Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-07-29 · Heft 59 (29.7.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 59 (29.7.1901)
Date
1901-07-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449203--53876-2503676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1303 demgemäß nachahmen würden. Leider hat sie sich aber in dieser Voraussetzung getäuscht. Es hat bisher kein weiterer Bundesstaat das Schächtverbot übernommen -- dielleicht hat man sich durch Rücksichten aus gewisse Leute davon abhalten lassen — und so besteht heute das Schächtverbot für Sachsen allein. Dadurch haben sich vereinzelte Schädigungen der sächsisch. Fleischer, besonders derjenigen an der Grenze, ergeben, insofern, als die nichtsächsische Konkurrenz geschächtetes Fleisch nach Sachsen einführte. Redner fordert daher die Ausdehnung des Schäehtverbotes auf alle Bundesstaaten. (Beifall und Widerspruch.) Si eitel- Königsberg i. Pr.: Er sei Gegner dieser Forderung. (Ohorufe!) Der Fleischertag sei nicht dazu da, den Stein in der Schächtfrage in's Rollen zu bringen. (Sehr richrig! Widerspruch.) Es sei bisher stets Ucbuug und Gebrauch gervesen, von den Verhandlungen des Fleischertages politische und religiöse Momente fernzuhalteu. Die Behauptung, daß die Schächtfrage eine rein sanitäre Sache, könne er durchaus nicht unterschreiben. (Ohorufe und Beifall.) Auch der weiteren Behauptung, daß das Schächten eine Tlüerauälerei sei, könne er nicht znstimmen. (Hört! Hört!) Er bitte daher den Referenten, seinen Antrag zurückzuziehen. (Beifall und Widerspruch.) Schmidt Hannover: Wir haben nicht das Recht, in die Angelegenheiten der jüdischen Konfession eiuzugreifen, >vic ivir es mit der Annahme des Antrages doch unbedingt thun würden. (Gelächter und Beifall.) Wir verlangen auch, daß sich die Juden in unsere Angelegenheiten nicht hiueinmischen. Ich betrachte es als einen direkten Eingriff in die jüdische Religionsgesell schuft, wenn mir den Antrag annehinen, und >vie würde es uns paffen, wenn die Juden uns in unsere Religions- Übungen hineinsprechen würden? (Sehr richtig! Widerspruch.) Wie mürbe» cs die Katholiken auffassen, ivenn Leute austreten und ihre Religion reformiren wollten, oder ivie würde es uns Protestanten anmuthen, wenn die Juden kämen und unserem reformbedürftigen Protestantismus, unserem Geistlichen sagen wollten, daß es Unsinn ist, unsere Kinder an kalten Tagen mit kaltem Wasser in kalten Kirchen zu taufen (stürmische Unterbrechungen), daß es unangebracht ist, bei der Austheilung des Abendmahles (erneute stürm. Unterbrechung) .Redner sortsahrend: Welche Vortheile würde aber auch das Fleischergewerbe durch ein allgemeines Schächtverbot haben? Dagegen würden sich verschiedene Rachiheile für uns ergeben. Wir würden die jüdischen Kunden, die wir haben, und die sehr gute Kunden waren, einfach verlieren und unsere Vorderviertel nicht mehr los werden. (Schlußrufe.) Es würde die Gefahr bestehen, daß die orthodoxen Juden doch das Schächtverbot nicht achten, sondern ihr koscheres Fleisch als Konserve aus dem Auslande beziehen würden. Damit verlieren wir sie doch als Kunden. Ich bitte deßhalb, über den Antrag zur Tagesordnung überzugehen. (Beifall und Widerspruch.) I d e n - Dresden: Die Frage ist, entweder muß Sachsen sein Schächtverbot wieder aufheben, oder aber die anderen Bundesstaaten müssen es auch einführen. Wenn nun hier mit einem Male die jüdische Religion hineingezogen und gesagt wird: es sei keine sanitäre, sondern eine religiöse Ueberlieferung der Juden, so kann ich nur erwiedern, daß dann eben die rituelle jüdische Religion reformbedürftig ist. (Beifall u. Widerspruch.) Denn das Schächten ist unter den heutigen sanitären Verhältnissen einfach ein Mißtrauensvotum gegen die übrigen Schlächter, das vollständig unbegründet ist. (Sehr richtig! Gelächter.) Oberineister Falk-Mainz: Solange Seitens der Juden das Schächten als eine Kultusangelegenheit erachtet wird, und solange nicht erwiesen ist, daß die übrigen Schlachtmethoden weniger schmerzhaft sind oder günstiger aus die Erhaltung des geschlachteten Fleisches einwirken, solange kann der deutsche Fleischer- Verband nickll für ein Schächtverbot eintreten: dagegen sollte derselbe dafür eintreten, daß das Schächtverbot in Sachsen aufgehoben tverde, damit die sächsischen Kollegen nicht länger tvirthschaftlich geschädigt tverden. (Beifall und Widerspruch.) Obermeister R i t s ch m a n n - Leipzig: Vorläufig ist der sächsische Bezirksverein selbst Manns genug, um ein ihm lästiges Verbot zu beseitigen. Das lvill er aber gar nicht, iin Gegentheil, er steht durchaus auf dem Standpunkt, daß das Schächtverbot kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt ist. (Lebhafter Beifall und Widerspruch.) Und deßhalb verlangt er, daß das Verbot auch auf die übrigen Bundesstaaten ausgedehnt werde. Für mich steht fest, daß das Schächten nichts weniger als eine religiöse Frage ist, und gerade deßhalb verlange ich, daß den Juden keine Vorrechte eingeräumt werden, daß ihnen gestattet wird, Maßnahmen zu unterlaffcn, die uns aus Gründen der Humanität vorgeschrieben sind. (Beifall.) Wir sind Gegner eines Ausnahmegesetzes. Eine rveitere Ungerechtigkeit besteht noch darin, daß von den jüdischen Gemeinden Gebühren für das Schächten erhoben werden. Aus allen diesen Gründen bitte ich um Annahme des Antrages. (Beifall und Widerspruch.) Bei der nun folgenden Abstimmung wurde der Antrag des Referenten mit etwa zwei Fünftel Mehrheit abgelehnt. O e st e r r. - U n g . Monarchie. WaagG'eustadtl. Die hiesige israelitische Realschicke hat mit Ende des laufenden Schuljahres ihren ckck. Jahresbericht veröffentlicht. Dieselbe, eine vierklaffige Anstalt, wurde im Berichtsjahre von 168 Schülern frequentirt, darunter waren 26 christlicher Konfession. Großes Gewicht wird auf die religiöse Erziehung der Schuljugend gelegt. Schon der Umstand, daß am Sabbat und jüdischen Feiertagen kein Unter-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.