Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 26-27 (2.4.1901)
- Date
- 1901-04-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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624 ausgedehnte Genieinschaft frommer Seelen, die gefeit gegen diese Welt und überzeugt sind, daß eS die Hauptsache ist, den Menschen Gutes zu thun. Es ist ein Widerspruch zwischen der Religion und der religiösen Politik. Die frommen Seelen haben einen Abscheu vor dem politisch-religiösen Misch-Masch. Es ist ein Gegensatz zwischen der Vereinigung der Herzen, welche Gladsione predigte und der dogmatischen Einigkeit. Je größer die Vereinigung der Herzen sein wird, desto mehr werden wir unsere auseinandergehenden Meinungen achten, und desto weniger Bedeutung wird die dogmatische Verschiedenheit haben. Die tyrannische, bloß äußere Vereinigung untergräbt den wahren Begriff der Kirche." Zu diesen dem Judenthum so überaus sympathischen Aeußerungen des illustren Gelehrten muß zunächst bemerkt werden, daß sie sämmtlich nicht unserem, sondern dem liberalen Judenthum gelten. Er kennt kein anderes, kann kein anderes kennen; vor allem muß ihm das einzige, wahre, von den Vätern überkommene Judenthum fremd sein, denn dasselbe hat in Frankreich keine Vertreter und Anwälte, die ihm öffentlich das Wort reden. Er citirt die Schriften eines Herrn Darmstetter, der außerhalb Frankreichs gänzlich unbekannt ist und der nach dem von ihm gebrauchten Citat zu urtheilen, ebenfalls diesem liberalen Judenthum angehört. Dieses liberale Judenthum ist die Verneinung, Leugnung und Fälschung unseres überlieferten Judenthums, wie dasselbe in Bibel und Talmud codificirt ist. In diesen wenigen von Herrn Darmstetter citirten Zeilen wird die Prophetie als eine von Gott inspirirte Institution geleugnet und die Propheten, im Gegensatz zu ihren aller Welt bekannten Aussprüchen, als Verkünder eines Gottes geschildert, der weder Altar noch Opfer fordere. Wenn ein nichtjüdischer Gelehrter diese oberflächlichen, wahrheitswidrigen Behauptungen unbesehen von einem Juden aus guten Glauben hinnimmt, so kann man das begreiflich finden. Auch die Behauptung, daß das Judenthum lediglich das Bekenntniß des Göttlichen und der Gerechtigkeit fordere, ist eine derartige Ungeheuerlichkeit, die für das liberale Judenthum paffen mag, für das wirkliche aber nicht. Das kann Herr Marillier nicht wissen, denn die Juden, mit welchen er verkehrt und deren Schriften ihm zugänglich sind, mögen in der That außer diesem Bekenntniß nicht viel mehr von ihrem Judenthum besitzen. Daß es sich aber dabei lediglich um ideale Güter handelt, deren Besitz längst keine speeifisch jüdische Eigenthümlichkeit mehr ist, die vielmehr zum eisernen Bestand der gebildeten Religiösen aller Kulte zählen, das ist es, was hier ausgesprochen werden muß. Wenn Herr Marillier wüßte, daß zu dem Judenthum und zu seiner treuen Erfüllung doch noch etwas anderes gehört, als das, was er aus den Schriften des Herrn Darmstetter herausliest, daß ein Jude, der z. B. den Sabbat entweiht, einem Heiden gleichzuachten ist, daß ein Jude, der keine Tefillin legt, uns als ein Abtrünniger gilt, so würde er darin vielleicht etwas erblicken, das er dem Judenthum ebensowenig verzeihen würde, wie die dogmatischen Rückstände des Christenthums. Ein Judenthum, wie es sich die Herren Darmstetter und Genoffen destilliren, ist eben kein Judenthum, ist ein religiöses Bekenntniß, das man nach seinem Erfinder vielleicht Darmstetterisuius nennen könnte, hat aber mit dem eigentlichen, wirklichen Judenthum so wenig zu thun, daß es die Lorbeeren zurückweisen muß, die ihm hier um die Schläfe gewunden werden. Diese Sorte Judenthum wird auch nie eine Zukunft haben, weder im 20. noch in einem anderen Jahrhundert, weil es keine Vergangenheit hatte. Aber für alles dieses ist, wie gesagt, nicht der gebildete, aufgeklärte Nichtjude verantwortlich, sondern diejenigen Juden sind es, deren Nachbeter er ist. Unter den nielen Wortführern, über die der Abfall vom Judenthum in Frankreich verfügt, sind aber diejenigen am widerwärtigsten, welche unter der Flagge von Conservateurs du Judaisme den Treubruch predigen. Der „Israelit" hat aus diese betrübende Erscheinung erst kürzlich als auf ein Symptom des Niederganges hingewiesen. Jede neue Nummer des „Univers Israelis" bestätigt diesen Jammer auf's nachdrücklichste. Derselbe enthält in jedem Heft eine an die Sidra sich anlehnende Betrachtung unter dem Titel: Propos Sabbatigues. Wer sich der geistsprühenden, von achter Gottesfurcht getragenen Effay's erinnert, die der Begründer des „Univers" an dieser Stelle veröffentlicht und damit die seichten, dem religiösen Leichtsinn schmeichelnden Causerien vergleicht, die jetzt dem Publikum unter dieser Etiquete geboten werden, der besitzt an diesem Wechsel einen untrüglichen Gradmesser für den Niedergang des Judenthums in Frankreich. Mit den Wochenabschnitten, mit welchen das dritte Buch einleitet, wissen die Herren sehr wenig anzub-ngen. Sich in den Geist der;nmp zu vertiefen, . - n welchen hier die Rede ist, dazu fehlt ihnen das nöthige Wissen und der erforderliche Ernst. Sie benützen daher mit Vorliebe diesen Anlaß, um das zu discreditiren, was sie nicht zu traktiren verstehen. Sie führen dann ihre alten Steckenpferde vor, die man in Deutschland längst unter die Todten geworfen hat, daß die mosaischen Opfergesetze von den Propheten abgeändert oder vollständig verworfen seien, daß die Propheten für die Zukunft weder Opfer noch Altar fordern, daß man nach diesem Beispiel auch die übrigen göttlichen Gesetze abschaffen dürfe und wie die schönen Sächelchen alle heißen. Wer sich dafür interessirt, kann sie in den Propos sabattiqus der Nr. 27 des „Univers" Nachlesen. Daß die Propheten niemals gegen die Opfer, sondern nur gegen deren Mißbrauch geeifert haben, daß sie in demselben Sinne gegen Sabbat und Festtag und so-