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Der Israelit · 1901-04-02 · Heft 26-27 (2.4.1901) · page 38

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 26-27 (2.4.1901)
Date
1901-04-02
Page
– (sequence 38)
Language
German
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644 Lippen; sie umarmten einander herzlich. „Und wo ist der Vater?" fragte Aladar, in das Haus tretend. „Zu Mincba im Tempel! Wir erwarteten Dich erst zu Abend!" Jetzt erst bemerkte Aladar die Cousine. Geblendet von ihrer Schönheit, fand er zuerst keine Worte; doch sie kam ihm mit gewinnender Freundlichkeit entgegen und, ihm die Hand reichend, sagte sie: „Sei uns herzlich willkommen, Aladar! Deinen Eingang segne Gott!" Hand in Hand mit ihm betrat sie die gute Stube. „So," sagte sie, ihn zum Sopha geleitend, „mache es Dir beauem, ich bringe sogleich eine Erfrischung." „Welch' herrliches Mädchen," sprach Aladar, als sie gegangen. „Wer hätte geahnt, daß sich dieses harmlose Kind zu solcher Schönheit entfalten würde!" Aladar sab nicht, wie der Bruder, sich abwendend, die Stirn runzelte. Schon trat Aranka, aus einem Tablett Confiture und Kuchen bringend, wieder ein. „Das einstweilen," sagte sie freundlich, den Teller präsentirend; „sogleich kommt etwas Warmes." Schon wollte sie enteilen, doch Aladar hielt sie fest, und ihr liebevoll in die schönen Augen blickend, sagte er: „Halt, Cousinchen! Willst Du mir nicht ein wenig Gesellschaft leisten?" „Gern," sagte sie, „wenn ich in der Küche meine Anordnungen getroffen! In fünf Minuten bin ich wieder da!" Und schon hatte sie sich seinen Armen entwunden '.ind war schnell wie ein Vöglein hinausgeschlüpft. „Von diesem reizenden Mädchen," sagte Aladar zum Bruder, „hast Du mir ja nie geschrieben! Oder hast Du keine Augen für ihre taufrische Schönheit?" „Sie ist ja noch ein halbes Kind," sagte Eli ablenkend. „Sag' eher, eine sich zu voller Schönheit entwickelnde Rosenknospe!" meinte Aladar. „Schwärmer!" entgegnete der Bruder. „Erzähle mir lieber, wie es Dir bei der Prüfung ergangen, was Du jetzt zu unternehmen gedenkst." Die Brüder waren gar bald in lebhafter UnterhaUnna: Aladar sprach von seinen Studien, von dem Glücksqefübl, das ihn beseelt, sich nun endlich Doktor nennen, ein?n Wirkungskreis antreten zu können. Er hatte die Gabe, schön und eindrucksvoll zu sprechen, vom Vater geerbt. Seine Lehrer waren oft der Bewunderuna voll, wenn er Anschauungen über Reliaion, Pflicht, Glaubenstreue in freiem Vortrag entwickelte, und prophezeiten ihm eine glänzende Zukunft als Prediger. Von hoher Begeisterung erfüllt, die Herzen für die wahre Religion zu erwärmen, sehnte er sich darnach, einen geeigneten Wirkungskreis thunlichst bald zu finden. Eli hatte ihm mit Interesse zugehört. Als Aranka jetzt, von der Dienerin begleitet, eintrat und den Tisch zu decken begann, stockte die Unterhaltung; es war, als ob Aladar nur Augen für sie hätte. — „Der Vater," rief Eli, auf die Straße deutend, wo eben des alten Rabbi ehrwürdiges Haupt am Fenster sichtbar wurde. Aladar erkennend, eilte Rabbi Lazzlo mit ausgebreiteten Armen dem geliebten Sohne entgegen. Welch' herzinnige Freude lag in diesem Wiedersehen' — Thränen der Rührung füllten des alten Mannes Augen, als er segnend die Hände über des Sohnes Haupt breitete. „Dich eine Stunde früher als erwartet bei mir zu wissen," sprach er, als er mit dem Sohne die jetzt festlich erleuchtete Stube betrat, „ist ein Glück, für das ich Gott dem Allmächtigen nicht genug danken kann!" Und selig lächelnd fügte er hinzu: „Die gute Mutter nannte Dick ja immer den Sonnenschein ihres Lebens! Ja, wenn sie noch lebte!" fuhr er wehmllthig fort. „Ich gönne es mir fast nicht, diesen Tag allein zu erleben! War cs doch ihres Herzens sehnlichster Wunsch, Dich Doktor nennen und —" „Mach' Dir das Herz nicht schwer, theurer Vater," unterbrach Aladar, „die Mutter ist nicht gestorben, sie lebt in uns fort, in ihrem Sinne und Geiste zu wirken, ist unser Bestreben, so sichern wir ihr ein Fortleben nach dem Tode!" „Da klingt fast freigeistig," sagte der Rabbi, sein Erstaunen kaum unterdrückend. „Nach den Satzungen unserer heiligen Religion —" „Ich weiß," unterbrach Aladar den Vater, „die Religion sagt uns, daß unsere theuren Verstorbenen im Jenseits zu ihren Urvätern und Urmüttern versammelt werden und Gott Loblieder singen. Diesen frommen Kinderglauben theile ich nicht und möchte ich Dich bitten, theurer Vater —" „Genug." unterbrach Rabbi Lazzlo, sein Gesicht in strenge Falten legend, „ich sehe, Du hast Dich wiederum fest in Resormenideen verrannt! Hoffen wir, daß Du den rechten Weg zu Gott und seiner einzig wahren Lehre zurückfinden wirst und trüben wir uns die Stunde des Wiedersehens nicht durch Differenzen!" Aladar athmete erleichtert auf. Welche Unklugheit, mit dem streng-orthodor denkenden Vater polemische Gespräche zu führen! Er erinnerte sich, wie oft er früher des Vaters Unwillen erregt, wenn er seine religiösen Anschauungen nicht theilte, und nahm sich vor. in Zukunft allen derartigen Unterhaltungen auszuweichen. Er war Theologe aus innerstem Herzensdrange, doch das Forschen in Bibel und Talmud hatte ihm, wie er meinte, Herz und Sinn für das Wesen der wahren Religion geöffnet; „nicht blind glauben, sondern er-

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