Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 59 (29.7.1901)
- Date
- 1901-07-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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»306 Auch sonst zeigt sich wieder jugendliches Leben in der hiesigen Gemeinde. Eine Vereinigung zur Pflege der hebräischen Sprache ist ebenfalls neuerdings begründet worden, und sind hierfür Abendkurse eingerichtet; man plant sogar, eine eigene hebräisch-spaniolische Zeitung herauszugeben, die im Gegensatz zu den bestehenden Organen, die Ideen der jüdisch-spaniolischen Jugend vertreten soll. Feuilleton. lÜ? i cb t! Von M. Dornbusch. 2] Lea trocknete ihm dieselben sorgfältig mit ihrem Taschentuche und bat innig: „So höre doch auf; ich weiß es ja, daß Du mich nur im Scherze erschrecken wolltest." „Ich wollte Dich nicht erschrecken," erwiederte der beruhigte Josef treuherzig. „Schon gut, und dennoch bist Du ein sonderbarer Knabe. Wie heißest Du?" „Ich heiße Josef, und bin richtig sonderbar, denn ich unterscheide mich von den Andern dadurch, daß ich — blind bin."- „Blind!?" rief das Mädchen unter allen Zeichen des Schreckens und des Schmerzes. „Blind!" wiederholte die Kleine und siel dem Knaben laut weinend um den Hals. „Und wie kam dieses Unglück?" fragte sie unter Thränen. „Es kam gar nicht, liebe Lea, es ward mit mir geboren." Es trat eine lange, schmerzliche Pause ein, die Beide still vor sich hinweinend ausfüllten. Lea beruhigte sich zuerst. „Die Sonne geht schon unter," sprach sie, wie um nur etwas zu sagen. „Ich weiß nicht, wie die Sonne aussieht, ich fühle sie nur," entgegnete Josef traurig. „Und wie kannst Du beten?" fragte sie mitleidig. „Ich weiß alle Gebete auswendig und kann auch auswendig lernen." „So?" staunte Lea. „Gewiß." erwiederte Josef selbstbewußt. „Nun, dann kannst Du ja das Sehen ganz gut entbehren." „Wie meinst Du das? Ich verstehe Dich nicht recht. Weißt Du denn nicht den Werth des Augenlichts zu schätzen?" „Das schon; aber was wir nicht erreichen können, danach sollten wir nicht streben, wir sollten uns im Gegentheil damit zufriedengeben, daß wir uns ohne dessen Besitz behelfen können." „Dies kann man nur Jemandem sagen, der nach großen Reichthürnern, nach Luxus strebt, aber —" „Laß es gut sein, lieber Josef! Auf diesen Gedanken brachte mich mein Onkel, der Bruder »neines Vaters. Er hatte einmal heftige Augenschmerzen und fuhr deßhalb nach Lemberg zu einem berühmten Arzt. Dieser sagte ihm, er müsse seine Augen außerordentlich schonen, er dürfe weder lesen, noch schreiben, sonst könnte er noch — was Gott verhüten möge — erblinden. Da sprach der Onkel, als er wieder nach Hause zurückgekehrt war: „Heißt e Chammer (Esel) von einem Doktor! Hast Du d a s noch in Deinem Leben gehört? Wenn ich nicht in Schühl alle Jozroth (Poetische Festtagsgebete) heruntersagen und im Bes-Hamidrasch (Lehrhaus) aus den Sforim (Bücher) fleißig lernen kann, schadt's ja nichts, wenn ich blind bin!" Jetzt lachte Josef herzlich, worüber Lea sich unendlich freute. Sie fühlte sich überaus glücklich, ihn ausgeheitert zu haben. Aber der Knabe schlug bald wieder einen traurigen Ton an. indem er sprach: „Ach, wenn ich nur ein einziges Mal meine theuren Eltern und Dich, liebe Lea, sehen könnte! Ich würde dann wieder ganz ruhig auf das Augenlicht verzichten. Auch ich würde mich dann damit begnügen, daß ich so ziemlich T'nach (die gesummte Bibel) und auch etwas Gemore (Talmud) weiß. Ich habe ja schon so oft dem Vortrage meines Vaters zugehört, wie er mit den Talmidim (Schülern) lernt. Und die Gebote weiß ich alle ohne Ausnahme herzusagen; auch singen kann ich die Keduschah, L'ckwh-daudi (Gebetstücke>, kurz Alles, Alles." — „Kannst Du den L'choh-daudi singen, den man gerade jetzt in der Sfiroh (in den sieben Wochen vom Passah- bis zum Wochenfeste) zu singen begonnen hat?" „O ja, welch' eine herrliche, ergreifende Melodie ist das doch!" Und er sang diese erschütternde Melodie zugleich mit dem Texte. Lea hörte ihm andächtig zu und wischte sich die Thränen aus den Augen. Als er geendet hatte, drückte sie ihm in herzlichen Worten ihren Beifall aus. Dann gemahnte sie ihn daran, daß es schon Zeit wäre, den Heimweg anzutreten. Sie begleitete ihn auch in's Haus seiner Eltern, das von demjenigen ihrer Eltern gar nicht weit gelegen war. — Nachmann, der „moderne Melamed," und seine Frau Sarah empfingen das liebe, herzige Mädchen sehr freundlich und luden es ein, öfters zu ihnen zu kommen, was Lea recht gerne that. Aber sie führte auch gar oft ihren blinden Freund in's Haus ihres Vaters. Dieser und die Mutter fanden Freude an dem Gesänge des Unglücklichen, mit dem sie zugleich tiefes Mitleid empfanden.