und das mag wohl der Rabbi gefühlt haben, als er dem Baron die Armuth schilderte. — Aber nur einen Moment, — im zweiten Moment, als der Rabbi das Antlitz seines frommen und würdigen Gastgebers sah, diesen Reichen der Reichen, dabei diese Bescheidenheit und Gottesfurcht, — da strahlte sein Antlitz vor Freude und er sagte: „Reich sein und mit der Zunahme des Reichthums ein Zunehmen im Gottvertrauen, — diese Prüfung, — wer die besteht, dem ist wohl." Der Baron antwortete: „Bis jetzt glaubte ich immer, die Prüfung arm zu sein, sei wohl schwieriger. Nachdem Sie. lieber Herr Rabbiner, mir versichern, daß dies nicht der Fall ist, muß ich es wohl glauben." — Baron Willy war tief ergriffen. 1 i I i