Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 26-27 (2.4.1901)
- Date
- 1901-04-02
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449173--53078-2503646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
WWWW "645 kennen," war seine Devise. In diesem Sinne hoffte er als Prediger und Jugendbildner zu wirken. Die Brüder empfanden herzinnige Freude, nach langer Trennung wieder vereint im Vaterhause zu sein. Alles heimelte sie an, rief ihnen die glücklichen Tage ihrer Kindheit in's Gedächtniß. Nur ab und zu huschte Etwas wie ein schwarzer Schatten über Eli's Gesicht. Er sah des Bruders Auge bewundernd auf Aranka's klassisch schön geformtem Gesicht ruhen und fragte sich: „Wirst du das Mädchen, das deinem Herzen theuer. dereinst dein nennen können, wenn —" er wagte dem Gedanken nicht zu folgen, „wenn Aladar, der schöne, reichbegabte Mann, dem alle Mädchenherzen zufliegen, in Liebe für sie entbrennt?" Er sah, wie Aranka mehrmals, wenn der Bruder sie firirte, oder ihren Worten lauschte, das Auge senkte, leicht erröthete und sich irgend Etwas am Tische zu thun machte, um ihre Verlegenheit zu verbergen; als sie hinausgegangen, um der Dienerin einen Befehl zu geben, sagte Eli zum Bruder: „Du bringst Aranka in Verlegenheit! Beachte sie 'weniger! Sie ist nicht gewöhnt, so angestaunt zu werden!" „Ich kann mich an diesem vollendet schönen Gesichte nicht satt sehen," sagte der junge Mann. „Und wie lieb und gut sie ist! Wahrlich, Ihr wißt gar nicht, welche Perle —" „St!" mahnte Eli, als er Aranka nahen hörte; „mache sie nicht eitel; sie liebt es nicht, Schmeicheleien zu hören!" Aladar sah den Bruder groß und fragend an. Er war Menschenkenner genug, um zu verstehen, was in Eli's Seele vorging. Am andern Morgen hatten die Brüder eine ernste Aussprache. „Ich muß in wenig Tagen das Vaterhaus verlaffen," sagte Eli. „um meine letzte Prüfung abzulegen. Schweren Herzens gehe ich diesmal. Ahnst Du, weßhalb mir die Trennung allerhand Bedenken einflößt?" „Sprich offen," sagte Aladar, „was befürchtest Du?" — — „Daß Aranka sich Dir zuneigen — sich mir entfremden wird!" „Hast Du ihr je von Liebe gesprochen?" „Niemals, aber sie weiß, daß ich ihr zugethan bin; wir verstehen uns auch ohne Worte!" „Dasselbe kann ich von mir nicht sagen; mir ist chr Wesen fremd; ich kenne ihr Innenleben nicht!" „Du wirst sie kennen lernen! Ich fürchte, die bestechenden Eigenschaften Deines Geistes und Herzens werden Eindruck auf Aranka machen, sie wird Dich vorziehen, Dich lieben lernen und die Deine werden. Eine dunkle Abnung sagt mir, daß Ihr wie für einander geschaffen seid. Ich habe Euch gestern und heute beobachtet und wahrgenommen, daß Ihr mehr als ein oberflächliches Jntereffe für einander empfindet. Offen und ehrlich wie ich bin, verlange ich auch von Dir. Aladar, daß Du mir offen und ehrlich Deine Ansicht sagst, ob ich beruhigt reisen kann, oder ob ich hier bleiben soll, meinen Schatz zu hüten!" „Reise mit Gott!" sagte Aladar ernst; „Deine Liebe ist mir heilig! Nie soll Aranka wissen, was in mir vorgeht; ich werde mich zu beherrschen wissen und in ihr nie mehr als eine Schwester sehen!" „So habe ich mich nicht geirrt," fragte Eli, „als ich vermuthete, sie könnte Deinem Herzen mehr als —" „Wer könnte diese von Seelengüte durchgeistigte Schönheit sehen, ohne den Wunsch zu empfinden, ihr zu nahen!" fiel ihm Aladar in's Wort. „Tausend Dank dafür," sagte Eli, den Bruder umarmend, „daß Du diesen Wunsch in Dir bekämpfst, um meinem Lebensglück nicht hinderlich zu sein!" Eli war des andern Tages nach herzlichem Abschied von seinen Lieben, nach Prag gereist. „Wenn ich den Doktorhut erworben, werde ich Dich fragen, ob Du meine Frau Doktorin werden willst?" fragte er Aranka, noch ehe er den Reisewagen bestiegen. „Ich hoffe, Du wirst nicht „Nein" sagen." Das junge Mädchen war über und über roth geworden. „Was Eli sich nur denkt," sagte sie, als der Wagen davonfuhr, zu Aladar; „ich empfinde Nichts für ihn; es sollte mir leid thun, wenn er sich trügerischen Hoffnungen hingibt!" Und dabei blickte sie den jungen Mann mit ihren tiefblauen Augen so glückverheißend und sehnsuchtsvoll an, als wollte sie sagen: „Ja Du, Du wärest meinem Herzen der Langersehnte! Zu Dir zieht mich Alles hin, jeder Gedanke, jede Regung meiner Seele. Doch Aladar that, als verstehe er sich auf Augenspracke nicht; ihm war das dem Bruder gegebene Wort heilig. Offen und ehrlich hatte ihm Eli seine Bedenken kund gethan, offen und ehrlich wollte er, wie schwer es ihm auch würde, bei Eli's Rückkehr vor ihn hintreten und sagen: „Ich habe mein Wort gehalten!" Der alte Rabbi ahnte es nicht, was in des Sohnes Seele vorging, wie schwer es ihm wurde, sich der schönen Hausgenossin gegenüber kalt, ja ablehnend zu verhalten. „Da ist mir der Eli doch ein anderer Mensch," sagte er einst, als sie in der weinumrankten Laube saßen, zu Aladar. „Eli pflegte viel mehr wie Du für Aranka's Unterhaltung zu sorgen; er ging mit ihr spazieren, leistete ihr, wenn sie im Garten war, Gesellschaft, las ihr Etwas vor, während Du sie gänzlich vernachlässigst. Du bist doch nicht etwa ein Weiberfeind?" Aladar blieb die Antwort schuldig. Ihm war das Herz zum Zerspringen voll. Gleichgültig scheinen müssen, wo man heiß und innig liebte, — welche Oual! — (Fortsetzung folgt.)