Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 59 (29.7.1901)
- Date
- 1901-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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richt stattfindet (in einer jüdischen Schule doch etwas selbstverständliches), daß die Schüler nicht blos Samstags, sondern auch an Wochentagen den Früh- und Abendgottesdienst besuchen (ist dieser Tempelbesuch auch obligat?), daß ferner die Kultusgemeinde den Schülern Gelegenheit bietet, unentgeltlichen Talmud-Unterricht zu genießen (haben die Schüler aber auch von dieser Gelegenheit Gebrauch gemacht?), bewegt zahlreiche Eltern orthodoxer Richtung, ihr theuerstes Gut, ihre Kinder, dieser Anstalt anzuvertrauen. Die Waag- Neustadtler israel. Realschule bewahrheitet die Worte unserer Weisen, die da sagen: Meanijim teze tora. 46 fremde Schüler erhielten Freitische bei hiesigen jüdischen Familien. Die Schülerlade versorgte sie mit Lehrbüchern und Zeichenrequisiten, und der „Rabbi Weiße Verein" bekleidete zehn Schüler. Zur Erhaltung der Realschule bringt die hiesige israelitische Kultusgemeinde ganz bedeutende Opfer. Wohl unterstützt auch die ungarische Regierung die Jsr. Realschule mit 10,000 Kronen jährlich; von Seiten unserer jüdischen Glaubensgenoffen wird ihr aber keinerlei Hilfe zu Theil. Menschenfreunde könnten hier ein besonders gottgefälliges Werk der Wohlthätigkeit mit der Unterstützung dieser Realschule verrichten. Wohl besitzt die ungarische Judenschaft einen Landesfonds von mehr als drei Millionen, zu dem sämmtliche ungarische Juden beigetragen haben. Dieser Fond wurde auch von Sr. Majestät kulturellen Institutionen der ungarischen Juden gewidmet. Nach Gerechtigkeit sollte das Erträgniß gleichmäßig vertheilt werden. Es kam jedoch anders. Die Congreßler bemächtigten sich des Erträgniffes dieses Fonds, und nur unter schweren Kämpfen gelang es den Orthodoxen, einen Theil der Zinsen zu eigenen Zwecken zu verwenden. (Den Löwenantheil genießt das Rabbinerseminyr in Budapest, bekanntlich eine Anstalt der neologen Kongreßpartei.) Die ohne jede Organisation befindlichen, etwa 100 Statusquo-Gemeinden, zu denen auch Waag - Neustadt gehört, wurden nicht bedacht. Und dennoch, um einen Chilul haschem zu -verhüten, sollte die Waag- Neustadtler Jsr. Realschule, wenn nicht anders, aus diesem Fond unterstützt werden. Hoffen wir, und die Zeit ist nicht mehr ferne, daß auch die ungarischen Juden zur Erkenntniß gelangen, daß weder die sog. Assimilation, noch das einstige Ghetto-Leben zum Heile gereicht, sondern wahre Frömmigkeit und Liebe zur Wissenschaft uns Achtung verschaffen kann bei unseren Mitbürgern. (Wir haben diesen Bericht der Schuldirektion mit einigen Abkürzungen zum Abdruck gebracht. In einer jüdischen Erziehungsanstalt bleibt immer die Hauptfrage, ob dem großen Prinzipe von "pn oy min 2'v px voll und ganz Rechnung getragen wurde. Daß in den weltlichen Disciplinen das vorgeschriebene Pensum erreicht wurde, ist nur selbstverständlich. In diesem Belange untersteht die Anstalt der ungarischen Kultusregierung und schon die staatliche Subvention bürgt dafür, daß diesbezüglich nichts zu wünschen übrig bleibt. Wie es aber mit dem religiösen Geist der Jugend und deren Lehrer bestellt ist, wie weit cs die einzelnen Klassen in Thora und Talmud gebracht haben, darüber enthält der Bericht nur sehr mangelhafte, allgemein gehaltene Mittheilungen. Das Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde ist seit mehreren Jahren verwaist und nur die religiöse Charaktergröße eines auf der Höhe seiner Aufgabe stehenden Seelenhirten verleiht einer jüdischen Schulanstalt das religiöse Creditiv. Der Bericht beklagt ferner den „Statusquo"-Charakter der israelitischen Kultusgemeinde, der es verhindert, daß die Anstalt auch vom jüdischen Landesfond subventionirt werde. Dieses Hinderniß könnte die Kultusgemeinde leicht beseitigen, wenn sie sich auf der Basis der orthodoxen Organisation tonstituiren wollte. Unseres Wissens hat aber gerade der Vorsteher der Waag-Neu stadtl'ler Kultusgemeinde vor einigen Jahren eine Landesversammlung der Rabbiner und Vertreter der Statusquo-Gemeinden behufs Organisation derselben einberufen, ohne sich und den interessirten Gemeinden über die Resultate dieser in großem Stile inszenirten Bewegung einige Rechenschaft zu geben. Wenn die isr. Kultusgemiende in Waag-Neustadtl einen wahrhaft gesetzestreuen Rabbiner wählt, könnte auch diese Frage wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden und ini Einvernehmen mit den maßgebenden Kreisen das „Statusquo-Problem" — eine Spezialität des ungarischen Judenthums — endgültig lösen. Entweder gelingt es den konservativen Statusquo-Gemeinden, sich auf der Basis des Schulchan-Aruch irgendwie zu vereinigen, oder sie schließen sich den beiden bestehenden Organisationen an. Bislang war man geneigt, auch die Statusquo-Gemeinden als konservativ oder halborthodox zu betrachten. Die Situation ist aber heute etwas geklärter. Mehrere Statusquo-Gemeinden haben die ausschweifendsten Reformen im Kultus eingeführt und fördern die Interessen der Congreßpartei. Dieses Taschenspiel mit religiösen Gefühlen sollte einmal aufhören. Die echtjüdischen Statusquo-Kehilos sollen sich der orthodoxen Partei, die reformirten hingegen der Kongreßpartei anschließen. Eine andere Alternative gibt es nicht. Und die Waag-Neustadtler Gemeinde und deren Rabbinat wäre berufen, dieses Werk der Reinigung zu fördern, und dann wird auch die jüdische Realschule eine wahrhaft jüdische Musteranstalt sein. Red. d. „Jsr.") Persien. Smyrna. Hier hat sich eine Gesellschaft gebildet, die für die Verbreitung der türkischen Sprache unter den Juden Smyrnas und Umgebung arbeitet. Dieser Verein ist nunmehr von der Behörde offiziell bestätigt worden und der Pascha hat namens der Regierung jedmöglichste Unterstützung zugesagt. Es werden zunächst Unterrichtskurse und Vorträge eingerichtet werden.