Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 28-29 (15.4.1901)
- Date
- 1901-04-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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» WMMWWMtWM. 4S.?Jahrgang. Jive i te Aeikage zu M 28 & 29 be$ „Israelit". Leitender Artikel. Lcrliner Lrief. Berlin, 1. April. Schon lange trage ich mich mit dem Gedanken, einmal über die „Vereins-Meierei zu berichten, die sich in unseren red-, schreib- und vereinsseligen jüdischen Kreisen seit geraumer Zeit noch etwas intensiver als sonst geltend macht. Das heutige Datum gibt mir den nöthigcn Muth, meine diesem Vereinsdusel konträre Ansichten einmal ungeschminkt auszusprechen. Es gibt eine ganze Menge Leute, die gar nicht zu glauben vermögen, man könne im Ernste dieser Vereinsschwärmerei kühl und skeptisch gegenüberstehen; sie werden dies Alles als einen Aprilscherz ansehen und zwar als einen mißlungenen. Wenn es mir gelingt, unter dieser Flagge meine Contrebande in ihre Köpfe einzuschmuggeln, so bin ich einstweilen zufrieden. Mir ist es im Hinblick aus das unmittelbar bevorstehende Peßachfest ohnedies darum zu thun, auch mit diesem Chomez auszuräumen. Es drückt mich. Wie Göthe durch ein Gedicht seine gedrückte Stimmung vom Herzen herunter zu schreiben pflegte, so möchte ich's mit diesem Brief versuchen. Bis ihn die Leser des Israelit zu Gesicht bekommen, ist der Peßach vorbei. Aber unteres "En ':bv pcn wird man seinen Gegenstand noch nicht sofort werfen können. Bei aller Raschlebigkeit unserer Zeit wird dieses Traktandum die Gemüther auch nach Peßach noch ein wenig erhitzen. Dann treten sie ibren Sommerschlaf an, und man würde die ganze Geschichte vergessen, auch wenn sie zum Herbst noch einmal ausflackern sollte, wenn sie nicht durch ein Gedenkblatt vor diesem Schicksal bewahrt wird. Das will ich hiermit zu liefern versuchen. Ich gehöre nicht zu den Eingeweihten. Was eigentlich die unmittelbare Veranlassung ist, die das Verlangen nach neuen Vereinen, Vorständen, Delegirten- und Iudentagen geweckt hat, das weiß ich nicht. Je weniger sich ein handgreifliches Motiv dafür finden läßt, desto sicherer muß es hinter den Couliffen zu suchen und zu finden sein. Seit Jahr und Tag strebt der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ein verstaatlichtes Judenthum in Deutschland unter seiner Bemutterung an. Der Umstand, daß man in der jüngsten Zeit weniger davon gesprochen, läßt vermuthen, daß man mehr gethan hat, daß man möglicherweise in aller Stille höheren Drtes einen ganz fertigen Qrganisationsplan unterbreitet hat, damit aber abgeblitzt ist. Die Verschnupfung dariiber mag dazu geführt haben, das Heil auf anderem Wege zu suchen; .wn sn. Sa kam der Judentag. Der geistige Vaterdesselben ist Herr Professor Dr. Vhilipvson, der Präsident des Gemeindebundes. Der Herr Professor hat an seinem Leibe und an seiner Professur manches erfahren, was eine Verbitterung rechtfertigen und es erklären könnte, daß er selbst das Phantasiegebilde seines Judentages für ein geeignetes Mittel hüllt, um die Mängel und Schäden abzustellen, die seiner pessimistischen Anschauung grau in grau erscheinen. Aber so erklärlich und entschuldbar man eine solche Stimmung auch finden möge, eine gute Beratherin ist sie nicht. Sie macht den von ihr Erfüllten für das Nächstliegende so blind, daß er bei seinen allernächsten Gesinnungsgenossen anstößt, ohne es auch nur zu ahnen. Der Philippson'sche Judentag mag so gut oder so schlecht, so vernünftig oder unvernünftig sein, wie er auch immer wolle, nicht der innere Werth oder Unwerth, sondern sein bloßer Name hat über sein Schicksal entschieden. Die vielfache Zurücksetzung, die Herr Prof. Philippson von außerjüdischer Seite erfahren hat, mag denselben zu der Annahme geführt haben, daß von da nichts mehr zu erwarten sei und daß aus dem Christeln kein Heil erblühe. Er besinnt sich daher auf den Juden, der in ihm steckt, kehrt ihn ostentativ hervor, steift sich auf ibn und redet einem Judentag mit allen seinen Zuthaten das Wort. Soweit sind aber die Andern noch nicht, ja sie sind in diesem Punkte seine vollständigen Antipoden. Das Wort „Jud" macht sie nervös, auch wenn es seine Endsilbe und richtige Deklination erhält; wie sollten sie sich gar für einen „Judentag" begeistern können?! Herr Prof. Philippson hat vergessen, daß selbst sein Gemeindebund in erster Reihe deutsch und erst in zweiter Reibe israelitisch, jüdisch aber überhaupt nicht ist. Wer das für Silbenstecherei halten sollte, der möge an diejenigen erinnert werden, die ihren jüdischen Namen nicht nur verschleiern, sondern ihn noch viel nachhaltiger preisgeben, indem sie sich zu einem Verein constituirt haben, der sich „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" nennt. Die Herren könnten sich mit demselben Recht als deutsche Staatsbürger jüdischer Nasen deklariren, zumal dieselben viel jüdischer sind, als es ihr Glaube ist. Aber als Juden wollen sie in beiden Fällen nicht mehr gelten, sie wollen Deutsche sein, und was noch Jüdisches an ihnen bleibt, gilt ihnen nur als zufälliger Appendix, als unvermeidlicher Auswuchs, den sie einräumen, weil sie ihn nicht verleugnen können. Welche Gesinnung, welcher Charakter sich in dieser bloßen Namengebung ausspricht, oas soll hier nicht dargethan werden, aber wie konnte