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Der Israelit · 1901-04-15 · Heft 28-29 (15.4.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 28-29 (15.4.1901)
Date
1901-04-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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653 schmeichelte mir sehr. Denn außer dem jungen Buchbinder, der mit seiner alten Mutter im dritten Stockwerke des meiner Herrschaft gehörigen Hauses zwei kleine Stübchen bewohnte, hatte sich niemals ein junger Mann um mich bekümmert. Ich leugne dies nicht, daß ich in einsamen Stunden gar manche Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft an der Seite des schönen, reichen Wilhelm baute, den ich zwar nicht mit jener überschwänglicher Liebe liebte, wie ich sie so schön in ineinen Büchern geschildert fand, dem ich aber von Herzen gut war. Bald aber wurde mir von meiner Gebieterin der Standpunkt klargemacht. Wilhelm, der Brudersohn des Hausherrn, sollte, einem wohldurchdachten Familienbeschlusse gemäß, nur die ihm bestimmte Schweftertochter der gnädigen Frau heirathen, damit das von beiden Eheleuten zu gleichen Theilen herrührende und durch beiderlei Fleiß vermehrte Verinögen unzersvlittert beisammen bleibe, und doch Gliedern beider Familien zu Gute komme. Gleichzeitig bat sie, dem jungen Herrn unserer beider Seelenruhe wegen so viel als möglich aus dem Wege zu gehen, damit eine etwa kür mich entstehende Neigung im Keime erstickt werde. Ich versprach dies, ja noch mehr, erbat, meinen Posten verlassen zu dürfen. Davon wollte jedoch die Dame nichts hören. Sie habe mich lieb gewonnen, und ich dürfe ihr Haus nur dann verlassen, um an der Seite eines braven Mannes als dessen Gattin ein eigenes Heim zu gründen. Bei dieser Gelegenheit machte sie Anspielungen, daß die alte Frau Fischer aus dem dritten Stock, als sie am letzten Quartal den Zins brachte, erzählt hätte, daß sich ihr Sohn für mich interessire, welch' tüchtiger Arbeiter er sei u. s. w. Ich entgegnete nichts darauf, faßte aber den festen Vorsatz, mich im Stillen nach einer anderen Stelle umzusehen und dann, wenn auch mit schwerem Herzen, trotz des voraussichtlichen Widerstandes meiner Gebieterin, das Haus zu verlassen. So sehr ich auch bemüht war, dem jungen Herrn um jeden Preis auszuweichen, so konnte ich es einmal denn doch nicht verhindern, daß er mich allein antraf, und mir mit glühenden Worten eine Liebeserklärung, verbunden mit einem Heirathsantrag machte. Wenn ich da die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen hätte, so wären meine kühnsten Träume in Erfüllung gegangen, denn Wilhelm, ein tüchtiger junger Arzt, war Manns genug, auch ohne Einwilligung und Unterstützung seiner reichen Verwandten das gegebene Wort einzulösen. Dagegen aber sträubte sich mein sittliches Gefühl; um alles in der Welt hätte ich nicht so undankbar sein mögen, das in mich gesetzte Vertrauen meiner Wohlthäterin zu täuschen. „Herr Doktor," sagte ich ruhig, „ich ehre und achte Sie über alles und werde Ihnen für Ihren mich so überaus ehrenden Antrag bis an mein Lebensende Dankbarkeit bewahren. Aber, verzeihen Sie mir, mein Herz ist nicht mehr frei, und ohne dieses kann ich meine Hand nicht vergeben." Der junge Doktor mußte mich nicht so glühend geliebt haben, als es den Anschein hatte, und er mir es geschildert, denn ohne einen Versuch, mich umzustimmen, gemacht zu haben, fragte er nach kurzer Pause: „Wer ist der Glückliche, Fräulein Rosa?" Ich qerieth in keine geringe Verlegenheit. Wen hätte ich eigentlich nennen sollen? Ich kannte ja keinen einzigen jungen Mann genauer, außer den jungen Buchbinder im dritten Stock, der hie und da seine Feierabende bei uns zuzubringen pflegte. Ohne in meiner Verwirrung reckt zu wissen, was ich sagte, antwortete ich leise: „Elias Fischer, hier im Hause." Wilhelm streckte mir seine beiden Hände entgegen. „Sie sollen glücklich werden, liebes Kind, wenn nicht an meiner Seite, als mein geliebtes Weib, so mit dem Manne Ihrer Wahl, obwohl, ich gestehe es, mir diese nicht begreiflich isi." Der Miirfel war gefallen. Ich konnte nicht mehr zurück. Fiscker erhielt Erlaubniß, sich in aller Form um mick zu bewerben. Von diesen Tagen an begann das große Unglück, die große Schuld meines Lebens. Ohne Liebe zu empfinden, habe ich Liebe geheuchelt. Mit dem Leichtsinn der Jugend, und den schweren Kampf um's Leben nicht kennend, habe ich mich einem Manne angelobt, der den ganzen Ernst eines Weibes, dessen ganze Hingebung bedurft hätte, um mit dieser Hilfe die steilen Klippen zu umschiffen, die sein Lebensschiff bedrohten, und an denen es jetzt scheitern kann. Fischer hatte den Posten in der Fabrik, den er bisher bekleidete, und dessen Erträgniß für einen eigenen Haushalt nicht hingereicht hätte, verlassen, und sich hier in seiner Vaterstadt ein Geschäft mit fremden Mitteln eingerichtet. Ein volles Jahr dauerte es noch, bevor er daran denken konnte, mich heimzuführen. Indessen wurde in der Hauptstadt die Hochzeit Wilhelms mit seiner ihm zugedachten Braut auf's Glänzendste gefeiert, und ich war dazu ausersehen, die glückliche Braut schmucken zu helfen. Das Pflichtgefühl, welches ich mit aller Macht heraufbefchwor, hatte damals meinen aufkeimenden Neid glücklich unterdrückt.- Auch mein Hochzeitstag nahte heran. Gern schloß ich mit meiner Jugendzeit ab. Hatte doch das Leben mir armen Waisenmädchen nur seine Dornen zu fühlen gegeben. Die wenigen Rosen, welche auf meinem Lebenswege blühten, verdankte ich meiner gütigen Gebieterin und der Freundschaft des treuen Wilhelm. Er war auck mit seiner schönen jungen Frau zur Hochzeitsieier erschienen, welche meine Wohlthäter, nachdem sie mich für meine Verhältnisse reichlich ausgestattet hatten, in einem Städtchen, ungefähr die Hälfte Weges zwischen hier und Prag, veranstalteten. Die junge Frau zog mich bei Seite und gab mir, der Mutterlosen, so manche Rathschläge behufs der Wirthschaft und Stundeneintheilung in dem neuen Haushalte, von welchen ich aber sehr wenig Gebauch machen konnte,

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