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Der Israelit · 1901-08-01 · Heft 60 (1.8.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 60 (1.8.1901)
Date
1901-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1321 Wochenfest immer näher heranrückte und Josef immer mehr in seine Eltern drängte, sie mögten ihm versprechen, mit ihm und mit Lea die mitternächliche Excursion zu unternehmen. Cantor Jsaac und sein Weib Vögele meinten, es sei leine Gefahr vorhanden und nichts stände zu befürchten: im Gegentheil könne man dem Knaben dann den Glauben beibringen, sein bei offenem Himmel ausgesprochener Wunsch werde dereinst bestimmt in Erfüllung gehen. Aus diese Weise könnte man ihm eine Hoffnung einpflanzen, an der er sein Leben lang zehren werde. Vielleicht würde diese Hoffnung den wehmüthigen Zug aus dem Gesichte Josef's verwischen und ihn für immer lebensfroh machen. So wurde denn der Beschluß gefaßt, dem Wunsche Josef's zu entsprechen. Als er dies vernahm, jubelte er vor Freude. So groß war seine Freude, so erregt seine Phantasie, daß er in der folgenden Nacht von dem Plane, dessen Realisirung nunmehr sein Alles ausmachte, gar lebhaft träumte. „Mutter, liebe Mutter," rief er im Schlafe wiederholt aus und so laut, daß seine Eltern erwachten und an sein Bett hineilten. Da lag Josef mit einem himmlisch verklärten Lächeln auf seinem Antlitz. Er murmelte noch einige Worte, die aber den lauschenden Eltern unverständlich blieben. Sie wollten ihn nicht stören, und als sie sahen, daß er ruhig weiter schlafe, begaben auch sie sich wieder zur Ruhe. Am folgenden Morgen war Josef zeitlicher als sonst aufgestanden. Er verrichtete das Morgengebet so inbrünstig, wie niemals zuvor. Dann erzählte er seinen Eltern, daß er heute Nacht sehr angenehm geträumt habe. „Wovon denn, mein Sohn?" fragte die Mutter, dem Vater zulächelnd. „Ich habe geträumt, daß ich Dich, liebe Mutter, den theuren Vater und die gute, liebe Lea gesehen habe." „Und was noch, mein Kind?" „Was noch? .... Ich erinnere mich nicht so deutlich daran. . . . Doch ja, ja, jetzt weiß ich's schon. Ihr wäret mit mir im Schulhofe, Du, der Vater und Lea. Es war fast kein Raum mehr leer auf dem weiten Platze, denn die herbeiströmenden Beter drängten einander gar sehr. Da — auf einmal hörte ich die Glocke Zwölf schlagen. Im selben Momente legte Lea ihre Hand auf meine Schulter und rief mir sanft, aber dennoch recht laut zu: „Jetzt, lieber Josef, jetzt ist's Zeit, daß Du Deinen Wunsch mit einem einzigen Worte aussprechest. Möge ihn der Himmel bald erhören!" „Es dürfen auch mehrere kurze Worte sein," flüstertest Du, lieber Vater, mir zu. Ich richtete mich feierlich auf und reckte mich, als wollte ich den Himmel erreichen, zu dem ich mein Gesicht emporrichtete. Plötzlich fühlte ich irgend eine Berührung, so mild und so weich, an der Stelle, ' wo sich meine Augen befinden. Gleichzeitig hörte ich, wie es gewaltig donnerte; ich erschrack jedoch keineswegs. „So sprich doch das Wort aus!" drängte Lea, „laß die Zeit nicht unnütz verstreichen." Ich raffte alle meine Kräfte zusammen und rief zum Himmel empor: „Licht! Licht! Licht!" Und es ward mir licht und hell in den Augen. Dich, theure Mutter, sah ich zuerst, ich schmiegte mich an Deine liebe Gestalt und rief: „Mutter, liebe Mutter!" Weiter war ich keines Wortes mehr fähig. So gerne würde ich auch den Vater und Lea, die ich Beide ganz deutlich zu sehen glaubte, angesprochen haben, aber die Freude schnürte mir fast die Kehle zu.-Es war nur ein Traum, theure Eltern, aber ein schöner Traum! Und jetzt erwarte ich mit Ruhe die Schabuoth-Nacht. Ich weiß es ja, daß selbst auf Wunsch des Gottesfürchtigsten die Gesetze der Natur nicht im Augenblicke geändert werden; aber ich will meine flehentliche Bitte zur geeigneten Stunde an den offenen Himmel richten; vielleicht, daß der Allmächtige, dem Alles möglich ist, später einmal meiner Sehnsucht Stillung gewährt. ..." Tief gerührt standen die armen Eltern vor ihrem unglücklichen Kinde da, die Thränen liefen ihnen nur so die Wangen herunter. In der ersten Nacht des bald darauf eingetretenen Festes führten Nachmann und Sarah, sowie Lea und ihre Eltern den vor Freude strahlenden Josef in's Freie hinaus, und als die Thurmglocke die mitternächtliche Stunde verkündete, rief der arme Blinde dreimal zum Himmel hinauf: „Licht! Licht! Licht!" „Der Himmel wird's dereinst erhören!" riefen ihm Vater, Mutter. Cantor Jsaac und Vögele, sowie Lea ermuthigend zu, worauf er inbrünstig ein „Amen!" sprach. Vier Jahre waren wieder in das Meer der Zeit dahingegangen. Josef erfreute sich gar oft im Garten der Gesellschaft der ihm täglich lieber gewordenen Lea. Seine Traurigkeit war jedoch noch nicht ganz von ihm gewichen. Zwar hegte er seit jener Schabuothnacht immer die Hoffnung, einmal noch das Augenlicht zu gewinnen; trotzdem aber hatte er auch manchmal düstere Momente. Seine Mutter merkte dieselben und klagte oft im Stillen: „Mein Sohn, mein unglücklicher Sohn!" Eines Tages fand Lea den armen Blinden im Garten, traurig vor sich hinbrütend. Sie trat auf ihn zu und fragte: „Was ist Dir, Josef, daß Du so traurig bist?" „Mir ist nichts; aber ich denke, daß ich doch im Leben überflüssig bin." „Mir bist Du es wahrlich nicht, und Deinen Eltern gewiß auch nicht. Wir erfreuen uns Alle an Deinen guten Eigenschaften, an Deiner Frömmigkeit, an Deinem wunderschönen Gesänge. . . ."

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