Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1901)
- Date
- 1901-03-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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593 haben, um gleich das geistige Gemeingut der ganzen Nation werden zu können. Obwohl in den Akten später nur ein Dokument u. Z. im Jahre 1698 sich vorfindet, das die alte Beschuldigung anläßlich der Auffindung einer Leiche auffrischte, waren die Juden doch oft ähnlichen Verdächtigungen unterworfen. Zum Beweise dessen mag der Umstand dienen, daß sie sich bemühten, daß ein Brief des Karmeliter-Generals in Rom, geschrieben im Jahre 1680 an die polnischen Geistlichen, abschriftlich den Staatsakten zu ihrer Vertheidigung einverleibt wurde. In diesem Brief wird darauf kategorisch hingewiesen, daß die „hebräische Nation" (popuiuZ liebraicus) frei ist von den Handlungen, welche man ihr zuschreibt, als gebrauche sie Christenblut und begehe Hostienschändungen. „All dies," schreibt der römische Prälat, „wird ihnen ungerecht und vergebens zugeschrieben, da dies ihnen verwehrt ist und all ihre Gesetze und Riten dem schnurstracks zuwiderlaufen. Deßhalb bitte ich Euch im Namen des Herrn, unseren Geistlichen empfehlen zu »vollen, daß sie sich bestreben, das Volk von derartigen irrigen Meinungen, wie auch von den Foltern, welche aus diesem Anlasse die unschuldigen Hebräer während der Untersuchungen erleiden, abzulenken." (Ut studeanta tali erronea opinione plebem avertere sicut eta vaxationibus, quae ob talem (Tudelitatem liebraeos se in ista materia innooenter tolerare conqueruntur.) In dieser edlen Stimme des römisch-katholischen Geistlichen läßt sich das Echo der alten päpstlichen Bullen von vierhundert Jahren, die im selben Geiste das Wort führten, vernehmen. Aber der Obscurantismus der damaligen Volksmasse war so groß,' daß die Stimmen der klügsten, gebildetsten und edelsten Päpste gar nicht zu ihnen drangen. Die Bulle Georg IX., aus dem Jahre 1235, die erklärte, daß der Volkshaufe, der die Juden des Blutgenusses anklage, „handle unter dem Einflüsse von Leuten, welche die christliche Religion mißbrauchen und ihr Gelüste nach jüdischem Gelde damit bemänteln," ging wirkungslos vorüber. Auch Jnnocentus' IV. Bulle aus dem Jahre 1247, „die manche Ehristen, welche auf der Suche nach einem Vorwände zu rauben, Leichname in jüdische Häuser unterschieben und dann die Juden plündern, morden," brandmarkte, übte auf ihre Zeit gar keine Wirkung aus, Angesichts des allgemeinen Fanatismus und des Obskurantismus der Massen war es überaus schwierig, die Vorurtheile zu verdrängen. Es wiederholte sich hier dasselbe, was im Anfänge der christlichen Aera stattfand, als der römische Plebs jegliche Missethat den Bekennern des Christenthums zuzuschreiben begann. Besonders hartnäckig behauptete sich die Fabel von dem Gebrauch des Blutes unschuldiger heidnischer Kinder zu den Sakramenten in den Katakomben. Daher stammte jene Wuth des Pöbels, der mit Wonne den Martern der Christen in der Cirkusarena zusah. Bah! Dieses Märchen wiederholten selbst die kultivirten Kreise der römischen Aristokratie. Diesen Jrrthum theilte mit anderen auch der tiefsinnige Menschenkenner, der hervorragende und aufgeklärte römische Geschichtsschreiber Tacitus. So groß ist die Macht des Vorurtheils, so verseucht es die Massen von unten nach oben. Im Laufe von vier Jahrhunderten haben unzählige christliche Schriftsteller vergeblich die Christen vor Verleumdungen vertheidigt, die fortwährend Prozesse wegen Ritualmorde verursachten, und was das Schrecklichste ist, zu diesen Prozessen fand man „Augenzeugen." Es nutzte gar keine Aertheidigung. Der Verdacht hielt Jahrhunderte an. Erst Konstantin des Großen Stimme, welche vom Throne kam, warf einen Lichtstrahl in die Massen. L. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Dresden, 24. März. Die hier erscheinende „Deutsche Wacht" brachte in ihrer Nummer vom 22. Februar die auch in anderen antisemitischen Zeitungen veröffentlichte Warnung an „deutsche Eltern," ihre Kinder ganz besonders in der Osterzeit zu hüten und vor jeglichem Verkehr mit verdächtigen Juden in Acht zu nehmen. Der jüdische Theil der Dresdener Bürgerschaft war über diese freche Ruchlosigkeit empört und hielt mit dem Ausdruck seiner sittlichen Entrüstung nicht zurück. Große Genugthuung empfindet man nun darüber, von maßgebender Seite öffentlich bezeugt zu sehen, daß der beste Theil der christlichen Bewohnerschaft Dresdens diese Entrüstung theilt. Kein Geringerer, als Oberkonsistorialrath Dr. Dibelius, Superintendent, Pastor prim, an der Kreuzkirche, richtete am letzten Bußtage in der etwa 6000 Personen fassenden, überfüllten Hauptkirche Dresdens an die christliche Bußgemeinde ungefähr folgende Worte: „Eine der Hauptsünden ist der Haß, der sich auch als politischer Haß geltend macht. Ich denke auch besonders an den Haß, der noch viel schlimmer ist und in letzter Zeit immer stärker hervortritt. In diesen Tagen hat ein hiesiges Blatt einen Artikel gebracht, durch den sich die jüdische Gemeinde tief gekränkt fühlt, und der auch viele Christen verletzt hat. Ausgehend von Könitz und anderen bedauernswerthen Verbrechen, werden die Christen vor Umgang mit Andersgläubigen gewarnt. Die jüdische Gemeinde fragt, ob dies christlich sei und sich mit der christlichen Liebe vertrage. Und sie fragt mit Recht. Ich aber antworte: Nein, das ist nicht christlich, sondern antichristlich. Heute am Bußtage sei es in feierlicher Stunde ausgesprochen: Wer in dieser Weise Haß verbreitet und nicht die Liebe predigt,