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Der Israelit · 1901-04-02 · Heft 26-27 (2.4.1901) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 26-27 (2.4.1901)
Date
1901-04-02
Page
– (sequence 34)
Language
German
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640 „Nun ja, sag ich immer," fährt er fort, indem er einige Tropfen Wein in den Mörser träufeln läßt, «Ziegel anfertigen, gut, mag sein, Ziegel. Aber wie kannst Du Ziegel verlangen in einer bestimmten Anzahl für den Tag, wenn Du kein Stroh hergibst, womit man diese Ziegel machen soll? Da muß man zuerst Stroh in den Straßen herumsuchen, — Du findest ein Hälmchen, ein zweites, ein drittes. . . . Hast genügend Stroh angesammelt, — nun heißt es, geh' Lehm kneten. Hast Du genug Lehm, — nun geh' Ziegel brennen! . . Den ältesten Sohn hat man Dir zum Militär genommen, — er muß helfen für die Egypter die lybischen und äthiopischen Völker besiegen; der zweite Sohn ist beim Glutofen und brennt die Ziegel, das neugeborene Kind hat man in den Nil geworfen — und da mußt du mit deiner kranken Frau herumgehen und Stroh sammeln . . . Pharao hat den Ruf eines der mächtigsten Selbstherrscher der Welt. Egypten ist berühmt wegen seines Reichthums, und in Folge der systematischen Eroberungen benachbarter Völkerschaften vergrößert es immer und stetig seinen Umfang. Jeder Egypter lebt wie ein König, indem er von der Arbeit seiner Sklaven sich nährt, und Du, ein Nachkomme oder Verwandter von Josef, dem das Land so viel verdankt, mußt im Koth und Staub Strohhalme für die egyptische Regierung sammeln. . . . Reich mir mal einige Nüsie her, mein Kind. . . . So, genug." Einige abgeschälte Nüsie fallen in den Mörser, der Stösel arbeitet wieder von Neuem, und der Großvater fährt fort zu erzählen. „So, so, mein Söhnchen, Pisom und Ramses, sagst Du, sind längst schon erbaut. . . . Du kennst diese Geschichte aus dem Chumesch. Und hast Du auch einmal daran gedacht, wie schwer das Sammeln von Stroh gewesen sein muß, um die egyptischen Städte und Burgen aufzuführen? Das Strohhalmsammeln an sich war ja ein erniedrigendes und beschämendes Geschäft, im Grunde aber war es leicht. Findest Du hier kein Stroh, so findest Du's am andern Ort, am dritten Ort. . . . Schön, aber Du mußt wisien, mein Kind, daß in dem weiten und breiten Egypten es dem Juden nur erlaubt war, in einer einzigen kleinen Provinz, Goschen, zu wohnen. Das war ihr . . . Ansiedelungsrayon. Darüber dursten sie nicht hinaus. In Goschen waren sie geboren, in Goschen mußten sie sterben. . . . Nun, sag' selber, ist es möglich, an einem beschränkten Orte längere Zeit hintereinander Stroh zu sammeln, wenn zehn Menschen sich über ein jedes Hälmchen stürzen? Kann man es solchen Leuten verdenken, wenn sie mit der Zeit anfangen, anstatt Stroh, Fruchtähren, eigne, wie fremde, aufzulesen? Was sollten sie machen, da man von ihnen verlangte, sie sollten alltäglich die genau bestimmte Anzahl an Ziegeln abliefern, während man ihnen das hierzu nöthige Stroh verweigert? Ob sie nun wollten, oder nicht, sie waren genöthigt, die Grenzen ihres Ansiedelungsrayons zu überschreiten, sie mußten über Goschen hinaus und drüben verstohlenerweise Stroh einsammeln. Nun denke Dir einmal, nach einem Dorfe oder Städtchen, welches außerhalb Goschens liegt, kommen jüdische Arbeiter und fangen an, auf den Straßen, auf den Feldern, auf den Wiesen, Strohhalme zuammenzulesen, um die vorgeschriebene Zahl der Ziegel in die Kaiserlichen Magazine abliefern zu können, und da, plötzlich steht vor ihnen, wie aus einer Versenkung aufgetaucht, ein egyptischer Polizeimann. Der Kerl ist hoch, wie ein Thurm, seine Augen sind roth, seine Nase ist vom vielen Schnapstrinken violett, in der Hand schwingt er eine Peitsche mit bleiernem Knopf. Er stampft mit dem Fuß, brüllt auf egyptische Art aus vollem Halse und fängt an zu fluchen und zu schimpfen: «Ha, Ihr räudiges Judenvolk! Ihr verfluchtes Pack! Was, zum Teufel, wollt Ihr da? . . . He, was? Stroh sammeln? . . . Für Kaiserliche Magazine? Was? . . . Ziegel brennen? . . . Woher weiß ich aber, daß Ihr die Strohhalme wirklich für den egyptischen Kaiser sammelt? . . . Wie? . . . Vielleicht führt Ihr gar Kontrebande? Ihr Betrüger, einen alten Gauner wie mich werdet Ihr nicht betrügen. Ich kenne Euch schon, Ihr jüdischen Mogler!" So schimpfend und keifend bearbeitete er ihre Rücken mit seiner mächtigen Peitsche und schmeißt ihnen das ganze Wörterbuch egyptischer Grobheiten an den Kopf. . . . Die armen Juden begeben sich nun in den Schutz eines anderen egyptischen Polizeibeamten, der eine höhere Charge bekleidet. Dieser verwaltet sein Amt schon ohne Beihilfe der Peitsche und seine Augen sind auch nicht roth sondern grünlich-gelb. „So und so verhält sich die Sache", vertheidigten sich die beschuldigten Juden. „Wir mußten für die egyptische Regierung, für die Magazine Sr. Majestät des Kaisers Stroh sammeln, als . . ." „Aber, meine Herren, was habt Ihr da angerichtet!" unterbricht sie der egyptische Beamte, während er sie mit gütigen, gnädigen Augen anblickt. „Wie durftet Ihr aus Goschen auswandern, da Ihr doch in Goschen einen ständigen Wohnsitz habt, den Euch die hohe Regierung zugewiesen? Ihr behauptet, Ihr wäret ausgegangen Stroh für die Ziegeln zu sammeln, die Ihr in die Magazine Sr. Majestät abliefern müßt? . . . Schön. . . . Aber, bitte, zeiget mir doch einen einzigen Punkt oder Paragraphen in dem bestehenden egvptischen Gesetz über Euren Ansiedelungsrayon, welcher Euch erlauben würde, die Grenzen von Goschen, sei es unter welchem Vorwände immer, zu verlassen? . . . Was? . . . Nun wisien die Juden natürlich nicht, was sie antworten sollen. Die Armen stehen da und zittern wie im Fieber. „Eure egyptische Excellenz! . .!" rapportirt inzwischen der Polizeimann. Da diese Juden

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