Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 26-27 (2.4.1901)
- Date
- 1901-04-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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4L. Jahrgang. Iweite Aeikage zu M 26 $c 27 des „Israelit Leitender Artikel. pariser Brief. Paris, 2. April, Die Verfälschung des Judenthums, der sich seine hiesigen Wortführer schuldig machen, beschränkt ihren zersetzenden Einfluß nicht auf die Judenheit, sondern geht mit ihren verderblichen Folgen weit darüber hinaus. Ich denke dabei diesmal nicht an unsere Antisemiten, sondern an die Philosemiten. Als ein solcher gilt mit Recht M. Leon Marillier, einer der berühmtesten französischen Philosophen der Gegenwart. Unter dem Titel „Die Mission des zwanzigsten Jahrhunderts" bringt eine Sonntagsnummer des „Temps" eine Darstellung dieses Gelehrten über die Entwickelung des Katholizismus, Protestantismus und des Judenthums in diesem Jahrhundert. Für die jüdischen Leser ist besonders die Bedeutung des Judenthums von Interesse, die ihm der illustre Gelehrte für dieses Jahrhundert zuerkennt. Die diesbezüglichen Aeußerungen mögen daher im Wortlaute folgen. Daß für die greifbaren Jrrthümer, die da mit unterlaufen, unsere jüdischen Wortführer in erster Reihe verantwortlich sind, soll denn unwiderleglich nachgewiesen werden. „Ich frage mich," heißt es im „Temps," „ob wir nicht bald die langsame, unbewußte Schöpfung einer Art Laienreligion,, die weder katholisch, noch protestantisch ist, deren Kern in einer Verdichtung jüdischer Ideen besteht, erleben werden. Der Jude hegt, ganz im Gegensatz zu der evangelischen Anschauung, diese merkwürdige Ansicht, das Reich Gottes sei von dieser Welt. Denn Gerechtigkeit hier unten verwirklichen, heiße dem Göttlichen dienen. Das beste Mittel, dies zu erreichen ist, sich Rechenschaft geben von der Umgebung, in der man lebt. Gerechtigkeit durch die Wissenschaft und durch die Pflege der Humanität, das ist die Quintessenz der jüdisch-liberalen Borstellung/ Lassen Sie mich Ihnen eine prachtvolle und oft citirte Stelle vorlesen, in der James Darmsteter die Propheten Israels wachruft, deren Genie wieder aufersteht und sich verbreiten wird über das neue Jahrhundert: „Es hat wenig zu sagen, daß sie im Namen Gottes gesprochen haben, während das moderne Zeitalter im Namen des humanen Gedankens spricht, denn ihr Gott war nur die Apotheose der menschlichen Seele, nur ihr inneres Gefühl in den Himmel übertragen. Sie liebten, was wir lieben und ihr Ideal hat weder der Vernunft, noch dem Gefühl Eintrag gethan. Sie haben einen Gott in den Himmel eingesetzt, der weder Altäre, noch Sühnopfer, noch Gesänge will; vielmehr „daß das Recht hervorbreche wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein unversiegbarer Fluß." Dadurch, daß sie an die Gerechtigkeit glaubten, haben sie ihre Verwirklichung in der Geschichte angebahnt. Sie hatten einen Schrei des Mitleids für alle Unglücklichen, der Rache für alle Unterdrücker, des Friedens und der Verbrüderung für alle Völker. Sie sagten nicht zum Menschen: „Die Welt taugt nichts, sie sagten ihm, die Welt ist gut. und auch Du, sei gut, sei gerecht, sei rein." Sie sagten zum Reichen: „Du darfst nicht dem Arbeiter seinen Lohn vorenthalten." Zum Richter: „Du sollst strafen ohne zu erniedrigen." Zum Weisen: „Du bist verantwortlich für die Seele des Volkes." Sie haben manchen gelehrt für das Recht, ohne Hoffnung auf Lohn, zu leben und zu sterben. Endlich haben sie zur Zukunft hin, über alle Gewitter der Gegenwart hinaus, den Friedensbogen einer unermeßlichen Hoffnung gespannt; eine Vision, strahlend von der herrlichsten Humanität, ganz befreit von dem Bösen und von dem Tod, welche weder Kriege, noch ungerechte Richter kennen wird, wo dann die göttliche Wissenschaft die Erde erfüllen wird, wie die Wasser den Boden des Meeres bedecken, wo die Mütter nicht mehr Kinder gebären für einen plötzlichen Tod. Träume der Seher, heute Träume der Weisen!" „Dieser prophetische und praktische Positivismus wird wahrscheinlich demnächst eine beträchtliche Rolle spielen. Von dem antiken Judenthum entstanden bereits das Christenthum und der Islam, und wahrscheinlich werden wir einen neuen, blühenden, lebenskräftigen Zweig entstehen sehen. Das ganze liberale Judenthum zielt jetzt nach dieser Richtung, die ich Ihnen sage. Alle anderen Religionen bewahren einen dogmatischen Rückstand: Das Judenthum ist nur noch das Bekenntniß des Göttlichen und der Gerechtigkeit, i Die Humanität wird deßhalb nicht jüdisch werden,! aber was ich Ihnen voraus verkünde, wird ein wich-! tiger Faktor sein, der sowohl auf den Protestantismus,! rndem er ihn spezialisirt und befestigt, als auch auf den - Katholizismus, indem er ihn bis zu einem gewissen i Punkte feines Mystieismus entkleidet und ihn menschl licher macht und mehr dem Leben der That zukehrt,! einwirken wird. Gegenwärtig ist der Haß der religiö- > sen Parteien viel heftiger, als vor einigen Jahren, aber l der Haß der wirklich frommen Männer ist verschwun- ' den, die Einigkeit unter ihnen ist größer als je, es gibt eine Einigkeit der Seele unter den religiösen Menschen. Unter der augenscheinlichen Zwietracht der religiösen Politik entsteht ein ausgleichender Glaube und eine