Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 59 (29.7.1901)
- Date
- 1901-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1301 stoßenen; man verstattete ihnen gnädigst, ihre Separat- : gemeinden zu gründen und zu erhalten, aber zahlen sollten sie nach wie vor zur „Muttergemeinde," zahlen zur Erhaltung eines Kultus, der ihnen nichts bot, zahlen zu den Kosten eines Gottesdienstes, der ihnen nicht als dies, sondern als eine Lästerung Gottes erscheinen mußte. Und sie mußten zahlen, denn der Staat bot diesen Ausschreitungen seinen starken Arm zur Unter-! stützung, und die Herren, die von „Liberalismus" und! „Gewissensfreiheit" förmlich trieften, waren nicht blöde, j den Executor denjenigen auf den Hals zu schicken, die aus Gewissensunruhe die ungerechte Zahlung weigerten! So entstand ein mehr und mehr unerträglicher Zustand. Das Judengesetz von 1847 hatte den Austritt aus der Synagogengemeinde nicht vorgesehen und legte auch den mit der Gemeinde Zerfallenen die Steuerpslicht für deren Zwecke auf. Anderseits mußten diese, unter denen gerade die Reichen in der Minderheit waren, unter schweren Opfern ihren eigenen Kultus Herrichten und daneben auch noch die alten Lasten tragen. Aber schwerer als das materielle Opfer wurde die Ungerechtigkeit dieser Doppelbesteuerung, wurde vor Allen der Gewissenszwang ertragen, der einen Kultus fördern half, der religionswidrig und verderblich war. Allein, alle Petitionen an die Regierung, alle Bemühungen Samson Raphael H i r s ch 's s. A., Israel Hildesheimer s. A. u. A., die Unhaltbarkeit dieses Zustandes zu beseitigen, waren lange, lange Jahre vergebens; das Unrecht mußte ertragen werden, wie schwer den heiligen Eifers Vollen diese Last auch war. Endlich sollte auch ihnen die Befreiungsstunde schlagen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten nnv Gorrcspondenzen. Deutschland. Aus Nord-eutschland. (Ernste Rathschläge.) Ursache und Wirkung stehen in innigster Wechselbeziehung. Dieses apodiktische Urtheil sagt uns das innerste Bewußtsein, und es wird bestätigt durch die Erfahrung des täglichen Lebens in den mannigfaltigsten Erscheinungen. Wie der Forscher von der Mündung des Flusses seinen Ursprung entdeckt, ko können wir von den Handlungen den Charakter, von den Folgen die Quellen der That erschließen. Die emporgeschossene böse Saat bezeugt uns mit zwingender Gewißheit, daß ein verderblicher Keim in den Boden gelegt wurde. Rach dem Glauben an die gleichmessende göttliche Vergeltung me Toe me können wir aus der Beschaffenheit der Strafe das Wesen der Schuld in ihrer wahren Gestalt erkennen. Die Geschichte hinterläßt in ihren Flammenzügen solche klare u. deutlicheSpuren der ausgleichenden Gerechtigkeit, daß selbst der Zweifler einen Fingerzeig Gottes darin erblickt. Der Talmud lehrt in Berachot Folio 6: npyee tpatPB' vbv pxe mx nxr ex xm nex tratps’ t'iptei n -y nntrji mpn:i u’sn ntpcnj lexJir ♦7pJ7 XQV P’IX-1 pna’ „Wird der Mensch von Leiden heimgesucht, soll er seine Handlungen einer strengen Prüfung unterziehen, denn so heißt es: Wir wollen unsere Wege erforschen und zu Gott zurückkehren. Hierauf bemerkt Raschi: Der Mensch suche nach einer Sünde, welche mit den Leiden in enger Beziehung steht, um in ihnen die angemessene entsprechende Strafe zu erkennen. Diese inhaltreiche Sentenz ist in der heutigen Zeitströmung bei der heftigen Agitation gegen das Schächten besonders zur Reflexion zu empfehlen, und wenn unsere Aufmerksamkeit auf das eigene Lager gelenkt wird, ergeben sich bei Ausübung dieser Mizwah so viele Gebrechen und Mißstände, daß wir uns veranlaßt fühlen, an die in Nr. 60 besprochenen „bedenklichen Rathschläge" ernste Vorstellungen zu knüpfen. ew ttwi rillb. Warum toben die Völker? Warum hat sich der Antisemitismus mit solch regem Eifer, welcher eines bessern würdig wäre, der Schächtfrage bemächtigt? Ist es etwa das zartfühlende Herz, welches den Ochsen die rührendste Liebe und Sorgfalt entgegenbringt? Die Nächstenliebe artet in Haß, Rücksichtslosigkeit und religiöse Unduldsamkeit aus, und unter der Maske der Humanität wird auch für das Thier eine solche verlangt. Diese Erscheinung ist um so auffallender, als in der erfinderischen Epoche des Mittelalters solche Bewegungen unbekannt waren. Ist etwa jetzt das Mitleidsgefühl bezw. der Judenhaß mehr ausgeprägt? Die inneren Gründe sind in der laxen Beobachtung dieser Mizwah und in ihrer schnöden Vergewaltigung zu finden. Es ist traurige Thatsache, daß in manchen Gegenden Deutschlands die Metzger selbst Schochtim und Bodkim sind. Es ist übel mit der Pflege des Gartens bestellt, wenn der „Bock der Gärtner" ist. Die peinlichste Gewissenhaftigkeit ist die natürliche Voraussetzung beim Schochet, da er einerseits ein E'ri X'vne andererseits ein pu wäre. Er hat zu entscheiden über koscher und trefah und ist kraft dieses göttlichen Amtes ein Richter, welcher nach strenger Gerechtigkeit und Unparteilichkeit verfahren muß. Wie ist es nun möglich, daß die betheiligte Person, der die Angst vor Geldverlust irre bv Sine mx die Besonnenheit und Klarheit des Blickes raubt, die eigene Angelegenheit, welche oft von einem Haar abhängt, richtig heurtheilt. Auch der frömmste Metzger wird das Gewissen leicht und gerne täuschen. „Der beste Metzger ist Amaleks Genosse, weil in zweifelhaften Fällen die Geldsucht entscheidet." (Kidduschin Fol. 82.) In den guten, alten Zeiten wurde dem Tewach das objektive Urtheil abgesprochen, und in der materialistischen Gegenwart