Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1901)
- Date
- 1901-03-28
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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594 die der Stifter der christlichen Religion gepredigt hat, kann nicht zu ihm hinangezogen werden." Ratibor. Die bilderreiche Sprache gewisser Antisemitenführer beginnt Früchte zu tragen. Der Oekonom Wiczick aus Proschewitz, der Sohn wohlhabender Gärtnersleute, drang angeheitert, aber keineswegs sinnlos betrunken, in das Lokal des jüdischen Schankwirths Adolf Guttmann in einer Vorstadt Ratibors. Unter wüsten antisemitischen Drohungen begann er erregt das ganze Lokal, einen Raum nach dem andern, zu demoliren. Er zerschnitt das Billardtuch, zerbrach die Queues, die Gasapparate, die Gläser, die Wandbilder, er zertrümmerte alle Fenster, riß die Gardinen herunter, zerfetzte die Tapeten und zerschmetterte die Holzfüllung von drei großen Thüren. Dann ging er, nachdem er in drei Räumen gewüthet, mit dem Rufe: „Die Juden müssen raus! Die Juden sind nur Bürger zweiter Klasse!" aus den Gastwirth und seine Frau mit erhobener Faust los. Als nun der christliche Fleischermeister Kostka seinem Nachbar Guttmann zu Hilfe eilte, erhielt er von dem rabiaten Antisemiten, der in seiner blinden Wuth um sich schlagend glaubte, daß es Guttmann sei, mit einem erst neu gekauften Dolchmesser einen Stich in die Rippen, daß er sofort blutüberströmt zusammenbrach. Nur mit Mühe konnte der Messerheld von sechs Leuten überwältigt, in Fesseln gelegt und in das Volizeigefängniß geschafft werden, von wo seine Ueberführung in das Ratiborer Gerichtsgesängniß erfolgte. Wie die Nachbarn erzählen, hat der sonst ruhige und bescheidene Mensch in letzter Zeit tagelang Bücher und antisemitische Zeitungen gelesen, deren hetzender Inhalt zweifellos seine Sinne erregten und verwirrten. Kostka wurde schwerverletzt in seine Wohnung gebracht. Die Saat beginnt zu reifen. Dieselben antisemitischen Tiraden, die nach dem Zeugniß zweier Polizeiossiziere in Berlin zur Heiterkeit erregen, führen also in der Provinz zu Krawall und Todtschlag. Rußland. Petersburg. Vierzigjähriges Jubil ä u m.) In wenigen Tagen wird in Petersburg einer der verdienstvollsten und einflußreichsten jüdischen Gelehrten Rußlands ein wichtiges Jubiläum feiern. Am 31. März d. I. werden 40 Jahre verflossen sein, seitdem Professor Abraham Jakowlewitsch H a r k a v y in dem jetzt nicht mehr bestehenden russisch-jüdischen Journal „Raßwjet" (Morgendämmerung) seinen ersten Artikel veröffentlicht hat. Diesem ersten Artikel folgten dann ein lange Reihe von Einzelartikeln, sowie kleinere und größere Schriften, welche den Namen Abr. Hartavy's zu einem der klangvollsten gemacht haben. Mit tiefen Kenntnissen des Hebräischen und Arabischen ausgerüstet und im Besitze sämmtlicher slavischen Sprachen, war Harkavy wie kein anderer Gelehrter dazu befähigt, Material für die Geschichte der Juden Rußlands herbeizuschaffen, zu sichten und zu beleuchten. In seiner kleinen bahnbrechenden Schrift: „Die Juden in den slavischen Ländern," wies er nach, daß Jud-n am Kaukasus, in der Krim und in Südrußland in großen Massen bereits zu einer Zeit gewohnt haben, da noch der russische Staat und selbst der Name Rußland nicht einmal existirt haben. In Verbindung mit diesen Studien vertiefte sich Harkavy in die Geschichte der Chazaren, deren Dunkel er durch neue Helle Streiflichter beleuchtete. Gleichzeitig beschäftigte sich derselbe mit der Geschichte der Juden in Polen und Litthauen, für die er ein enormes und werthvolles Material herbeigefchafft hat. Harkavv war auch einer der ersten jüdischen Gelehrten, welche den talentvollen Fälscher und geschickten Hochstabler Firkowitsch gründlich entlarvt haben, wodurch er auch viel zur Beleuchtung der Geschichte der Karäer beigetragen hat. Endlich hat Harkavy eine große Anzahl jüdischer Handschriften aus dem Dunkel gezogen und mit werthvollen Anmerkungen versehen, einer weiten Oeffentlichkeit zugänglich gemacht. Trotz dieser 40mhrigen angestrengten und segensreichen wissenschaftlichen Thätigkeit auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft hat Professor Harkavy weder an Arbeitskraft noch an geistiger Frische eingebüßt. Vielmehr sieht der Jubilar gegenwärtig auf dem Zenith seiner geistigen Kraft und Leistungsfähigkeit. Möge es ihm vergönnt sein, noch lange aus dieser Höhe zu verbleiben. Das ist der Wunsch, den wir für Abraham Harkavy gelegentlich keines Ehrentages hegen. T. Qdessa. (Wichtige Gerichtsentscheid u n g.) Die kinderlose Wittwe Rachel Postin hat ihren Schwager Rubin Postin um Zahlung von Alimenten verklagt, weil dieser sich hartnäckig weigert, ihr „Ehalitzah" zu geben, und das Qdessaer Kammergericht hat nach eingeholtem Gutachten jüdischer Sachverständigen den Beklagten verurtheilt, seiner Schwägerin 40 Rubel monatlich auszuzahlen. In der Urtheilsbegründung heißt es, daß nach den jüdischen Religionsgesehen eine Wittwe, deren Gatte verstorben ist, ohne Kinder hinterlassen zu haben, nicht eher eine neue Ehe cingehen darf, als bis der Bruder des verstorbenen Gatten an ihr die Vorschrift der „Chalitza" vollzogen habe. Da der Beklagte sich jedoch hartnäckig weigert, an seiner Schwägerin diese Vorschrift zu vollziehen, und diese in Folge dessen daran hindert, eine nach den jüdischen Gesetzen gültige Ehe einzugehen, so ist es nicht mehr als reckit und billig, daß er seine Schwägerin ernähre. Durch dieses Urtheil ist die Chalitzafrage, welche in Rußland in Folge der Weigerung des Schwagers, Ehalitza zu geben, bevor die heirathslustige Schwägerin ihm eine oft für diese unerschwingliche Summe ausgezohlt hat, zu einer wahren Calamität ausgeartet ist, in einem für die Frauen günstigen Sinne gelöst worden. T.