Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 28-29 (15.4.1901)
- Date
- 1901-04-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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664 SKWeWIWl^MISPSW^V; man auch nur einen Augenblick glauben, daß Elemente, die eine solche Denkweise bekunden, für eine Institution zu haben seien, die „Judentag" heißt? Dieses Bedenken ist meines Wissens niemals gegen den Judcntag ausgesprochen worden; Beweis genug, daß es das erste, letzte und eigentliche war, während die ausgesprochenen und zur Diskussion gestellten im Vergleich zu dem verschwiegenen nur als Staffage und bloße Dekoration erscheinen. Nachdem der Judentag seinem Schicksal erlegen ist, hat der „Zentralverein der deutschen Staatsbürger indischen Glaubens" die Sache in seine höchsteigenen Hände genommen. Er hat zwar noch keine Vereinigung zuwege gebracht, aber er hat wenigstens einen Namen dafür, die Phase und Phrase lautet: „Verband der Israeliten Deutschlands." Mit diesem Titel hat aber auch der Zentralverein kein Glück. Israeliten klingt zwar schon weniger jüdisch als Juden, aber der Zentralverein fällt ja dabei ganz aus seiner Nolle. Für ihn gibt's ja in Deutschland gar keine Israeliten mehr, sondern lediglich deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens! Am dritten März haben sie in den Räumen des Zentralvereins getagt. Das Resultat ihrer Berathungen iü den jüdischen Zeitungen zugegangen. Ohne Zweitel wurde der Bericht vorher recht sorgfältig redigirt. Aber keine Sorgfalt reichte hin, um die Thatsache zu vertuschen, daß so viel verschiedene Ansichten dabei zum Ausdruck kamen, als Köpfe da waren. Dabei waren die Herren unter sich, das heißt, es waren nur Reformjuden da. Von Bekennern des eigentlichen Judenthums, das man gewöhnlich das orthodoxe nennt, war auch nicht ein einziger zugegen. Wahrscheinlich zählen diese nicht zu den Israeliten Deutschlands. Schon die Zionisten sind ihnen zu jüdisch; ihr Gesuch, sich an den Verhandlungen betheiligen zu dürfen, wurde für diese Besprechung sowohl, als auch für die Zukunft abgelehnt. Der „Verband" fängt jedenfalls gut an. Die Herren beschlossen weiterhin zu beschließen und haben diese Beschlußfassung zum Beschluß erhoben. Es wurde viel gesprochen, aber wenig gesagt. Die Versammlung rekrutirte sich zumeist aus Juristen, welchen das Svrechen Gewohnheit und Bedürfniß ist. Aber das, worauf es in Wirklichkeit ankommt, wurde wieder nicht ausgesprochen, wenigstens ist nicht aus dem vorliegenden Referat ersichtlich, .daß es ausgesprochen wurde. . Das, was die Herren an dem projektirten Verband zu loben und zu tadeln hatten, das ist es nicht, was den Stab über ihn bricht. Ein Verband der Israeliten Deutschlands ist eine Unmöglichkeit, weil Juden, Scheinjuden, Namenjuden und Schinkeniuden zu scharfe Gegensätze sind, als daß ein Verband stark genug wäre, sie zusammenzuhalten. Niemals werden Juden sans phrase sich einer Leitung unterziehen können, die in der Hand prinzipieller Verächter des jüdischen Religionsgesetzes liegt und niemals werden Reformjuden sich einem Verbände einfügen können, dessen erstes Fundamentalstatut die unverbrüchliche rückhaltlose Unterordnung unter das jüdische Religionsgesetz ist, das die That ihres Lebens verleugnet. Man mag diesen Gegensatz immerhin todtschweigen, man mag in allen Variationen erklären, daß religiöse Fragen von der Diskussion ausgeschlossen werden, sie werden sich nicht todtschweigen und nicht ausschließen lassen. Was uns zu Juden macht, liegt nicht auf politischem und nicht auf sozialem Gebiet, was uns zu Juden macht, ist lediglich das religiöse Moment; ohne dasselbe haben wir unseren Beruf verfehlt und jede Eristenzberechtigung eingebüßt. Daran wird dieses ganze Kuddelmuddelthum nichts ändern. Deßhalb kann man sie ruhig Beschlüsse fassen und Redeübungen aufführen lassen, einen Verband kann man durch schöne Stplübungen nicht dekretiren. Darum können die Bekenner des orthodoxen Judenthums dieser Vereinsmeierei mit verschränkten Armen zuschauen. Aber auch im anderen Lager fehlt's nicht an nüchternen Wortführern, welche, ganz abgesehen von dem religiösen Moment, vom rein politischen Gesichtspunkte aus, das Bedenkliche, Gefährliche und Schädliche dieser Verbandssucht zu würdigen wissen. Die Mehrzahl der Delegirten hat in diesem Sinne ganz entschieden gegen diese Bestrebungen Stellung genommen. Am entschiedensten hat es der Vertreter der Frankfurter Synagogengemeinde gethan, welcher erklärte, er habe ein imperatives Mandat seitens des Vorstandes seiner Gemeinde, Nein zu sagen und die Bitte, diese Ablehnung zu Protokoll zu nehmen Die Gründe dieser Ablehnung werden in dem Referat nickt witgetheilt. Vielleicht geht man nicht fehl, wenn man sie an einer anderen Stelle sucht, wo sie mit einer Klarheit und überzeugender Schärfe mitgetheilt sind, welcke, wenn sie wirklich diejenigen find, welche die Stellung des Frankfurter Simagogenvorstandes bestimmten, diesem alle Ehre machen würden. Es ist dies eine in einer hiesigen jüdischen Zeitung dieser Tage erschienene Darstellung des bekannten Frankfurter Rechtsanwaltes Plotke, welche den Titel führt: „Neue jüdische Verbände." Das ist ein sehr lesens- und beherzigenswerther Aufsatz. Er weist nach, daß auch vom Standpunkt dieser Verbandsgründer aus kein besonderer Grund für eine derartige Gründung heute vorliege und wie bedenklich, wie verfehlt, und wenig taktvoll eine Lossagung von den politischen, liberalen Parteien wäre, die bis jetzt für die Rechte der Juden eingestanden sind. Um unser gekränktes Recht zu schützen, bedarf es keines neuen Verbandes. Er weist darauf hin, daß es wichtigere Dinge gebe, als der Schuh des jüdischen Assessors, des jüdischen Gymnasiallehrers und des jüdischen Privatdoeenten. Das ist der Schutz der großen Klassen unserer jüdischen Mitbürger, welche durch die Verhetzungen der christlichen Volkskreise brot-