Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 26-27 (2.4.1901)
- Date
- 1901-04-02
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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641 den ihnen von der hohen Obrigkeit bestimmten Wohnsitz verlassen, und ohne vorherige Erlaubniß der Vorgesetzten Behörde die Grenzen des Ansiedelungsrayons überschritten haben, demnach, in Betracht ziehend, daß . . Und so weiter und weiter geht's, mein Kind. Ja, das waren schwere, schwere Zeiten . . . Immer langsamer bewegt sich der Stößel in der Hand des Großvaters. . . . Seine alten verträumten Augen, voll großer Wehmuth, blitzten hinter den herabhängenden, dichten, grauen Braunen. . . . Das Gesicht des Greises und seine ganze Haltung gewannen etwas Weiches und Zartes. . . . „Und sie machten ihnen das Leben bitter von fortwährender schwerer Arbeit bei Lehm und Ziegeln. . . . llnd der König von Egypten befahl, wenn ihr bei einer jüdischen Gebärerin sein werdet, gebt nur Acht, ist es ein Knabe, so tötet ihn . . ." Der breite Nil wälzt und wälzt seine blauen Wellen. . . . Hohe, wundervolle Palmen haben oben ihre stolzen grünen Fächer auseinander gebreitet und beschirmen damit die „heiligen Wasser" des ewigen Flusses vor dem Staub und der Gluth der Wüste. Ein Heller rosiger Morgen hat die ganze Welt vergoldet. Wie rein ist dieser südliche Himmel, wie fröhlich tönt in den Lorbeerbäumen das Summen der goldflügeligen Bienen, der Gesang der buntgefiederten Vögel und — wie grausam, wie fürchterlich grausam sind die Menschen! . . . Noch einige Stunden und wir werden uns an den Seder setzen, um, wie alle Jahre, das große Fest der Befreiung zu feiern. Und wenn die Reihe an das Eharaußes kommt, nimmt der Großvater diese wohlschmeckende Mischung von Aepfeln, Nüssen und Wein, vertheilt sie unter seine Söhne und Enkel und ruft: „Esset sie, Kinder, das ist Secher letit" (eine Erinnerung an den Lehm, welchen unsere Vorfahren in Egypten kneten mußten). Ich empfinde es beinahe als eine Ungerechtigkeit! Welch ein Vergleich, Eharaußes und Lehm! . . . Aber neugierig wäre ich, zu wissen, wie wohl das Eharaußes aussehen wird, welches im Seder der Zukunft den Lehm versinnbildlichen wird, den wir jetzt kneten. Wo ist der Chemiker, der eine entsprechende Mischung zusammensetzt, welche auch nur im Entferntesten an all die Gräßlichkeiten gemahnt, durch welche wir jetzt hindurch waten müssen! . . . Die Stimme der Großmutter ertönt, sie mahnt den Großvater, daß er sich spute. Das Eharaußes sollte ja längst schon fertig sein. „Gleich, gleich!" antwortete der aus seinem Brüten erwachende Großvater und setzt hurtig seine Arbeit fort. Bald war der köstliche Brei hergestellt, den ich, ich will es gestehen, in meiner Kindheit immer mit viel größerem Appetit verzehrte, als zum Beispiel das Karpas, die Blätter grünen Salats, welche uns den Frühling verheißen, das Ei, welches uns an die Ewigkeit gemahnt, um von dem Moraur schon gar nicht zu sprechen, der uns eine, wenn auch nur sehr schwache Vorstellung davon giebt, wie bitter es unsere Vorfahren in ihrem Ansiedelungsrayon in Goschen hatten. eimgefunden. Novelle von Iöa Darb er—Wien. -"ÜOOae-- Große Freude im Hause des Rabbiner Salomon Lazzlo; der älteste Sohn Aladar, der jetzt die Doctorwürde erlangt, sollte heimkehren. Seit Jahren weilte er, seinen Studien obliegend, fern dem Vaterhause in der großen Stadt. — Wie würde es ihm nur daheim in dem kleinen ungarischen Orte gefallen? Das war eine Frage, die, obschon sie den Vater zwar oft beschäftigt hatte, doch heute seine Festtagsstimmung nicht zu trüben vermochte. Aladar, der geliebte Sohn, die Freude seines Alters, kehrte in's Vaterhaus zurück! Das Herz pochte ihm wie in den Tagen seiner Jugend; er konnte die Stunde nicht erwarten, da er ihn mit seinen Armen umfangen würde. Seitdem er Deborah, sein geliebtes Weib, verloren, war Aladar seinem Herzen der nächste; auf ihn übertrug er all seine Liebe, ihm galt sein heißes Sehnen, das nun endlich gestillt werden sollte. Zu Eli, dem um ein Jahr jüngeren Sohn, der in Prag Medirin studirte und öfter zu Besuch nach Hause kam, fand er sich weniger hingezogen. Eli war aufbrausend, rechthaberisch, unzugänglich; es war mit ihm schwer zu verkehren; nur Aranka gegenüber war er mild und freundschaftlich; sie war die Einzige, die Einfluß auf sein störrisches Gemüth hatte. Aranka Jranyi, ein schönes Mädchen von 18 Jahren, eine entfernte Verwandte der verstorbenen Frau Deborah, war nach dem Tode ihrer Eltern in Rabbi Lazzlo's Haus gekommen. Sie war so schön, wie sie gut war; Jeder, der sich ihres Umganges erfreute, rühmte ihre Munterkeit, ihren heiteren Sinn; selbst der Hypochonder wurde